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Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 05:56 Uhr

Afghanen lassen sich nicht einschüchtern

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der April war in Afghanistan weiter von der Präsidentschaftswahl und allem, was damit einherging, geprägt. Die größte und durchaus sehr positive Überraschung bot zunächst einmal der Wahltag selbst. Jeder hatte damit gerechnet, dass nach den vielen Anschlägen und Drohungen der Taliban vor dem Wahltag die Wahlbeteiligung sehr niedrig ausfallen würde.

Das Gegenteil war der Fall. Es gab eine riesige Wahlbeteiligung. Knapp sieben Millionen Afghanen machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Zum Teil standen die Menschen stundenlang in kilometerlangen Warteschlangen – nur um wählen zu können. Diese Tatsache hat vor allen Dingen der weltweiten Öffentlichkeit, die diese Wahlen sehr genau mitverfolgt hat, eines bewiesen: Nämlich dass sich die afghanische Bevölkerung niemals einschüchtern lässt, weder von Taliban, noch von Bomben und Waffen fremder Mächte. Auch wenn die Wochen zuvor von vielen Anschlägen überschattet worden waren, blieb der Wahltag friedlich und ohne Zwischenfälle.

Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl stehen mittlerweile fest. In den vergangenen Wochen wurden in einem gewissen zeitlichen Abstand immer wieder Zwischenergebnisse veröffentlicht.

Da die Stimmen der Einwohner jeder Provinz ausgezählt werden mussten und es zum Teil anscheinend auch nicht ganz einfach war, die Stimmzettel aus den Provinzen in die Hauptstadt zu schaffen, hat alles etwas länger gedauert. Die Wahlzettel wurden in abgeriegelten Behältern über teilweise sehr gefährliche und unzugängliche Wege von Mitarbeitern der Wahlkommission aus den verschiedenen Provinzen in die Hauptstadt Kabul gebracht.

Es gab dieses Mal wieder, genauso wie bei der Wahl 2009, Beschwerden: Besonders in den östlichen Provinzen,wo es aufgrund der unsicheren Lage kaum Wahlbeobachter gab, soll es Manipulation gegeben haben.

Abdullah Abdullah, der Kandidat, der dem Westen besonders nahe steht, hat die erste die Runde der Wahl gewonnen. Da er jedoch weniger als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte,wird es nun zu einer Stichwahl zwischen Abdullah und dem zweitplatzierten Ahmadzai kommen.

Abdullah war ein Favorit bei dieser Wahl. Dennoch war die Deutlichkeit, mit der er die erste Runde für sich entschieden hat, überraschend. Abdullah lag den letzten Zählungen zufolge knapp zehn Prozentpunkte vor dem zweitplatzierten Ahmadzai. Alle anderen Kandidaten einschließlich des ehemaligen Außenministers Zalmay Rassoul waren absolut chancenlos.

Dennoch wird es für die beiden verbliebenen Kandidaten jetzt von Bedeutung sein, ob sie die Stimmen der Anhänger der anderen Kandidaten für sich gewinnen können oder nicht. Deshalb beginnt jetzt die Phase, in der hinter den Kulissen politische Bündnisse geschmiedet werden. Sowohl Abdullah als auch Ahmadzai werden allen voran versuchen, die Anhänger des drittplatzierten Zalmay Rassoul für sich zu gewinnen.

Nach meiner Ansicht ist es für die Zukunft Afghanistans nicht ausschlaggebend,welcher der Kandidaten die Wahl gewinnt. Solange die USA ihre militärischen Basen in Afghanistan haben und versuchen, das Land politisch zu beeinflussen, wird sich auch an der aktuellen Situation nichts ändern.Es wäre naiv zu glauben, dass die US-Amerikaner nicht auch bei dieser Wahl versucht hätten, die Fäden zu ziehen. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert Gates hat gerade erst öffentlich behauptet, dass die US-Regierung bei der Wahl im Jahr 2009 versucht habe, eine Wiederwahl des amtierenden Präsidenten Karzai zu verhindern. In einer im Januar veröffentlichten Biografie hat Gates eine Medienkampagne und eine Unterstützung von anderen Kandidaten als „unbeholfenen Putsch“ bezeichnet.

US-Regierungssprecherin Caitlin Hayden, die sich mit dem Thema auskennt, weil sie zur fraglichen Zeit Beraterin des US-Botschafters in Kabul war, hatte Gates Darstellung als „kategorisch falsch“ bezeichnet: „Das Interesse der USA war ein stabiles Afghanistan mit glaubwürdigen Wahlen – nicht Sieg oder Niederlage bestimmter Kandidaten.“ Trotzdem ist klar, dass die Beziehungen zwischen den USA und Karzai 2009 schon sehr schlecht waren. Und es fällt auf, dass beide in die Stichwahl gehende Kandidaten den USA in vielerlei Hinsicht wohlwollend gegenüber stehen und beide eine enge Verbindung mit der Regierung in Washington pflegen.

Im vergangenen Monat habe ich mehrfach Handwerker und einfache Arbeiter besucht, um mir ein Bild von
ihrem Alltag und ihrer Arbeit zu machen. Afghanistan ist ein Land, in dem man auf traditionelle und durch die
eigenen Hände verrichtete Arbeit noch sehr viel Wert legt. Ob bei der Kleidung, bei einfachen Haushaltsgeräten oder bei Tischen und Stühlen: Fast alles wird per Hand gefertigt. Deshalb sind die Waren hier in der Form sehr schlicht und minimalistisch, aber meistens dennoch hochwertig.

Möchte man sich beispielsweise die traditionelle afghanische Tracht namens „Peran Tumban“ kaufen, geht man zunächst zu einem Schneider. Dieser nimmt dann genau Maß und fertigt die Kleidung mit den gewünschten Stoffen maßgenau an.

In Deutschland kaufen fast alle Menschen ihre Kleidung von der Stange. In Afghanistan jedoch suchen viele erst die gewünschten Stoffe und gehen mit diesen zum Schneider, der innerhalb kürzester Zeit die gewünschte Kleidung fertigt. Ob man hier in einen Laden geht oder sich Kleidung maßgenau fertigen lässt, macht preislich kaum einen Unterschied. Häufig ist es sogar teurer, fertige Ware zu kaufen.

 

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erstellt am 05.Mai.2014 | 12:55 Uhr

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