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Abgeschoben: „Du bist ein intelligenter Junge, du schaffst das“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Sie kommen, wenn die Stadt noch schläft: Beamte der Polizei, des Landesamtes und der Ausländerbehörde des Kreises waren gestern in den frühen Morgenstunden im gesamten Kreis Ostholstein unterwegs, um Menschen aus Serbien, dem Kosovo und Albanien abzuholen, deren Asylanträge ablehnend entschieden wurden, wie es im Verwaltungsdeutsch heißt.

Die Menschen wissen darum, dass sie wieder zurück müssen, da sie aus einem als sicher eingestuften Herkunftsland kamen. Ein roter Strich in ihren Papieren zeigt, dass sie in Deutschland nur geduldet sind – bis zu jenem Tag, an dem es plötzlich klingelt.

Auch aus Eutin wurden schon mehrere Familien abgeschoben. Unter den 96 Asylbewerbern, die gestern größtenteils aus Ostholstein abgeschoben wurden, soll auch eine Familie aus Eutin gewesen sein. Für Helfer und Ehrenamtler vor Ort werden aus Zahlen des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten dann Einzelschicksale. So wie vor rund einem Monat, als es an der Tür einer armenischen Familie in Eutin klingelte. Gülcin Holtzermann, ehrenamtliche Eutinerin der ersten Stunde, berichtet: Um sechs Uhr morgens klingelte mein Telefon: ‚Frau Gülcin, wir werden abgeschoben‘, sagte Simon, der Sohn der Familie.“ Für Gülcin Holtzermann sei es furchtbar gewesen. „Ich konnte niemanden anrufen, keinen Rechtsanwalt, niemanden, der noch einen Rat wusste, wie man das verhindern kann.“ Die Familie sei gut integriert gewesen. Der 19-Jährige habe sehr gut deutsch gesprochen, sei am Wochenende auch zum zusätzlichen Sprachkurs der Voß-Gymnasiasten gegangen, war im Sportverein. Ein Lehrer an der KBS sagte: „Das war einer meiner besten Schüler.“ Holtzermann: „Seine Mutter war Gesangslehrerin, ausgebildet für Klavier und Geige. Sie hat im Eutiner Damenchor für die LGS geprobt und für die alten Damen und Herren regelmäßig im Seniorenzentrum Protalis Klavier gespielt. Es war großartig.“

Gülcin Holtzermann hat selbst mit dem Polizisten vor Ort am Telefon gesprochen, ihn gefragt, weshalb die Menschen jetzt so schnell mitkommen müssen. Er erklärte ihr: „Das ist wegen des Dublin-II-Abkommens. Dorthin, wo die Menschen erstmals mittels Fingerabdruck registriert wurden, müssen sie zurück.“ Im Fall der armenischen Familie bedeutete das Polen.

„Alle, die ich anrief, um zu sagen, dass die Familie nicht mehr kommen wird, waren enttäuscht“, beschreibt Gülcin Holtzermann. Über das Mobiltelefon des Jungen haben sie nochmal aus einem Lager in Polen Kontakt gehabt. Simon wollte wissen, ob er die Möglichkeit hat, zurückzukommen. „Ich musste ihm sagen, dass er sich da erstmal keine Hoffnungen zu machen braucht“, sagt Holtzermann. Das sei schwer gewesen. Aber würde sie ihm falsche Hoffnungen machen, wäre er hinterher noch mehr enttäuscht. „Ich habe ihm gesagt: Bleibe bei Deutsch, lerne weiter mit deinen Büchern. Du bist ein intelligenter Junge und wirst das schaffen.“ Anders, als mit der Familie Kontakt zu halten, kann sie ihr nicht helfen. „Klar, wusste ich, dass Menschen abgeschoben werden können. Aber so hautnah habe ich das noch nicht erlebt.“ Das Einzige, was Gülcin Holtzermann in dem Moment des Anrufs beruhigt hat, waren die wenigen Worte: „Aber Frau Gülcin, die Menschen sind sehr nett zu uns.“

Die Nachricht über die große Abschiebe-Aktion im Kreis Ostholstein (siehe Schleswig-Holstein) bestürzt Holtzermann: „Es ist schrecklich, dass die Menschen oft nach einer verhältnismäßig langen Zeit abgeschoben werden, genau dann, wenn sie Kontakte und erste Freundschaften geknüpft haben.“

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erstellt am 07.Apr.2016 | 04:51 Uhr

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