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Sicherungsverfahren in Kiel : Amokfahrt in Ascheberg: Landwirt litt offenbar unter „wahnhafter Symptomatik“

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Mit seinem Trecker zerstörte er Autos und gefährdete Menschen. Der Landwirt handelte „im Zustand der Schuldunfähigkeit“.

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erstellt am 08.Dez.2016 | 15:36 Uhr

Plön/Kiel | Ein 53-jähriger Landwirt, der sich wegen einer Amokfahrt mit seinem Traktor vor Gericht verantworten muss, sieht sich als Opfer von Behörden. Er sei am 4. Mai in Panik geraten und ausgerastet, als er auf seinem Hof einen Polizeibeamten wiedererkannt habe, der ihn bereits 2005 bei einer Festnahme „misshandelt“ habe, ließ der Biolandwirt über seinen Verteidiger am Mittwoch vor dem Kieler Landgericht erklären. Demnach fürchtete er um seine „körperliche Unversehrtheit und Integrität“ und raste los. Mit seinem Traktor schrottete er mehrere Polizeifahrzeuge sowie das Auto eines Tierarztes und einen Privatwagen.

Insgesamt neun Polizeibeamte hatten am 4. Mai zwei Amtveterinäre und einen Tierarzt begleitet, damit sie die Kühe des Biolandwirts mit Ohrmarken kennzeichnen konnten, entsprechend einer Anordnung des Kreises. Frühere Versuche, die Verfügung umzusetzen, waren am Widerstand des Landwirts gescheitert.

Der 53-Jährige traf auf seinem Hof in Ascheberg erst ein, als die Aktion bereits abgeschlossen war. Mit seinem Traktor spießte er dann aber sechs Fahrzeuge, darunter vier Polizeiwagen, auf und schrottete sie, sagte der Staatsanwalt zum Prozessauftakt. Er gefährdete dabei mehrfach Menschenleben, sagte der Staatsanwalt. Mehrere Personen konnten sich nur in letzter Minute aus den attackierten Wagen retten.

Auf eine Beamtin soll der Mann direkt zugefahren sein. Ein anderer Beamter soll noch im Polizeiwagen gesessen haben, während die Gabel des Traktors die Seitentür durchstach.  Erst Schüsse auf die Reifen brachten den Traktor demnach zum Stehen.

Mehrere Beamte überwältigten dann den sich heftig wehrenden 53-Jährigen, sagte der Staatsanwalt. Dabei habe er noch Polizisten durch Tritte und Faustschläge verletzt.

In seiner Erklärung ließ der Beschuldigte über seinen Anwalt mitteilen, dass er Ohrmarken für Tierquälerei halte und seinen über 20 Kühen die Schmerzen ersparen wollte. Strafrechtlich wird der Landwirt für seine Amokfahrt nicht zur Verantwortung gezogen. In dem Sicherungsverfahren geht es auf Antrag des Staatsanwalts um die dauerhafte Unterbringung des Mannes in der Psychiatrie. Zum Tatzeitpunkt litt der Mann, der bereits frühere Klinikaufenthalte hinter sich hat, „unter einer wahnhaften Symptomatik“, sagte der Staatsanwalt. Dadurch sei er nicht in der Lage gewesen, „das Unrecht seines Handelns zu erkennen und aufkommende Aggressionen gegen die Mitarbeiter der Ordnungsbehörden zu kontrollieren“.

Der 53-Jährige war nach Angaben seines Vaters erstmals 1983 nach dem Selbstmord seines Onkels in der Psychiatrie. Später geriet er mehrfach mit Behörden in Konflikt, zwei Mal löste ihn der Vater aus der Haft aus, indem er Geldzahlungen für ihn übernahm. Seinen Sohn beschrieb der Vater vor Gericht als „herzensgut“. „Er war immer ein ganz lieber Junge“, sagte er, der „keinem Lebewesen weh tun könnte“ und der sich „vehement gegen die Markierung der Tiere gewehrt hat“.

Vor seinen Auseinandersetzungen mit den Behörden sei sein Sohn niemals aggressiv gewesen, sagte der Vater. Der Vorsitzende Richter ergänzte: „So ist er auch von anderen durchgehend beschrieben worden“. Von den Behörden aber habe sein Sohn sich aber ungerecht behandelt gefühlt, sagte der 85-Jährige. Der Prozess wird am 22. Dezember fortgesetzt.

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