Bauernverband Südtondern : Wirtschaft drückt auf die Stimmung

Während des Neujahrsgesprächs des Bauernverbandes Südtondern diskutierten die Teilnehmer über Herausforderungen und Chancen

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15. Januar 2015, 05:00 Uhr

In der Rückschau auf das Schönwetterjahr 2014 gab es unter den Landwirten angesichts einer guten Ernte „untypisch-strahlende“ Gesichter. Doch angesichts voller Märkte, des Russland-Embargos und gesunkener Preise für Schweinefleisch und Milch und der Preisoffensive der Discounter ist die Stimmung umgeschlagen. Mit diesen Worten vor Vertretern aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Verwaltung leitete Wolfgang Stapelfeldt das alljährliche Neujahrsgespräch ein, das der Kreisbauernverband Südtondern nach zweijähriger Pause wieder aufnahm.

Prominenter Gast der Veranstaltung war Klaus Peter Lucht, Vizepräsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Landwirt und Bürgermeister in Mörel (einem Dorf bei Rendsburg). Er bezog Position zur „zweiten Säule“ der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, auch bekannt als Verordnung zur „Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums“. Während aus einer ersten Säule Direktzahlungen an Landwirte vorgesehen waren, fließen aus der zweiten Säule in Schleswig-Holstein bis 2020 Mittel von 348 Millionen Euro aus 25 verschiedenen Fördertöpfen in Maßnahmen mit direktem Bezug zur Landwirtschaft zwar, jedoch eben gezielt zur Entwicklung des ländlichen Raums.

Als großes Ziel nannte Lucht die Stärkung der Wirtschaftskraft und Attraktivität. Aus der Vielzahl der Förderrichtungen und -ziele wird deutlich, wie verwoben und vielschichtig sich Zusammenhänge auch im ländlichen Raum darstellen. Zu dem, was in den ländlichen Raum fließt, stellte Lucht auch gleich die Frage, ob die Fördermittel ausreichen, ob Grenzen erkannt werden, Maß gehalten wird und eine vernünftige Steuerung stattfindet.

Während der Vizepräsident feststellte, „dass wir Landwirte versuchen, bei uns alles in Ordnung zu halten“, warf er, untermalt von Zweifeln, die Frage nach der Fachkompetenz in der Politik auf. Im Lande bestehen derzeit 12  500 landwirtschaftliche Betriebe, darunter 1100 Schweine- und 8500 Rinderhalter. In den Betrieben sind 23  000 Beschäftigte tätig. Die Betriebe machen einen Umsatz von drei Milliarden Euro.

Die Betriebe seien intakt. Tourismus, eines der wirtschaftlichen Standbeine, funktioniere aber auch nur, wenn das Binnenland intakt sei. Küsten- und Hochwasserschutz seien okay, der Tourismus auch, wenngleich mit einigem Nachholbedarf. Es täte dem Land gut, „wenn auch junge Leute zu uns ziehen, die Kinder bekommen.“ Es täte auch gut, wenn man übers Land nicht in Pessimismus verfalle, sondern positiv rede. „Wir als Bauernverband fühlen uns dem ländlichen Raum verpflichtet“, rundete der Landesvize sein „Plädoyer“ für das platte Land ab und gab das Wort zurück an Wolfgang Stapelfeldt, der eingangs Details auflistete, die die Sicht auf die Landwirtschaft relativieren.

Heute volle Märkte, schwächelnde Preise und der Wunsch an Berlin, bei der Außenpolitik auch an wirtschaftliche Folgen im Inland zu denken. Dennoch sieht Südtonderns Bauernchef Licht am Horizont, das zur zweiten Jahreshälfte 2015 heller aufleuchten werde. Eine Reihe von Problemen seien hausgemacht, wie das Verramschen von Lebensmitteln zu Lasten ihrer Produzenten, zunehmendes Fastfood und neue Lebensgewohnheiten und andererseits nicht ausreichende Einkommen etlicher Verbraucherschichten. Alles zusammen mache die Stimmung nicht gerade toll. „Dennoch“, äußerte er Zuversicht, „sehe ich langfristig positive Perspektiven für die Landwirtschaft.“ Große Chancen erkennt Stapelfeldt im Agrarexport – aber auch die Notwendigkeit, hohe Standards zu erhalten. Gleichwohl verdiene die Landwirtschaft die ihr gebührende Akzeptanz – und nicht das Streben grüner Politik, Landwirtschaft neu zu erfinden.

Dazu Statements der Anwesenden – Landrat Dieter Harrsen: „Landwirt zu sein, ist eine Herausforderung.“ Landtagsabgeordnete Astrid Damerow (CDU): „Termine bei den Landwirten sind für mich immer eine Lehrstunde.“ Lecks Bürgermeister Rüdiger Skule Langbehn: „Eine starke Wirtschaft und Landwirtschaft machen eine starke Region.“ Bürgermeister Hauke Christiansen: „Wirtschaftlicher Erfolg ist auch von verträglichem Miteinander abhängig.“ Öko-Landwirt und Verbandsvize Nickels Brodersen: „Mit meinen herkömmlich wirtschaftenden Kollegen bin ich nicht immer einer Meinung.“ Biologe Dr. Walter Petersen-Andresen (skeptisch gegenüber dem Freihandel): „ Flächen unter Beton sind für die Landwirtschaft und die Natur verloren.“ Oberdeichgraf Jan Albrecht: „Es ist unerträglich, einen Landwirtschaftsminister zu haben, der mit erhobener Keule herumrennt.“

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