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Nordfriesland Tageblatt

13. Dezember 2017 | 13:52 Uhr

Improvisation : Xanthippe, Xaver und Brecht

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Am Sonntag war er noch im Tatort der ARD zu sehen. In seiner Heimat Rodenäs begeisterte der jetzt in Bonn lebende Schauspieler Enno Kalisch im vollbesetzten Zollhaus-Café die Besucher mit seinem Improvisationstalent.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2013 | 17:46 Uhr

„Wir hatten dieses Mal keine Anmeldungen erbeten, und jetzt haben wir die Bescherung.“ Der Ausspruch von Barbara Schmidt-Tychsen drückte weniger ihr Erschrecken, vielmehr ihre Freude und ihr Erstaunen aus. Nicht alle, die den Schauspieler und Sprecher Enno Kalisch im Zollhaus-Café hören und sehen wollten, fanden Platz – und mussten umkehren. Alle, die bleiben konnten, erlebten einen unvergesslichen Sommer-Abend mit einem Künstler in Hochform. Der gebürtige Rodenäser hatte ein Heimspiel. Er genoss es sichtlich, so viele ihm bekannte Menschen, unter ihnen ehemalige Mitschüler, um sich zu haben, gab aber zu: „Der Abend heute wäre viel leichter für mich, wenn ich nicht so aufgeregt wäre. Ich bin ziemlich geflasht in meinem Kopf.“ Aber davon war nichts zu spüren.

Ein Programm gab es nicht, alles war improvisiert. „Ingrid, reich’ mir doch bitte mal das erstbeste Buch aus dem Regal“, forderte Enno Kalisch eine der Zuhörerinnen auf. Sie tat es – und hielt, zu ihrem eigenen Entsetzen, Bertholt Brechts Gedicht „Antigone“ in den Händen. „Ne“, rief sie aus. „Doch“, beruhigte sie Enno Kalisch. Eine zugerufene Seitenzahl – und der Anfangssatz war gefunden. „Nennt mir einen Buchstaben“, rief er seinem Publikum zu. „X“ schallte es zurück. Lachen. Doch wer hoffte, damit den Sprecher aus der Reserve zu locken, hatte Pech. Das gleiche galt, als er auf die Frage nach etwas Typischem für die Region die Antwort „Köm“ erhielt.

So bastelte Enno Kalisch aus diesen wenigen Vorgaben und mit viel Sprachgefühl während des fließenden Erzählens die Geschichte des Paares Xanthippe (die das Xylophonspielen liebt) und Xaver (der komplizierte Bücher liest, wie beispielsweise Brecht). Die beiden fristen ihr beschauliches Leben in einem kleinen Dorf, bis eines Tages ein unbekannter „Teleköm-Mann“ in die Gemeinde kommt. Im Gepäck hat er nicht nur einen Berg Verträge mit verlockenden Angeboten, sondern genügend Leidenschaft, um nach einem Saufabend auf dem Lande („Städter sollten sich überlegen, ob sie daran teilnehmen“) und der Erkenntnis „Ich glaube, ich köm heute nicht mehr nach Hause“ mit Xanthippe eine leidenschaftliche wie folgenreiche Affäre zu beginnen. Töchterchen Xibylle ist das Ergebnis. „Wenn man seine Frau im Widerschein des Kaminlichts fremdgehen sieht, ist es besonders schlimm. Da wird man gleich zehnmal betrogen“, denkt sich der gehörnte Xaver und zieht sich frustriert mit seinem Brecht erst in die Kammer, dann auf den Deich zwischen Schafkötel und Nacktschnecken sitzend zurück.

Keinesfalls so abwegig seien derartige Geschichten, meinte Kalisch und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wer die wirklichen Verhältnisse auf dem Dorf kennt, ist doch ständig angespannt.“ Lautes Lachen aus dem Publikum. Alles, wirklich alles, was sich um ihn herum tat, registrierte der Künstler während seiner Darbietung – und baute es in seine Geschichte ein: eine Mini-Windkraft-Anlage, die durch das geöffnete Fenster sichtbar draußen im leichten Sommerwind ihre Arbeit verrichtete, ein vorbeibrummendes Mofa, einen SMS-Ton auf einem Handy. Und er erzählte, als formten sich die Worte vor seinem geistigen Auge zu Sätzen. „Das gute am Improvisieren ist: Man kann Sachen machen, auf die man Bock hat.“

Gespickt mit Erinnerungen an seine eigene Jugend, improvisierten Liedern, untermalt mit ebenso kurzfristig aufgenommenen Hintergrund-Geräuschen, brachte Enno Kalisch an diesem Abend sein Publikum zum Lauschen, Staunen – und immer wieder zum lauthals Lachen. Mit einem aufrichtigen „Schön, dass es euch gibt“, verabschiedete er sich – für dieses Mal.

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