Am Rand des Total-Kollapses

Oscar Klose
Oscar Klose

Oscar Klose (Naturschutzbund) macht das Agrarsystem mitverantwortlich

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18. Dezember 2017, 12:03 Uhr

Die Befunde sind erschreckend! Innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte hat die Biomasse bei den Fluginsekten um mehr als 75 Prozent abgenommen. Dieser Artenschwund, der ohne Übertreibung als Krise zu bezeichnen ist, macht nicht einmal vor Naturschutzgebieten halt. Dabei war diese Entwicklung lange abzusehen. Bereits die radikalen Bestandseinbrüche der Feldvogelarten wie Schafstelze oder Feldlerche ließen vermuten, dass sich deren aus Insekten bestehendes Nahrungsangebot innerhalb der letzten Jahrzehnte drastisch verringert haben musste. Nun ist die Insektenkrise amtlich und lässt sich weder beschönigen, noch wegdiskutieren.

Vielleicht mag es den einen oder anderen Zeitgenossen freuen, dass er seine Windschutzscheibe im Sommer nicht dauernd von den Überresten verschiedener Fluginsekten befreien muss. Die Insektenkrise ist das Ergebnis einer völlig verfehlten und mit unvorstellbaren Summen von Steuergeldern finanzierten Agrarindustrie, die durch Überdüngung und fast flächendeckenden Insektizid- und Herbizideinsatz Natur und Landschaft an den Rand des Total-Kollapses gebracht hat. Und mit ihr die Artenvielfalt!

Dies betrifft nicht nur die Agrarflächen selbst, sondern auch Schutzgebiete, in denen fortlaufend eine Anreicherung von Schadstoffen aus der Umgebung stattfindet. Schlussendlich werden auch wir Menschen das Nachsehen haben, denn wir werden bald kaum noch in der Lage sein, auf unbelastete Lebensmittel zurückzugreifen.

Auch die Bestäubungsleistung der Insekten – es sind übrigens viel mehr Arten beteiligt als nur die Honigbiene – geht drastisch zurück; mit gewaltigen Folgen für die Nahrungsgrundlagen vieler Tierarten, aber auch für uns Menschen. Ein „Weiter so!“ in der Landwirtschaft ist keine Option! Freiwillige Selbstverpflichtungen der Agrarlobby zur Reduzierung der Chemie im Ackerbau ebenso wenig. Es braucht endlich klare Verbote, um Glyphosat, Neonikotinoide und ähnliche vermeintliche Heilsbringer aus dem Chemiebaukasten weltumspannender Konzern-Kraken ein für alle Mal aus unserer Umwelt zu verbannen.

Eine ökologische Landwirtschaft ist möglich und bezahlbar. Nicht nur jeder Einzelne sollte mit dem Kauf von Produkten aus dem Ökolandbau zu einer Verbesserung der Situation beitragen.Auch bei der Gestaltung unseres eigenen Umfeldes ist oft noch Luft nach oben. Wer Gärten und Grünflächen naturnah gestalten will, verzichtet nicht nur auf Herbizide und Insektizide aller Art, sondern er schafft auch die Lebensgrundlagen für die Wirbellosen und damit für Vögel und andere Artengruppen.

Thuja, Kirschlorbeer und andere exotische Verfehlungen aus dem Baumarkt haben in etwa den ökologischen Wert eines Heizöltanks. Auch die meisten öffentlichen Grünanlagen sind für Schmetterlinge, Grashüpfer und die vielen anderen Tierarten wertlos. Das Potenzial für eine ökologische Aufwertung durch die Anlage von Wildblumenwiesen oder blütenreichen Wild-Hecken und auch mal einer unordentlichen Ecke mit „Unkraut“ etc. ist fast unerschöpflich. Es ist wie immer und überall im Leben: Man muss nur wirklich wollen.


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