Landwirtschaft : Zwangs-Ruhetag statt Feldarbeit

Einfach mal die Beine hochlegen:  Das können Landwirte in der Regel auch nicht an Sonn- und Feiertagen.
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Einfach mal die Beine hochlegen: Das können Landwirte in der Regel auch nicht an Sonn- und Feiertagen.

Eine „Sonntagsklausel“ in Pachtverträgen sorgt bei Landwirten in Rodenäs für Verwirrung. Die Kirchenverwaltung spricht von einem Missverständnis.

shz.de von
29. Juli 2015, 15:00 Uhr

Rodenäs | Unter den Pächtern von Kirchenland in Rodenäs herrscht Verunsicherung. Grund sind neue Verträge, die der örtliche Kirchenvorstand den Landwirten unterbreitet hat. Hier stolpern die Bauern besonders über einen Absatz: „Der Pächter soll die Vorschriften der Sonn- und Feiertage einhalten.“ Für die Landwirte lässt der Passus nur eine Lesart zu: An diesen Tagen sollen sie weder die gepachteten Felder bearbeiten, noch ihre Tiere versorgen.

Landwirt Dieter Martinsen, der seit neun Jahren auf Kirchengrund Schafe züchtet, hält das für schwer umsetzbar: „Ich kann es mir nicht aussuchen, wann ich zu den Tieren gehe.“ Seine rund 50 Schafe bräuchten regelmäßig Pflege – auch an Sonntagen, sagt der 52-Jährige. Zwei weitere Landwirte, die lieber ungenannt bleiben wollen, äußerten sich dem Nordfriesland Tageblatt gegenüber ähnlich: „Wenn ich nicht müsste, dann würde ich an diesen Tagen natürlich auch lieber Zuhause bleiben.“ Ein anderer Landwirt vermutet hinter der Vertragsklausel dagegen den Wunsch des Kirchenvorstands, dass das Dorf an Sonn- und Feiertagen etwas ruhiger wird.

Im Rodenäser Kirchenvorstand zeigt man sich von der öffentlichen Kritik überrascht: „Ich wundere mich darüber, dass sich keiner der Landwirte bei uns gemeldet hat – eines der fünf Vorstandsmitglieder wäre sicher immer in Reichweite gewesen“, bedauert Christoph Marschner die offenbar fehlgeschlagene Kommunikation. Man habe die Verträge nicht erneuert, um landwirtschaftsfeindliche Paragrafen zu verankern. Vielmehr sei es das Ziel des Kirchenvorstands gewesen, das in Schleswig-Holstein gestiegene Pachtpreisniveau auch für die kircheneigenen Flächen in Rodenäs anzupassen. „Wir haben uns bei den neuen Klauseln auf die Kirchenkreisverwaltung verlassen.“ Unter anderem ist auch das dauerhafte Abstellen von Fahrzeugen sowie die Lagerung von Futtermitteln auf den Kirchenfeldern verboten.

Pressesprecher Klaus-Uwe Nommensen vom Evangelischen Regionalzentrum Westküste hält besonders die Aufregung über die sogenannte „Sonntagsklausel“ für ein großes Missverständnis: „Hierbei handelt es sich nicht um eine kirchliche Vorgabe, sondern um einen Hinweis auf die gesetzlichen Bestimmungen zu Sonn- und Feiertagen – die sich so auch in den alten Pachtverträgen finden.“ In diesem Fall haben die Bauern den weltlichen Passus in früheren Pachtverträgen schlicht überlesen und den Paragrafen jetzt als kirchliche Gängelei fehlgedeutet.

Beim Kreisbauernverband Südtondern nimmt man die Einwände der Rodenäser Landwirte trotzdem ernst: „Solche Vorgaben können wir als Landwirte nicht akzeptieren“, sagt Kreisvorsitzender Wolfgang Stapelfeld. Es sei aber nicht ungewöhnlich, dass derartige Klauseln in kirchlichen Pachtverträgen verankert seien und so auch von den Bauern unterschrieben würden. „Allerdings geht man dann auch davon aus, dass diese Vorgaben in der Praxis keine Anwendung finden – das ist guter Standard.“ Schon häufiger sei aufgefallen, dass die übergeordnete Kirchenverwaltung den Kirchenvorständen rechtliche Formulierungen empfehle, die nicht zu der lokalen Situation der Landwirte passten. Ähnlich sei es jetzt auch in Rodenäs. Der Vertreter des Kreisbauernverbandes zeigt aber auch Verständnis für das Anliegen der Institution: „Ich kann die Kirche auch verstehen, wenn sie möchte, dass der Kirchgang am Sonntag in Ruhe stattfinden kann.“

Im Kirchenvorstand von Rodenäs möchte man das gute Verhältnis zu den Pächtern bewahren, Missverständnisse aufklären und gern gesprächsbereit bleiben. Christoph Marschner: „Wenn jemand mit den neuen Verträgen ein Problem hat, dann kann man darüber reden – es ist nichts in Stein gemeißelt.“  

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