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Nordfriesland Tageblatt

22. November 2017 | 12:27 Uhr

„Wohnungslosigkeit ist jung und männlich“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Neue Ansprechpartner für die kostenlosen Angebote Mien Tohus und Migrationsberatung in der Wiki 44

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2017 | 12:21 Uhr

Ein Gebäude, zwei neue Ansprechpartner: In der Wikingerstraße 44 in Leck, kurz „Wiki 44“ genannt, haben sich die Zuständigkeiten für zwei kostenlose Hilfsangebote geändert. Harald Thomsen verantwortet seit Juni „Mien Tohus“, eine Anlaufstelle des Diakonischen für Wohnungslosen-Hilfe im Amtsbereich Südtondern. Eine Tür weiter sitzt Sabine Kuss, die neue Ansprechpartnerin für „Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer mit anerkanntem Aufenthaltsstatus“.

Zwangsräumungen und damit Obdachlosigkeit zu vermeiden – das ist laut Harald Thomsen das primäre Ziel des Angebots „Mien Tohus“ des Diakonischen Werkes Südtondern. Diese zentrale Stelle wurde laut Thomsen im September 2008 gegründet. Das größer gewordene Amt Südtondern habe sich mit vielen Zwangsräumungen konfrontiert gesehen – deshalb sei „Mien Tohus“ als Schnittstelle geschaffen worden, um sich des Themas Wohnungslosigkeit anzunehmen. Mit Erfolg: „Die Zwangsräumungen sind weniger geworden“, sagt Harald Thomsen.

Wer sucht bei ihm Hilfe? Zum Beispiel Menschen, die ihre Wohnung nach einer Trennung nicht mehr halten können und oft bereits Mietschulden angehäuft haben. Sehr häufig seien seine Klienten auch junge Menschen, zum Teil gerade der Jugendhilfe entwachsen. „Obdachlosigkeit in Südtondern ist meist jung und männlich“, sagt Thomsen. „Die fallen dann irgendwie zwischen die Ritzen.“ Thomsen betont: „Mien Tohus ist kein Maklerbüro. Einige kommen zu mir und denken, ich könnte Wohnungen zaubern.“ Das kann der Diakon nicht – aber zum Beispiel Kontakt zum Vermieter aufnehmen, um mehr Zeit herauszuhandeln oder gar die Räumung verhindern. Oder er leistet lebenspraktische Hilfe, vermittelt an andere Unterstützungsangebote, kommt mit zur Wohnungsbesichtigung und schafft es zuweilen auch, Vorurteile abzubauen: So habe er schon dafür gesorgt, dass auch Wohnungssuchende mit blauen Haaren oder negativen Schufa-Einträgen eine Bleibe gefunden hätten.

Egal, wer zu ihm komme: „Ich nehme jeden ernst und werfe niemanden raus“, sagt der Mien-Tohus-Ansprechpartner, der hinzufügt: „Ich habe Schweigepflicht, alles was hier besprochen wird, bleibt im geschützten Raum.“ Er höre sich jede Geschichte an und versuche, selbst zu helfen oder an die richtige Anlaufstelle zu vermitteln. „Die Zusammenarbeit zwischen Diakonischem Werk, Amt Südtondern und Sozialzentren funktioniert sehr gut.“

Das bestätigt auch Fritz-Walter Baumgardt vom Ordnungsamt. „Den klassischen Obdachlosen, der im Schlafsack im Freien übernachtet, gibt es in Südtondern gar nicht mehr“, berichtet er. Es gebe derzeit im Schnitt drei bis vier Menschen im Amtsgebiet, die ohne eigene Bleibe seien. In Obdachlosenunterkünften wie in Leck könnten nur kurzfristig Einzelpersonen untergebracht werden.

Zum Thema Unterkunft hat auch Sabine Kuss etwas zu sagen: „Es fehlen kleine Wohnungen im Amtsgebiet. Jeder sucht eine kleine Wohnung.“ Der Bereich „Wohnen“ ist allerdings nur ein Teil ihres Beratungsspektrums als Ansprechpartnerin für Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer mit anerkanntem Aufenthaltsstatus. Dieses Angebot im Diakonischen Werk von vom Bundesinnenministerium finanziert. Auch zu Themen wie Aufenthalt und Bleiberecht, Spracherwerb, Arbeit, Beruf und Zeugnisse, Sozialleistungen sowie Behördenkontakte leistet sie Hilfestellung.

„Familiennachzug ist derzeit ein großes Thema“, sagt Sabine Kuss, die unter anderem Kontakt zu Botschaften aufnimmt und sich mit der „zuweilen sehr komplizierten deutschen Gesetzgebung auseinander setzen muss.“ In Niebüll zum Beispiel gebe es eine große afrikanische Gemeinde: „Da stoßen viele an ihre Grenzen, wenn sie es mit Behörden zu tun haben.“ Der Kontakt mit ihren Klienten finde auf Deutsch und Englisch sowie mit Händen, Füßen und gesundem Menschenverstand statt. So lassen sich auch Lösungen für komplexe Aufgaben finden, etwa wenn ein Niebüller für seine chinesische Lebenspartnerin mit mit Aufenthaltsrecht in Dänemark ein Visum beantragen will.

Auch hier ist ist der Draht zum Amt Südtondern kurz und der Austausch rege. Zum Thema Flüchtlinge wagt Ordnungsamtsmitarbeiter Fritz-Walter Baumgardt mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen eine Prognose: „Ich gehe davon aus, dass wir bald wieder mehr Flüchtlinge zu betreuen haben werden.“

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