Abschied am Gedenkstein

Mit der Niederlegung eines Blumengestecks gedachten Vertriebene, Angehörige und Bürgervorsteher Dieter Holst (hinten Mitte) der Schließung des Heimatmuseums Neustettin. Vorn Mitte Gesine Reinstrom und Fedor Mrozek, dahinter Friedrich Schreiber, rechts Ilse Knop.
Mit der Niederlegung eines Blumengestecks gedachten Vertriebene, Angehörige und Bürgervorsteher Dieter Holst (hinten Mitte) der Schließung des Heimatmuseums Neustettin. Vorn Mitte Gesine Reinstrom und Fedor Mrozek, dahinter Friedrich Schreiber, rechts Ilse Knop.

Heimatmuseum Kreis Neustettin muss Umbau der Reithalle weichen / Historiker sieht Schließung als eine zweite Vertreibung

shz.de von
01. Juli 2018, 16:07 Uhr

Das Heimatmuseum Kreis Neustettin in Eutin schließt, die Erinnerung bleibt. Mit Wehmut nahmen ehemals Vertriebene und ihre Angehörigen, darunter Fedor Mrozek, Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen, und Museumsleiterin Rita Kennel im Beisein von Bürgervorsteher Dieter Holst am Wochenende Abschied von der Einrichtung, die dem Umbau der historischen Reithalle weicht.

Auch der 97-jährige Friedrich Schreiber war zur Gedenkfeier erschienen. Er hatte vor 26 Jahren mit seinem Bruder Ulrich und Ilse Knop aus Malente das am 21. Februar 1992 eröffnete Museum eingerichtet. Die Schreibers hatten 1985 den Stein gestiftet, dessen Inschrift „1310 bis 1985“ zum Jahresende in „1310 bis 1945“ umgestaltet werden soll.

In einem halbem Jahr – am 31. Dezember – endet die Ära des Heimatmuseums. Von da an solle der Stein daran erinnern, dass es in Pommern von 1310 bis 1945 die Stadt Neustettin gegeben habe, erklärte Gesine Reinstrom, Vorsitzende des Neustettiner Kreisverbandes. Sie äußerte am Neustettin-Gedenkstein neben dem Museum den Wunsch nach einer Vitrine im Eutiner Rathaus oder im Kreishaus als ständige Einrichtung. Das konnte Dieter Holst nicht zusagen. Allerdings stellte er in Aussicht, dass die Neustettiner einmal im Jahr eine Ausstellung im Rathaus oder im Bauamt gestalten könnten, um die Erinnerung zu pflegen. „Es ist wichtig, dass es Orte gibt, die Erinnerung wachzuhalten“, so Holst. Die Tatsache, dass der Museumsbestand eine neue Heimat findet, mache der Stadt die Verantwortung leichter, dass sie den Mietvertrag habe kündigen müssen.


Schriften und Inventar wird aufgeteilt

Nach Reinstroms Worten werden die Schriften verteilt auf die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne und das Archiv des pommerschen Greif in Züssow. Die Exponate gehen ins Pommersche Landesmuseum in Greifswald, in die Ausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung in Berlin und in das Dorf- und Schulmuseum in Schönwalde. Das Museum lebe weiter in einem virtuellen Rundgang im Internet.

Mrozek betonte, er empfinde es als Verlust, dass das Museum aus der Öffentlichkeit verschwindet, und hätte das Angebot gleichwertiger Ersatzräume durch die Stadt oder eine dauerhafte Ausstellungsecke mit ein paar Exponaten als Geste den Neustettinern gegenüber begrüßt.


Probleme auf dem Weg in die Zukunft

Die Schließung sei wie eine zweite Vertreibung aus der Heimat, die Sammlung ein symbolischer Ort der Sicherstellung, dass die eigene Geschichte nicht vergessen wird, erklärte der Historiker Dr. Wolfgang Kessler in einem Vortrag. Es seien immer Einzelne, die sich engagiert hätten. Es fehle fast überall an aktiver Weiterentwicklung, die Heimatmuseen gingen zurück. Finanzielle Mittel würden knapper, Zeitzeugen würden immer weniger. Nachgeborene könnten nur Erzählungen ihrer Voreltern weitergeben. Doch die individuelle Erinnerung könne einem keiner nehmen. „Vielleicht gelingt es, eine Kommunikationsplattform zu installieren“, erklärte Kessler im Hinblick auf eine digitale Präsentation. Auch diese brauche Geld, Personal und Leute, die sich engagierten. Der Neustettiner Kreisverband werde diese Arbeit nicht leisten können.
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