Internes Papier zur Zukunft der Wehren : Feuerwehren in Bosau brauchen fast 14 Millionen Euro bis 2040

Avatar_shz von 25. Juni 2021, 09:57 Uhr

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Das ist aller Ehren wert, aber nicht mehr zumutbar: Das Haus der Freiwilligen Feuerwehr Braak-Klenzau. Ein den heutigen Anforderungen entsprechendes Feuerwehrfahrzeug findet hier schon keinen Platz mehr.
Das ist aller Ehren wert, aber nicht mehr zumutbar: Das Haus der Freiwilligen Feuerwehr Braak-Klenzau. Ein den heutigen Anforderungen entsprechendes Feuerwehrfahrzeug findet hier schon keinen Platz mehr.

Wer kann das bezahlen? 14 Millionen Euro benötigen die acht Bosauer Ortswehren bis 2040, um weiterhin arbeiten zu können. Die Rechnung machte Gemeindewehrführer Andreas Riemke hinter verschlossenen Türen auf.

Bosau | Die Zukunft der acht Bosauer Ortsfeuerwehren steht mal wieder auf dem Spiel. Gemeindewehrführer Andreas Riemke hat hinter verschlossenen Türen eine Rechnung aufgemacht – und die wird den einen oder anderen Gemeindevertreter der klammen Gemeinde wohl schon unruhige Nächte beschert haben. Es geht um knapp 14 Millionen Euro, die bis 2040 in die Zukunftsfähigkeit der örtlichen Feuerwehren gesteckt werden müssen. Kostensteigerungen sind übrigens noch nicht mit eingerechnet. Gemeindewehrführer Riemke vergab viele „Rote Ampeln“ im Feuerwehrbedarfsplan Schon im Feuerwehrbedarfsplan hatte Andreas Riemke bedrohlich viele „rote Ampeln“ vergeben müssen. Oft werden nach den von ihm der Gemeinde vorgelegten Zahlen die Soll-Stärken nicht eingehalten, sind Feuerwehrfahrzeuge zu alt oder die Feuerwehrhäuser nicht mehr zeitgemäß. Es muss also etwas passieren. Allein die teilweise schon seit vielen Jahren dringend nötigen Sanierungen und Modernisierungen der acht Feuerwehrhäuser schlagen – Stand heute – mit mindestens 11 Millionen Euro zu Buche. 200.000 Euro für die persönlichen Schutzausrüstungen der Feuerwehrleute Doch das ist noch nicht alles: in dem „geheimen“ Papier rechnet Andreas Riemke bis 2040 Ausgaben für die Neubeschaffung von Feuerwehr-Fahrzeugen von über 1,7 Millionen Euro vor. Die persönlichen Ausrüstungen zum Schutz der Feuerwehrleute bei Einsätzen schlagen mit 200.000 Euro und für Atemschutzgeräteträger noch mal zusätzlich mit 75.000 Euro zu Buche, die Ersatzbeschaffung von acht Tragkraftspritzen (ab Baujahr 1992) mit zusammen 200.000 Euro und die Ersatzbeschaffung von neuen Atemschutzgeräten mit 75.000 Euro. Gemeindewehrführer Andreas Riemke macht einen Strich unter die Rechnung und kommt auf fast 14 Millionen Euro, die die Feuerwehren der Gemeinde Bosau in den nächsten knapp 20 Jahren verschlingen werden. Die Schulden der Gemeinde Bosau liegen Ende des Jahres bei mindestens zwei Millionen Euro Und das bei einem Gemeindehaushalt, der allein in diesem Jahr ein Minus von 1,2 Millionen Euro ausweist – Besserung ist übrigens nicht in Sicht. Die Schulden werden Ende des Jahres bei mindestens 2 Millionen Euro liegen – knapp 600 Euro je Einwohner. Dabei haben die Gemeinden nach dem geltenden Brandschutzgesetz sogar die Verpflichtung, den örtlichen Verhältnissen angemessene leistungsfähige Feuerwehren zu unterhalten sowie für eine ausreichende Löschwasserversorgung zu sorgen. Wichtig sind dabei die Einhaltung der Hilfsfristen, abzudeckende Brandrisiken, die vorzuhaltende Ausrüstung und eine ausreichende personelle Leistungsfähigkeit. Nicht alle Ortswehren in der Gemeinde erfüllen die gesetzlich festgeschriebene Mindestbesetzung Laut Erlass des Landes-Innenministeriums ist für eine Ortswehr eine Mindeststärke von 27 Einsatzkräften – davon mindestens acht Atemschutzgeräteträger – erforderlich. Nicht alle Ortswehren in der Gemeinde erfüllen die gesetzlich festgeschriebene Mindestbesetzung von 27 aktiven Einsatzkräften. 18 Feuerwehrleute müssen es pro Ortswehr rund um die Uhr sein, neun weitere als Reserve: Bichel, Wöbs, Löja (19 Einsatzkräfte, davon regelmäßig neun verfügbar), Bosau-Kleinneudorf (29/9), Braak-Klenzau (23/4), Hassendorf (25/4), Hutzfeld-Brackrade (44/12), Liensfeld-Kiekbusch (30/6), Majenfelde-Quisdorf (22/7) und Thürk (25/7). Das ist aber nicht nur ein Bosauer Phänomen. Weiterlesen: Alarmstimmung bei der Feuerwehr Der Gemeindefeuerwehr gehören 217 Mitglieder und 39 Nachwuchskräfte in der Jugendwehr an. Fehlende Ehrenamtler sind in heutiger Zeit eher ein gesellschaftliches Problem, das nur schwer zu lösen ist. Die Feuerwehrgerätehäuser der Wehren entsprechen heute nicht mehr den Vorgaben der Hanseatischen Feuerwehr Unfallkasse Nord. „Die Feuerwehrgerätehäuser der Wehren entsprechen heute nicht mehr den Vorgaben der Hanseatischen Feuerwehr Unfallkasse Nord“, konstatiert Andreas Riemke in seinem Feuerwehrbedarfsplan. Was passiert, wenn z.B. Hilfsfristen nicht eingehalten und sich Feuerwehrleute in viel zu engen Feuerwehrhäusern, die nicht auf dem neuesten Stand sind, verletzen? Deshalb wurde offenbar das Riemke-Giftblatt über anstehende Ausgaben für die Feuerwehren in Höhe von fast 14 Millionen Euro in den nächsten knapp 20 Jahren erstellt. Und auf der anderen Seite bemüht sich die Gemeinde Bosau bereits erfolgeich, durch die Schaffung von Baugebieten mehr Menschen in die Gemeinde zu locken. Die haben aber auch ein Recht auf ausreichenden Schutz durch die Feuerwehr. Sind acht Ortswehren in der Gemeinde Bosau überhaupt noch tragbar? In Bosau muss also nachgedacht werden. Sind acht Ortswehren überhaupt noch tragbar? „Bei der Konzeption der Standorte für die Feuerwehrhäuser, der erforderlichen Feuerwehrfahrzeuge und der Ausrüstung ist die Hilfsfrist von zehn Minuten zu berücksichtigten“, schreibt Gemeindewehrführer Andreas Riemke in dem Papier. Dabei allerdings muss auch die bisherige Zusammenarbeit mit Feuerwehren über die Gemeindegrenzen Bosaus hinweg bedacht werden – mit der Gemeindewehr Bösdorf, der Feuerwehr Plön und der Ortswehr Eutin-Neudorf. Nachbarn aus Bösdorf haben die „Feuerwehr-Revolution“ schon hinter sich gebracht Die Nachbarn aus Bösdorf haben die „Feuerwehr-Revolution“ schon erfolgreich hinter sich gebracht. Die Ortswehren Bösdorf-Oberkleveez, Kleinmeinsdorf und Börnsdorf-Pfingstberg sind zur Gemeindewehr Bösdorf zusammengewachsen. In Kleinmeinsdorf entstand 2010 ein nagelneues, modernes Feuerwehrhaus. Die verwaisten Gerätehäuser hat die Gemeinde schnell und gut verkaufen können. Und Bosau? Seit Jahren gibt es schon Überlegungen, die acht Ortswehren neu zu strukturieren und vielleicht mit drei neuen Stützpunktwehren auszukommen, die die Hilfsfristen einhalten und einen modernen Fahrzeugpool mit der nötigen Ausstattung erhalten. Das könnte ein in Auftrag zu gebendes Gutachten klären. Doch da wagt sich in Bosau kaum ein Kommunalpolitiker heran – die Furcht: es könnte Wählerstimmen kosten. Für die FDP wollte Gemeindeverteter Dr. Joachim Rinke schon 2016 mutig einen entsprechenden Antrag in die Gemeindevertretung einbringen (OHA vom 8. Dezember 2016). Vor fünf Jahren reagierten andere Gemeindevertreter entrüstet und waren der Meinung, dass Vorschläge zur Umstrukturierung der Feuerwehren von Gemeindewehrführer kommen müssen. Aber wenn es gravierende Mängel als Gefahr für Leib und Leben gibt, dann muss auch um- oder neu gebaut werden. Die Hanseatische Feuerwehr-Unfallkasse Nord (FUK) ist Träger der gesetzlichen Unfallversicherung für die Feuerwehrangehörigen auch in Schleswig-Holstein. Der stellvertretende Geschäftsführer, Christian Heinz, sagte dem OHA ganz allgemein, dass von der Unfallkasse organisatorische Maßnahmen eingeleitet werden können. Das passiere zum Beispiel, wenn ein neues großes Feuerwehrfahrzeug in ein viel zu kleines Gerätehaus passen muss. Hier gebe es die Maßnahme, dass Einsatzkräfte erst draußen vor dem Feuerwehrhaus in die Feuerwehrfahrzeuge einsteigen dürfen. Die müsse dann per Dienstanweisung von der Gemeinde an die Feuerwehr gegeben werden. „Aber wenn es gravierende Mängel als Gefahr für Leib und Leben gibt, dann muss auch um- oder neu gebaut werden“, so Heinz weiter. FUK-Mitarbeiter könnten in Fällen von Gefahr für Leib und Leben der Einsatzkräfte so ein Feuerwehrhaus auch stilllegen und bei Verstößen gegen Anordnungen Ordnungsgelder bis 20.000 Euro verhängen. Das sei bisher aber äußerst selten in Schleswig-Holstein vorgekommen. Die FUK-Nord schafft vernünftige Bedingungen für ehrenamtliche Feuerwehrleute Der FUK-Nord gehe es darum, für ehrenamtliche Feuerwehrleute vernünftige Bedingungen zu schaffen und in letzter Konsequenz auch durchzusetzen. Bürgermeister könnten aber auch belangt werden, wenn sie jahrelang die Forderungen der Feuerwehr-Unfallkasse beharrlich nicht umsetzen und zum Beispiel kein Geld für die Feuerwehren in die Haushalte einstellen, obwohl es dringend erforderlich wäre. Ob es bereits Forderungen der FUK-Nord an die Gemeinde Bosau gebe, wollte Christian Heinz nicht sagen: „Dabei geht es hier nur um interne Abläufe, die nicht öffentlich gemacht werden.“ Eine Feuerwehr ohne vernünftige Ausstattung werde mehr lange existieren Christian Heinz verwies aber auch auf das Brandschutzgesetz des Landes und die darin verbriefte Pflicht des Brandschutzes durch die Kommunen. Danach müsse eine vorhandene Feuerwehr von der Kommune auch leistungsfähig in der Infrastruktur und dem Fahrzeugpark gehalten werden. Aufsicht darüber führten die Kreise. Es sei aber auch klar, dass eine Feuerwehr ohne vernünftige Ausstattung nicht mehr lange existieren werde. Kommentar von Michael Kuhr ...

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