2019 – das Jahr der „Brückentage“

Julia Jankowsky zeichnet in ihrem Atelier Julender nahe dem Grass-Haus ihr satirisches Kalendarium.  Fotos: Michael Kuhr
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Julia Jankowsky zeichnet in ihrem Atelier Julender nahe dem Grass-Haus ihr satirisches Kalendarium. Fotos: Michael Kuhr

Jubiläum: Diplom-Designerin Julia Jankowsky präsentiert die 45. Auflage des satirischen Kalendariums

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28. November 2018, 13:39 Uhr

Es wird relativ ruhig und entspannt zugehen in Deutschland im kommenden Jahr. Die Kalender-Maler nennen es „ereignisarm“. Besonders Geschickte haben längst über dem Urlaubsplaner den Bleistift gespitzt und „Brückentage“ eingetragen. Es gibt 2019 einige Möglichkeiten, mit dem Einsatz weniger Urlaubstage deutlich mehr freie Tage aneinander zu reihen.

Darüber freut sich auch die 48-jährige Diplom-Designerin Julia Jankowsky, die in ihrem kleinen Atelier „Julender“ in der bekannten Lübecker Glockengießerstraße gegenüber dem Grass-Haus ihr satirisches Kalendarium gezeichnet hat. Obwohl 2019 offenbar trotz Handball-Weltmeisterschaft im Januar in Deutschland und Dänemark ein ruhiges Jahr zu werden scheint, hat sie es doch wieder geschafft, den 365 Tagen mit ihren bunten Bleistiften jede Menge Satire einzuhauchen.

Das dezent von den Schleswig-Holstein-Farben umgebene Kalendarium erscheint in diesem Jahr bereits in der 45. Auflage. „So sind im Gitterwerk auch persönliche Daten als kleiner Einblick in mein Privatleben versteckt“, sagt Julia Jankowsky mit ernstem Blick auf ihren Kalender – ein kleiner Weihnachtsmann mit roter Rute für ihren Lebensgefährten Carsten zum Geburtstag (20. Dezember) oder die Rose zum Todestag von Vater Günther Jankowsky (12. Mai), der vor 45 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Birgid den ersten Kalender veröffentlichte. Julia Jankowsky selbst präsentiert 2019 ihren 17. Kalender.

Ungewöhnlich sind 2019 die Osterferien, die mit dem Osterfest enden. Hier gibt es für vier eingesetzte Urlaubstage zehn freie Tage hintereinander. Für vier Urlaubstage könnte man zu Pfingsten neun freie Tage erzielen. Vorher im Mai liegen der Tag der Arbeit (1. Mai) auf einem Mittwoch, der mit zwei Urlaubstagen gleich fünf freie Tage beschert. Aber auch der Himmelfahrtstag (immer ein Donnerstag) bietet Gelegenheit einer Brücke. Der Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) fällt 2019 auf einen Donnerstag, ebenso der Reformationstag am 31. Oktober. Aber so richtig effektiv wird es Weihnachten 2019: für den Einsatz von nur drei Urlaubstagen könnte man elf freie Tage hintereinander bekommen.

Julia Jankowsky ist das in ihrem kleinen Atelier in der Nähe des Lübecker Grass-Hauses eigentlich egal. Sie kleidet das Jahr erst einmal in Bilder, bevor sie sich über Brücken- und Urlaubstage Gedanken macht. Ihr satirisches Kalendarium 2019 startet mit einem Neujahrs-Schreck „Huch, schon wieder ein Jahr um“ aus einer Springteufelbox. Die Heiligen Drei Könige stehen mit fantasievollen Kopfbedeckungen für Multi-Kulti und deutsche Fremdenfreundlichkeit. Der Steinbock im Handball-Tor symbolisiert die am 10. Januar beginnende Handball-WM. Und wenn der russische Wanderprediger Rasputin zu seinem 150. Geburtstag am 21. Januar bei der Mondfinsternis hilft, dann ist Julia Jankowsky in ihrem Element – mal satirisch, mal ernst: am 28. Januar malt sie eine Feuerzangenbowle, weil der Film mit Heinz Rühmann vor 27 Jahren Weltpremiere feierte.

Der Wassermann und sein mit Kunststoff verschmutzter Dreizack weisen auf die Verschmutzung der Meere hin. Und zum Valentinstag (14. Februar) gibt es diesmal Eisblumen. Dazwischen immer mal wieder Leuchttürme – im Februar „Arngast“ im niedersächsischen Jadebusen. Kieler Sprotten weisen auf das Sternzeichen Fische hin.

Dann künstlerisch dargestellt ein Schutthaufen mit dem mächtigen Kölner Dom im Hintergrund – eine Erinnerung Anfang März an den Zusammenbruch des Stadtarchivs in Köln vor zehn Jahren. Ob es die Barbie-Puppe ist, die am 9. März vor 60 Jahren Barbie, die bis dahin obligatorische Puppe, ablöste oder der Widder, der sich am 23. März als „Fotocrasher“ gibt – nichts ist sicher vor den spitzen Buntstiften der Lübecker Diplom-Designerin.

Dazu gehört auch das am 14. April vor zehn Jahren ausgesprochene Verbot von genmanipuliertem Mais. „Die leeren Dosen im Hintergrund taugen nur noch zum Dosenwerfen“, grinst Julia Jankowsky – selbst immer noch glücklich über das Verbot. An den 300. Jahrestag der Veröffentlichung des Buches „Robinson Crusoe“ erinnert die Kalender-Malerin am 25. April.

Der erste Tag der Arbeit war 2019 vor 100 Jahren. Es gibt auch Glückwünsche: am 4. Mai wird Inger Nilsson zum 60. Geburtstag mit einer Zeichnung der Villa „Kunterbunt“ gratuliert. Nilsson, war nicht nur der Name des frechen Affen, so hieß auch die begnadete Darstellerin von Pippi Langstrumpf in den bekannten Astrid-Lindgreen-Filmen. Etwas politisch wird es am 29. Mai, dem einzigen Wahlsonntag 2019 mit Kommunalwahlen in mehreren Bundesländern. „Darüber schwebt eine dunkle AfD-Wolke“, runzelt Julia Jankowski die Stirn.

Ein aus seinem Glas geflohener Wetter-Frosch macht schlapp, erinnert er sich doch an den heißen Sommer des Vorjahres. Zum Beginn der Kieler Woche kneift der Krebs als Sternzeichen einen Kieler Matrosen in den Finger.

Anfang Juli hat Julia Jankowsky einen Mann mit Metalldetektor gezeichnet. „Grabräuber hatten vor 20 Jahren die bekannte Himmelsscheibe von Nepra gefunden“, sagt sie. Der Mondlandung vor 50 Jahren wird am 21. Juli gedacht. Der Astronaut trägt auf seinem Anzug „A. First“ – America first... Und der Löwe als Sternzeichen verweigert im Zirkus die Arbeit.

Erstmals hat Julia Jankowsky das Metal-Festival „Wacken Open Air“ zum 30. Geburtstag mit der WOA-Bier-Pipeline in ihrem Kalender gezeichnet. Der Feldlerche als Vogel des Jahres folgt eine Blume mit Peace-Zeichen am 15. August, die für 50 Jahre Woodstock-Festival steht. Und ein blumiger Adidas-Schuh? Der Eintrag des Unternehmens ins Handelsregister liegt am 18. August 70 Jahre zurück.

Das Verbot der Verwendung von 100 Watt-Glühbirnen vor zehn Jahren stellt den Monatswechsel auf den September dar. Und dann schippert die Alexander-von-Humboldt am 14. September in den Jahreskalender und feiert den 250. Geburtstag ihres Namensgebers.

Am Tag der Deutschen Einheit sind Ost und West auch auf dem modifizierten Kompass von Julia Jankowsky enger aneinander gerückt. Eine abschreckende Dose mit Superfood am Erntedank-Sonntag untermauert, dass man sich von hiesigen Produkten genau so gut ernähren kann. Eine Luther-Rose kennzeichnet den Reformationstag am 31. Oktober.


Nach der weihnachtlichen Völlerei nur noch Rohkost

Nach Allerheiligen im November ruft die Kalender-Malerin zum gemeinschaftlichen Reifenwechsel auf. Ein Trabbi weist am 9. November auf den Mauerfall vor 30 Jahren hin. Eine fleißige Frau hat die Herbstblätter gefegt und erwartet jetzt am offenen Feuer einer wärmenden Kerze den kalten Winter. Der Schütze hat 2019 eine Krone aufgesetzt bekommen – er ist nämlich Schützenkönig geworden.

Während im Dezember die Adventskugeln mit Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest immer mehr werden, verschwinden im Hintergrund immer mehr Bäume, abgeholzte Weihnachtsbäume. Höhepunkt ist das Weihnachtsfest, wenn der Weihnachtsmann die Kugeln ins Pendeln bringt. Und nach Weihnachten gibt es bei Julia Jankowski nach der Völlerei nur noch Rohkost.
www.julender.de

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