20 Prozent mehr Hilfesuchende

Direkte Hilfe gab es für Nadine Wemmel von Manfred Zettler vom Weißen Ring.
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Direkte Hilfe gab es für Nadine Wemmel von Manfred Zettler vom Weißen Ring.

Weißer Ring stellt Opferstatistik für den Kreis Ostholstein vor / Nachfrage hat gegenüber dem Vorjahr deutlich zugenommen

shz.de von
03. März 2017, 11:30 Uhr

Leon wurde nur fünf Wochen alt. Zu Tode geschüttelt vom eigenen Vater. Vor der Aufgabe, das seit einem Jahr zu verarbeiten, steht Nadine Wemmel, die Mutter des Neugeborenen. Unterstützung fand die Ostholsteinerin beim Weißen Ring. Die Mutter einer Freundin riet der 31-Jährigen, sich an die bundesweit größte Opferschutzorganisation zu wenden. Manfred Zettler vom Weißen Ring Ostholstein ist noch heute tief ergriffen, wenn es um das Schicksal der jungen Frau geht. „Es ist einer der schlimmsten Fälle, die ich betreut habe. Er zeigt, wie schnell jemand in ein schwarzes Loch fallen kann“, sagt Zettler.

Wemmels Fall ist nur einer von 13910 Straftaten, die die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet. Das Zahlenwerk wurde in der vergangenen Woche für die Bereiche Lübeck und Ostholstein vorgestellt (wir berichteten). Die Zahl der Delikte ist gegenüber dem Vorjahr um rund drei Prozent gestiegen. Und so weist auch die Opferstatistik des Weißen Rings eine Steigerung aus: 80 Opferfälle im vergangenen Jahr stehen 67 Fällen in 2015 und 50 im Jahr 2014 gegenüber. Zum Vergleich: 1699 Menschen unterstützte der Weiße Ring landesweit.

Gemessen an der Zahl der Gesamtdelikte finden „nur relativ wenige Opfer den Weg zum Weißen Ring. Dennoch ist eine deutliche Zunahme von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen“, sagt Holger Dabelstein, Leiter Außenstelle Ostholstein. Generell gilt: „Je dramatischer eine Tat ist, desto eher finden die Menschen den Weg zu uns“, sagt Dabelstein.

Die Mehrzahl der vom Weißen Ring betreuten Opfer sind weiterhin weiblich – 73 Prozent Frauenanteil errechnete die Organisation für 2016. Die Mehrzahl der Opfer – 69 – sind älter als 18 Jahre. Sieben Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren und vier Kinder wandten sich zudem im vergangenen Jahr an den Weißen Ring.

Die Mehrheit der betreuten Fällen machten die Sexualdelikte aus: Nach zehn Fällen im Jahr 2014 hat sich die Zahl im vergangenen Jahr auf 20 verdoppelt. Die Täter waren meist Unbekannte, aber auch Verwandte, Stiefväter, Ex-Partner, Arbeits- und Sportkollegen. Der Weiße Ring muss sich dabei aber nicht nur mit aktuellen Fällen befassen: „Manche Taten liegen teils fast 20 Jahre zurück“, sagt Dabelstein und spricht über Fälle von Missbrauch in Kindheit, bei denen die Opfer erst als Erwachsene die Kraft finden, darüber zu reden.

Der Weiße Ring hilft im Bereich der Sexualstraftaten mit der Vermittlung von Traumatologen, bei der Erstattung von Strafanzeigen, bei der Begleitung zur Kriminalpolizei sowie mit anwaltlicher Beratung.

Zugenommen haben auch die Fälle von Bedrohungen – dazu zählen häusliche Gewalt und Stalking. Aktuell 20 stehen hier sechs in 2015 und vier im Jahr davor gegenüber.

Die Körperverletzungen hingegen waren im Vergleich von 2016 zu 2015 rückläufig. 14 Menschen haben sich im vergangenen Jahr an den Ring gewendet, ein Jahr zuvor waren es 20.

Hilfeschecks, Sofort- und Opferhilfe summierten sich 2016 auf insgesamt 5230 Euro. Die einkommensabhängige Summe hat sich gegenüber 2015 halbiert (vor einem Jahr: 9040 Euro), während die geleisteten Arbeit – darin ist auch der Besuch von Fortbildungen enthalten – mit 2196 Stunden im Vorjahresvergleich etwa konstant geblieben ist.

Nadine Wemmel wurde Teil dieser Statistik. „Ich habe sehr umfassende Hilfe vom Weißen Ring erhalten“, sagt die junge Frau, die finanzielle Unterstützung beim Umzug und bei der Beerdigung ihres Sohnes bekam. Dazu gab es Rat und Tat durch einen Ring-Anwalt und Kontakte zu einer Therapie. „Ich war fassungslos, dass mir sofort geholfen wurde“, sagt Wemmel rückblickend – und dankbar. Ihr früherer Partner ist inzwischen verurteilt: zu drei Jahren Haft. Auch dass muss sie noch verarbeiten.

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