100 kamen zur AfD, 70 zur Demo

Mit Pfiffen und lautstarken Beschimpfungen wurden Besucher auf dem Weg zum AfD-Lokal begleitet.
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Mit Pfiffen und lautstarken Beschimpfungen wurden Besucher auf dem Weg zum AfD-Lokal begleitet.

Eine Wahlkampfveranstaltung in Lensahn wurde gestern Abend von starkem Polizeiaufgebot und lautstarkem Protest begleitet

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03. Mai 2018, 21:02 Uhr

Es ist ein Ritual: Die Alternative für Deutschland (AfD) macht eine öffentliche Veranstaltung, und zum „Rahmenprogramm“ gehören ein starkes Polizeiaufgebot und Demonstranten, die mit lautstarken Äußerungen, Beleidigungen und Trillerpfeifen die Besucher empfangen und versuchen, die Veranstaltung zu stören.

Etwa 70 Demonstranten fanden sich gestern Abend am Lensahner Haus der Begegnung ein, in dem die AfD die Werbetrommel für die Kreistagswahl rührte – mit dem ehemaligen SPD-Mitglied Guido Reil, „Kumpel aus dem Pott“, der dem AfD-Bundesvorstand angehört und der den Arbeiterflügel der AfD besser organisieren soll.

Es hätte die Veranstaltung einer etablierten Partei sein können: Der Kreisvorsitzende begrüßt mehr als 100 Anwesende und stellt Kandidaten vor. Ein proinenter Gast hält anschließend eine Ansprache und beantwortet Fragen.

Der Kreisvorsitzende wird bei der AfD 1. Sprecher genannt, in Ostholstein ist es der Eutiner Sonderschullehrer und Landtagsabgeordnete Dr. Frank Brodehl. Er holte vier Spitzenkandidaten für den Kreistag zur Vorstellung vor das Publikum: Sabine Düllmann, Norbert Spieckermann, Martin Stapelmann und Franz Meschag. Der Gast war Guido Reil, der am 1. Mai bundesweit in die Schlagzeilen geraten war, weil ihn die Polizei von der Teilnahme an der Mai-Kundgebung in seiner Heimatstadt Essen abgehalten hat, indem sie ihn in eine Zelle steckte.

Wesentliche Unterschiede zu Veranstaltungen anderer Parteien: Im Saal wurden die Vorhänge zugezogen, weil sich die Demonstranten vor den Fenstern versammelten. Gegen ihre anhaltend produzierte Geräuschkulisse wurden die Fenster geschlossen.

Und: Sowohl der 1. Sprecher als auch die Kreistagskandidaten betonten immer wieder, dass sie zu Unrecht als Rassisten und Rechtsradikale beschimpft würden, vielmehr bereit seien, unbequeme Wahrheiten zu sagen und sich für ein besseres Deutschland einzusetzen. Und es wird immer wieder auf den Mut hingewiesen, der notwendig sei, um sich öffentlich für die AfD zu engagieren. Trotz einem enormen Druck, der von persönlichen Anfeindungen bis zu Sachbeschädigungen und Gefahr für Leib und Leben reiche, habe es die AfD bei nur rund 100 Mitgliedern in Ostholstein geschafft, für alle 22 Wahlkreise Kandidaten zu finden, sagte Brodehl vor einem Publikum, dessen Altersmischung genau so bei einer anderen Partei aussehn könnte.

Die ernsthaften Bedrohungen, denen er seit seinem Wechsel von der SPD zur AfD ausgesetzt sei, betonte auch Guido Reil mehrfach, der diesen Zeitpunkt ein wenig wie eine Erweckung beschrieb. Für viele andere sei er über Nacht zum Nazi geworden. Keiner der alten Bekannten habe nach fünf Anschlägen auf sein Haus auch nur ein Wort gesagt.

Reil nannte die Minister der Bundesregierung „Vollpfosten“, von denen nur zwei einmal einer Arbeit nachgegangen seien, er beklagte drohenden Verlust der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und beschrieb die Wohlfahrtsverbände als finanzielle Nutznießer von „einer Millionen völlig unkontrolliert ins Land gekommenen Flüchtlingen“.

Bei lokalen Themen wie der Festen Fehmarnbeltquerung passte der Gast indes. Brodehl berichtete, dass sich nach einer Umfrage die AfD-Mitglieder in Ostholstein in Gegner und Befürworter spalteten. Ins Wahlprogramm habe man die Forderung nach Erhalt der Bäderbahn und einem best möglichen Schutz der Anlieger aufgenommen.

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