Malente : Aids-Aufklärung ohne Tabus

Anhand solcher Piktogramme erklären die Aids-Aufklärer, wobei das Virus übertragen werden kann.
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Anhand solcher Piktogramme erklären die Aids-Aufklärer, wobei das Virus übertragen werden kann.

An der Schule an den Auewiesen vermittelten zwei junge Pädagogen den Schülern, wie sie sich vor einer Infektion schützen können.

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07. April 2011, 11:12 Uhr

Vor Phillip sitzen elf Jungs aus der 8a. Der 23-Jährige ist Mitarbeiter der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Kiel und spricht heute in der Gemeinschaftsschule an den Auewiesen mit den Jugendlichen über Aids. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund: "Wenn ihr blast oder geblasen werdet, kein Sperma schlucken", warnt er. "Warum nicht?", will ein Schüler wissen und erhält eine Antwort: "Dann hast du das infizierte Zeug im Körper und dann herzlichen Glückwunsch", erklärt Phillip.

Der junge Kieler, der hier so selbstsicher vor den Schülern steht, ist Aids-Aufklärer im Nebenjob. Die pädagogischen Erfahrungen, die er hier sammelt, wird er später einmal brauchen können. Denn er studiert auf Lehramt, will einmal Gymnasiallehrer für Französisch sowie Wirtschaft und Politik werden. Vor den Jugendlichen hängt eine große Karte, auf der symbolisch verschiedene Sexualpraktiken und anderes wie der Besuch beim Zahnarzt, Mückenstiche oder die gemeinsame Nutzung einer Zahnbürste dargestellt sind. Die Frage lautet: Wie hoch ist die jeweilige Ansteckungsgefahr mit dem Aids-Virus? "Ein Zahnarzt-Besuch ist auf jeden Fall sicher", sagt Phillip.

Später stoßen zu der Gruppe die zehn Mädchen der Klasse hinzu. Sie haben sich mit der Sozialpädagogik-Studentin Wienke Jacobsen (24) getrennt von den Jungs mit dem Thema befasst und beispielsweise geübt, wie ein Kondom richtig benutzt wird. Auch zu Beginn - bei der "Aufwärmrunde" - sind die Mädchen dabei. Dabei spielen die beiden angehenden Pädagogen das Sex-ABC mit den Schülern. Die Aufgabe: Zu jedem Buchstaben im ABC sollen die Schüler einen Begriff finden, der mit Sex und Liebe zu tun hat. Danach sind nicht nur erste Hemmungen abgebaut, offen über das Thema zu sprechen, weiß Phillip. Es zeigt sich auch, das Jugendliche heute Begriffe kennen, die manch älterem Semester wahrscheinlich die Schamesröte ins Gesicht treiben würden. Doch damit haben die beiden Aids-Aufklärer kein Problem: "Wir haben schon viel gehört, uns schlackern die Ohren nicht", gibt Phillip zu verstehen.

Zum Abschluss gibt es für die ganze Klasse noch ein Spiel, das zum Nachdenken anregen soll. Die Schüler sollen entscheiden, wen sie retten würden, wenn sie mit einer Wunderpille Aids heilen könnten. Das Problem: Sie müssen sich für eine Person entscheiden. Zunächst entscheiden sich fast alle für das Baby. Zum Schluss will die Mehrheit ein junges Mädchen retten, nachdem die Schüler erfahren haben, dass sie als Zwangsprostituierte arbeiten muss und das dem Baby wahrscheinlich auch der Hungertod droht. Zwischenzeitlich bekam auch eine junge Frau, die kurz vor der Heirat steht, sechs Stimmen, doch als die Schüler erfahren, dass sie sich angesteckt hat, als sie fremdgegangen ist, will ihr niemand mehr helfen. "Man bewertet Leute, obwohl man nichts über sie weiß", erklärt Wienke Jacobsen. Es gehe darum klarzumachen, dass man erst über Menschen urteilt, wenn man etwas über sie erfahren hat.

Insgesamt sechs 8. und 9. Klassen sind an drei Tagen in den Genuss der Aids-Aufklärung gekommen. Zum Schluss gehen bei der 8a alle Daumen hoch, als Phillip fragt, wie den Schülern die Veranstaltung gefallen hat. Das positive Votum hat sich offenbar schnell herumgesprochen. "Wir wollen das auch haben", sagten einige Mädchen auf dem Flur zu Wienke Jacobsen. Die Lehrer hätten dem bereits zugestimmt, berichtet sie.

> Die Mitarbeiter der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung bieten Aids-Präventionskurse auf Wunsch auch an anderen Schulen an. Informationen gibt es unter Telefon 0431/94294, die E-Mail-Adresse lautet gesundheit@lvgfsh.de.

www.lv-gesundheit-sh.de

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