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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 01:54 Uhr

Adeles schwieriger Start ins Leben

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Franziska Hesse und ihre Tochter können Weihnachten zu Hause feiern / Künstlerin gestaltet Kinderbuch aus Erlebnissen im Krankenhaus

von
erstellt am 23.Dez.2013 | 00:34 Uhr

Unendlich viele Kabel, eine Bildschirm-Überwachungs-Armada und Beatmungsgeräusche: Als Franziska Hesse (34) ihre gerade erst geborene Tochter auf der Intensivstation der Kieler Uniklinik besucht, ist sie geschockt. Adele, heute sechs Wochen alt, kam mit einem hypoplastischem Linksherzsyndrom auf die Welt. Heißt, ihre linke Herzkammer ist verkümmert und die Hauptschlagader verengt. Binnen drei Operationen, die erste am dritten Tag nach der Geburt, „bauen“ die Ärzte den kleinen Herzkreislauf so um, dass die rechte Herzkammer die komplette Versorgung des Körpers übernimmt.

Doch von vorn: Die junge Künstlerin aus Dresden bekam die Diagnose in der 23. Schwangerschaftswoche. „Es zog mir den Boden unter den Füßen weg“, erzählt sie. Auch, weil die diagnostizierende Ärztin mit dem Krankheitsbild überfordert schien, nicht richtig aufklären konnte. Die junge Mutter stellte sich auch die Frage, die alle schwangeren Frauen scheuen: Werde ich mein Kind verlieren? „Erst nach dem Gespräch in Kiel mit dem Direktor der Kinderkardiologie wusste ich, was dieses Krankheitsbild bedeutet, was auf uns zu kommt und passieren kann.“ Danach wusste sie für sich: „Wenn mein Kind schon stirbt, dann auf natürlichem Weg und erst nachdem wir alles versucht haben.“

Zwei Wochen vor der Geburt reist sie mit ihrem Freund nach Schleswig-Holstein, macht in Kiels Umgebung eine Woche Urlaub auf dem Bauernhof. Eine Woche vor dem Termin bezieht sie ihr Zimmer im Ronald McDonald Kinderhaus, eine Bleibe für Eltern von herzkranken Kindern. Die Gefühle kurz vor der Geburt sind gemischt: „Zum einen will man endlich wissen, wie es ist, mit der Krankheit im Alltag umzugehen. Auf der anderen Seite will man sein Kind im Mutterleib behalten, denn da ist es geschützt“, erinnert sie sich. Denn vor der Geburt wird das Kind komplett durch die Nabelschnur über den Organismus der Mutter versorgt und ernährt. Erst, wenn der kindliche Kreislauf davon abgenabelt wird, ist das Problem für den kleinen Körper spürbar.

Die Geburt am Nachmittag des 5. Novembers war für Franziska Hesse ein zwiespältiges Ereignis. Einerseits freute sie sich über die Ankunft der kleinen Tochter. Gleichzeitig brach damit die Zeit des Bangens an. Nur ein paar gemeinsame Minuten waren Adele und ihrer Familie gegönnt, dann wurde sie im Inkubator auf die Intensivstation gebracht. Drei Tage später die erste, lebenserhaltende Operation: Der rechte Ventrikel wird mit der Aorta verbunden und ein so genannter Shunt, ein Kunststoffröhrchen, eingesetzt, damit mehr sauerstoffreiches Blut in die Lunge fließen kann. Das Risiko: Das Röhrchen kann sich zusetzen. „Es war wie im Film, wir haben uns von ihr verabschiedet, die Fahrstuhltür ging auf und man weiß nicht, ob sie damit wieder zurück kommt.“ Bange Stunden des Wartens. Sechseinhalb Stunden später der erlösende Anruf: „Adele geht’s gut.“ Doch als Franziska Hesse und ihr Freund die gemeinsame Tochter besuchen wollen, ist ihre Zimmertür abgeschlossen. Der nächste Schock. „Sie mussten sie nochmal aufmachen, der Shunt hat sich zugesetzt“, sagen die Schwestern. Weil der kleine Körper bei einer solchen Operation mit Wassereinlagerung reagiert, bleibt Adeles Brustkorb vier Tage geöffnet, vor Keimen und Bakterien geschützt durch eine Membran und ein großes Pflaster. „Danach ging alles ganz schnell“, erzählt sie rückblickend. „Das Kind schält sich frei, jeden Tag ein Kabel weniger. Man sieht nicht mehr nur die Krankheit im Vordergrund, sondern das Kind kommt plötzlich selbst zum Vorschein.“

Adele soll Nestwärme spüren, es trotz Klinikalltag kindlich schön haben: Ein Mobilé hängt über ihr, täglich sitzt ihre Mutter am Bett, erzählt ihr etwas oder liest vor, damit sie sich an ihre Stimme gewöhnt. Und sie fotografiert und zeichnet – alles, was den Alltag von Adele ausmacht – das ist ihre Art, mit den Ängsten umzugehen und sie Betroffenen zu nehmen. Ihre Dokumentation rund um Adeles Klinikaufenthalt ist vollständig – er steht für das Schicksal von hundert Familien im Jahr, denn so viel werden allein im Schnitt in Kiel behandelt. „Ich möchte anderen Eltern und größeren Geschwistern die Ängste nehmen, zeigen, dass trotzdem Alltag stattfindet und Hemmschwellen abbauen“, sagt die Künstlerin, die anhand der Skizzen und Zeichnungen ein Kinderbuch plant, in dem auch Adele eines Tages blättern können soll. „Man kann sich im Vorfeld nicht ausmalen, wie alles wird. Aber es sind Ängste, die man lernt auszuhalten, auch die Ungewissheit.“

Auf die Idee zum Buch kam sie, weil sie ihrer großen Tochter (8) und den Kindern ihres Freundes regelmäßig erklärt, wie es der kleinen Adele geht. Die Zeichnungen und Bilder helfen ihnen, es zu verstehen und sich vorstellen zu können. Und wie geht es für Adele weiter? „Man sagt, nach der zweiten überstandenen Operation, wenn das Kind rund fünf Kilo wiegt, hat man es in trockenen Tüchern.“ Bis dahin kann Adele mit ihrer Familie zurück nach Dresden und Weihnachten zu Hause feiern.

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