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Ostholsteiner Anzeiger

20. November 2017 | 05:18 Uhr

„Abschiednehmen mit Leben füllen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

20 Jahre Hospizinitiative / Festakt in der St.-Michaelis-Kirche / Gastredner: Dr. Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister Bremens

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2017 | 17:01 Uhr

Unter dem Leitgedanken „Das Leben geht bis zum Tod“ stand der Festvortrag zum 20-jährigen Bestehen der Hospizinitiative Eutin am Samstagnachmittag in der St.-Michaelis-Kirche. Als Redner eingeladen war Dr. Henning Scherf, der ehemalige Bürgermeister Bremens, der sich seit Jahren für die Hospizbewegung engagiert. Brigitte Maas, Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende der Hospizinitiative Eutin, stimmte das Publikum in ihrer Begrüßung auf das Motto ein. Jeder wisse um die Endlichkeit des Lebens, kenne aber nicht seine persönliche Zeitspanne. Das sei der Grund, warum wir Menschen trotz dieser Gewissheit Häuser bauen und Apfelbäume pflanzen.

Ein bewusster Umgang mit dem Tod und etwas abzugeben an Menschen, die gehen werden, sei bereichernd für das eigene Leben, so Maas. Sie bedankte sich im Namen der Hospizinitiative bei allen Ehrenamtlichen, den Mitarbeitern und den Förderern, die sich leidenschaftlich für die gemeinsame Aufgabe einsetzten.

Was mit Gesprächen über Ethik begann präsentiert sich heute, zwei Jahrzehnte später, als ein Verein mit vielfältigen Aufgaben. Diese beziehen sich im Wesentlichen auf die Begleitung von Sterbenden, der Unterstützung der Angehörigen und der Trauerbegleitung. Ein besonderer Dank für die unkomplizierte Zusammenarbeit ging an die Kirchengemeinde, vertreten durch Pastorin Maren Löffelmacher und den Küster Detlef Kähler.

Rund 270 Zuhörer wurden anschließend durch das Trio „Tribunt“ mit Walzertönen und Klezmermusik hervorragend unterhalten, was man an manchem im Rhythmus der Musik wippenden Fuß ablesen konnte.

Da sich die Anreise des Gastredners durch Verkehrsprobleme verzögerte, nutzte Birgit Stender spontan die Gelegenheit, aus der direkten Arbeit der Hospizbegleiter zu berichten. Diese würden sich nicht nur um den Sterbenden, sondern auch um deren Familien bemühen und ihnen allen Halt geben. Das gelte in der eigenen Wohnung genauso wie im Heim oder im Krankenhaus.

Unter dem Applaus des Publikums betrat wenig später Dr. Scherf die Michaeliskirche und nahm die Zuschauer mit in seine Vorstellungen und Wahrnehmungen in Bezug auf Alter und Sterben. Er sei schon als kleiner Junge durch die Kriegserlebnisse dem Tod begegnet und habe sich in Gesprächen mit seiner Großmutter intensiv mit dem Thema befasst. Das hätte geprägt und ihn sein Leben lang nicht losgelassen.

„Als ich vor zwölf Jahren, mit siebenundsechzig, mein Berufsleben beendete“, so Scherf, „wollte ich noch einmal etwas ganz Neues anfangen“. Der erste Schritt war ein Wohnprojekt mit Menschen im gleichen Alter. Seine Frau habe ihn dann auf die Idee gebracht, sich um Alternde und Gebrechliche zu kümmern. Er wohnte daraufhin über ganze Wochen in verschiedenen Heimen für Demenzkranke, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Er habe dabei Impulse bekommen, die ihn persönlich gestärkt hätten.

„Als der Gedanke an Hospizgesellschaften aufkam, hatte ich Zweifel, ob sich das in unserem Land, in dem es um Geld und immer noch mehr Geld geht, durchsetzen lässt“, berichtete Scherf von seinen Anfängen in der Hospizbewegung und seinen Zweifeln. Heute jedoch gäbe es mehr als 20  000 Menschen, die sich aktiv einsetzen. Scherf hält diese Arbeit für eine zentrale menschliche Aufgabe und warb dafür jede Zeit zu nutzen und mit Leben zu bereichern. Er machte darauf aufmerksam, dass die Alten immer mehr würden: „Es ist eine humane Chance, wenn wir uns alle gegenseitig stützen.“ Es sei nicht klug, den Gedanken an den Tod zu verdrängen und wegzuschieben. Auch das Abschiednehmen könne man mit Leben füllen.

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