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Ostholsteiner Anzeiger

18. Dezember 2017 | 08:15 Uhr

Als Turnen noch politischen Gehalt hatte

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Heinrich Herrmann Riemann war als Redner des Wartburgfestes in den Fokus der Obrigkeit geraten / Sein Wirken als Lehrer in Eutin wurde von Kollegen kritisch beäugt

von
erstellt am 20.Mai.2014 | 11:03 Uhr

Die Riemannstraße beginnt am Voßplatz und schlängelt sich gen Norden Richtung Fissaubrück. Ursprünglich hieß sie „Kieler Straße“, weil man auf ihr vom Sacktor am Ende der Sackstraße (heute „Am Rosengarten“) in Richtung Kiel reiste.

Der Straßenabschnitt ab Holstenstraße hieß bis zur Umbenennung Fuhlnborn, was auf eine Quelle oder ein langsam fließendes Gewässer schließen lässt. Der Straßenname „Fuhlnborn“ wurde dann später für eine andere Straße auf dem Kampgelände neu genutzt.

Im Gegensatz zu heute waren in der Riemannstraße, besonders in ihrem Anfangsteil, früher viele Geschäftshäuser. Hier sah man im Laufe der Zeit unter anderem Lebensmittelhandel, Juwelier, Bettwarenfachgeschäft, Motorradhandel, Friseur, Fahrschule, Klempnerei, Antiquitätenhandel, Schuhmacherei, Reinigung, Second-Hand-Laden, Fahrradhandel und von 1933 bis 1973 eine Bäckerei mit Backstube im Hofgebäude.

Für Nichtortskundige bleibt der Name der Riemannstraße auf weiten Strecken mysteriös, denn die Beschilderung ist eher sparsam. Erreicht man die Riemannstraße von einer Querstraße aus, so muss man bis an ihr Ende fahren, um den Straßennamen zu erfahren.

Benannt wurde die Straße nach Heinrich Herrmann (Arminius) Riemann. Er wurde am 5. Dezember 1793 auf dem Domhof von Ratzeburg, der zu Mecklenburg gehörte, geboren. Dort ging der Sohn eines Theologen auch zur Schule und begann 1812 in Jena das Studium der evangelischen Theologie.

Er war ein politisch denkender Mensch, was nicht nur seine Studienzeit stark geprägt hat. Um seinen Lebensweg zu verstehen muss man die Umstände der Zeit berücksichtigen. Er war in eine politisch und gesellschaftlich wichtige Umbruchzeit hineingeboren.

In Deutschland ging 1806 die Kaiserzeit zu Ende und unter dem Einfluss freiheitlicher Gedanken, die ihren Ursprung in der Französischen Revolution von 1789 hatten, keimte die Hoffnung auf, die Vormachtstellung des Adels und auch die Leibeigenschaft könnten abgeschafft werden. Neben der Gleichheit vor Gericht erhofften sich verschiedenste politische Gruppierungen eine Vereinigung der deutschen Splitterstaaten und die Befreiung von der Macht Napoleons. Riemann war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt und erlebte, wie sich Reformen in allen Bereichen des Lebens ankündigten.

Man spricht von der „Franzosenzeit“ in den Jahren 1806–1813. In dieser Zeit eroberte Napoleon Stück für Stück Deutschland und Europa oder zwang Staaten zur Anerkennung seiner Macht. Er gestaltete die politische Landschaft neu und ließ sich wegen ständiger Kriege von der deutschen Bevölkerung nicht nur finanziell und materiell, sondern auch durch Stellung von Soldaten unterstützen.

Großes Leid war die Folge. Lübeck und weite Teile Ostholsteins fielen ab etwa 1810 an Frankreich, während das benachbarte Holstein vom dänischen König regiert wurde.

Der Widerstand der Bevölkerung gegen die Fremdherrschaft Napoleons gipfelte 1813 in den Befreiungskriegen und der Völkerschlacht bei Leipzig. Viele Studenten meldeten sich freiwillig für den Krieg gegen Frankreich. So traf Riemann im Lützowschen Freicorps auf Friedrich Ludwig Jahn, später „Turnvater Jahn“ genannt, den er bewunderte und dessen Ideen über das Turnen ihn inspirieren sollten.

Trotz des Sieges über Napoleon kam es in Deutschland nicht zur Einheit und auch der Adel blieb, gestützt durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses, an der Macht. Dennoch verfolgten Reformer wie Jahn und Riemann die freiheitlichen Gedanken weiter.

Riemann wurde Sprecher seiner Studentenvereinigung, der Jenaer Urburschenschaft, und hielt auf dem Wartburgfest 1817 eine Rede, die zur Einheit Deutschlands in Freiheit aufrief. Durch diese Rede blieb er für lange Zeit im Fokus der Mächtigen.

Die Burschenschaften wurden 1819 verboten, die politisch engagierten Studenten als Demagogen verfolgt, verhaftet und in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht. Sie galten als Vaterlandsverräter.

Während seiner Anstellung als Privatlehrer in Boizenburg nahe Hamburg (1818-1821) war Riemann für mehr als einen Monat in Haft und stand lange unter polizeilicher Aufsicht. Unter diesen Umständen war es schwer, eine gut bezahlte Arbeit zu bekommen, zumal er das Studium ohne Abschluss beendet hatte.

Ohne finanzielle Sicherheit konnte Riemann aber keine Familie gründen. Durch Beziehungen und Geduld erlangte er 1821 die Anstellung als Hilfslehrer in Eutin und heiratete seine Verlobte Henriette Gensler, mit der er zwei Kinder hatte.

Als Lehrer für Mathematik, Geschichte und Geographie war Riemann an der Eutiner Stadtschule tätig. Neben dem offiziellen Unterricht organisierte er einen freiwilligen, regelmäßigen und sehr beliebten Sportunterricht in den Nachmittagsstunden. Mit seinen Schülern wanderte er hinaus ins Prinzenholz, wo auf einer Anhöhe über dem Kellersee ein Turnplatz eingerichtet wurde. Hier erinnert heute ein Gedenkstein an Riemann, der von ehemaligen Schülern 1876 errichtet wurde. Entsprechend der Ideen von Jahn wurden an diesem Platz im Wald zum Beispiel Reck und Barren zum Turnen genutzt.

Während der langen Wanderungen zum Sportplatz gab Riemann den jungen Herren auch noch Gesangsunterricht. Mädchen wurden an der Schule nicht unterrichtet, aber Riemann gab für sie stundenweise gesonderten Unterricht.

Mit großem Misstrauen beobachteten die anderen Lehrer und auch der Schulaufsichtsbeamte das sportliche Treiben. Turnen war zu der Zeit eher unüblich. Man befürchtete, dass die Anstrengung den Schülern schaden und ihnen sowohl Zeit als auch die Kraft zum Lernen nehmen könne.

Das Misstrauen der Kollegen und Vorgesetzten, verbunden mit dem fehlenden Studienabschluss, verwehrten Riemann trotz großen Engagements einen beruflichen Aufstieg in Eutin. 1828 verließ er die Stadt, um am Gymnasium in Friedland/Mecklenburg zu arbeiten. Später wurde er dort Pastor an der Marienkirche.

Das Turnen wurde in Eutin nach Riemanns Weggang nicht lange weiterbetrieben, obwohl die Schüler versuchten, allein weiterzumachen. Den Lehrern war der Weg ins Prinzenholz zu beschwerlich. Ein näher gelegener Platz wurde zwar bereitgestellt, aber nicht genutzt.

Das Turnen wurde in Deutschland im Zuge eines Umdenkens erst ab 1837 schrittweise wieder eingeführt und gehörte in Preußen ab 1842 offiziell zum Unterricht. Heute erinnert der Vereinsname „Turnerschaft Riemann“ an die sportlichen Anfänge und ihren Förderer in Eutin.

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