Bombardierung Kiels vor 75 Jahren : Als ein abgeschossener US-Bomber führerlos bei Nüchel abstürzte

Der Krieg vor der eigenen Haustür: Fassungslos schauen einige Nücheler die rauchenden Trümmern der B-17 an. An der ehemaligen Absturzstelle erinnert heute nichts mehr an die Tragödie vor 75 Jahren.
Der Krieg vor der eigenen Haustür: Fassungslos schauen einige Nücheler die rauchenden Trümmern der B-17 an. An der ehemaligen Absturzstelle erinnert heute nichts mehr an die Tragödie vor 75 Jahren.

Vor 75 Jahren stürzte ein US-amerikanischer Bomber neben dem Dorf ab. Abgeschossen wurde er bei der Bombardierung Kiels.

shz.de von
18. Mai 2018, 16:48 Uhr

Nüchel | 123 Bomber vom Typ Boeing B-17 starteten am Mittwoch, 19. Mai 1943, von England aus zum Bombenangriff auf Kiel. Dort sollte vorrangig die U-Boot-Werft zerstört werden. 103 Maschinen bombardierten schließlich das Ziel zwischen 13.29 und 13.33 Uhr. 28 der viermotorigen Flugzeuge wurden durch Flak und Jäger der deutschen Luftwaffe beschädigt, sechs B-17 abgeschossen. Eine von ihnen ist die B-17 mit der Serien-Nummer 41-24624 unter dem Kommando von Captain Charles D. Clark von der 366th Bombardment-Squa-dron.

Der von der Besatzung damals zuvor bei einer anderen Staffel ausgeliehene Bomber mit dem Kennzeichen „JJ-J“ und dem Spitznamen „Madame Betterfly“ hatte über Kiel Treffer erhalten. Drei Besatzungsmitglieder starben dabei an Bord – die Bordschützen Kenneth L. Edwards, Earl H. Rheinhardt und Louis P. Haviland. Die restlichen sieben Mann der Crew beschlossen aufgrund der großen Beschädigungen an der Maschine, die einen Weiterflug unmöglich machten, mit dem Fallschirm auszusteigen.

Ausflug zur Absturzstelle: Rund 40 Personen sind auf dem Foto zu erkennen. Der Pfeil markiert die rauchenden Trümmer.
Ausflug zur Absturzstelle: Rund 40 Personen sind auf dem Foto zu erkennen. Der Pfeil markiert die rauchenden Trümmer.
 

Überlebende in Lager gesteckt

Das führerlose Flugzeug flog Richtung Südosten – geradezu in Richtung Nüchel. Dort fing die waidwunde Maschine an zu trudeln, schraubte sich bedrohlich auf die Häuser der Ortschaft zu. Hans Lorenzen, damals 15-jähriger Schmiedelehrling in Nüchel, stand zusammen mit seinem Meister und beobachteten den Flugweg der silbrig-glänzenden Maschine. „Als das Flugzeug begann abzustürzen, rief mein Meister: ,Schnell in den Bunker!‘“, erinnert sich Lorenzen. In dem Keller unter dem Haus warteten sie den Aufschlag ab. Der US-Bomber bohrte sich jedoch – zum Glück für die Nücheler – wenige hundert Meter östlich der Siedlung auf einem Acker in den Boden.

Der Bomber wurde fast vollständig zerstört. Die Reste brannten weitgehend aus. Nur das Leitwerk blieb zurück. Und drei Leichen.
Kaacksteen
Der Bomber wurde fast vollständig zerstört. Die Reste brannten weitgehend aus. Nur das Leitwerk blieb zurück. Und drei Leichen.
 

Bereits wenig später pilgerten die Menschen aus der Umgebung bei schönsten Frühlingswetter zur Absturzstelle. Die rauchenden Trümmer waren von der Straße aus gut zu erkennen. Auch Hans Lorenzen nahm sie mit seinem Meister in Augenschein. Der Vater von Lorenz Kaacksteen griff sogar zu seiner Kamera und dokumentierte das Ganze – unter anderem fotografierte er auch das fast sechs Meter hohe Leitwerk, das auf dem Acker liegen blieb.

Lorenz Kaacksteen hat die Fotos seines Vaters aufbewahrt. Dieser hatte die Bilder unmittelbar nach dem Absturz aufgenommen.
ask
Lorenz Kaacksteen hat die Fotos seines Vaters aufbewahrt. Dieser hatte die Bilder unmittelbar nach dem Absturz aufgenommen.
 

Die Überlebenden der B-17 – Charles D. Clark, Robert L. Ruse, John J. Ward, Charles R. Woodworth, Everett A. Howard, Kenneth W. Baldridge und Lewis F. Clayton – wurden nach ihrer Landung von den Deutschen festgenommen. Sie verbrachten den Rest des Krieges in Gefangenenlagern.

Für die US-Luftwaffe galt Captain Clarks Bomber zunächst als vermisst; in einem offiziellen Bericht heißt es, der Bomber sei in die Kieler Förde gestürzt. Dass dem nicht so war, erfuhr das US-Militär erst, als sich die abgeschossenen Besatzungsmitglieder per Brief in ihrer Heimat meldeten. Nach Kriegsende erbeuten die Alliierten zudem deutsche Unterlagen, aus denen der Verlust der „JJ-J“ bei Nüchel hervorging.

Weitere Abstürze rund um Malente

Die Boeing B-17 konnte fast drei Tonnen Bomben transportieren und hatte zehn Mann Besatzung.
Foto: USAF
Die Boeing B-17 konnte fast drei Tonnen Bomben transportieren und hatte zehn Mann Besatzung.

Die Boeing B-17 war jedoch nicht die letzte Maschine, die bei Malente ihr fliegerisches Ende fand: Ein zweimotoriger britischer Bomber vom Typ Vickers „Wellington“ Mk. II mit der Serial-Nummer W5567 und dem Kennzeichen „SM-M“ war in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 zwischen Malente und Benz – genauer: bei Bruhnskoppel – notgelandet. er war beim Angriff auf Lübeck von der Flak abgeschossen worden. Die sechs Männer der Besatzung kamen nach der Landung in Kriegsgefangenschaft.

Am 17. Juni 1944 war es eine deutsche Maschine – eine Heinkel He 111 der Reichsstelle für Hochfrequenzforschung – die bei Malente infolge eines Motorschadens notlanden musste. Das zweimotorige Flugzeug wurde dabei zu 80 Prozent zerstört, zwei Besatzungsmitglieder erlitten beim Absturz Verletzungen.

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