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Flüchtlingsarbeit in Südtondern : „Wir sind manchmal auch zu hilfreich“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Den Schützlingen nicht alles abnehmen: Das rät Expertin Monika Hahn-Nanninga den Flüchtlingspaten.

shz.de von
erstellt am 05.Mai.2017 | 11:58 Uhr

Druckfrisch sind ihre Visitenkarten nicht mehr, aber noch relativ neu: „Ehrenamtsberatung/Flüchtlingsarbeit“ ist jetzt die offizielle Funktion von Monika Hahn-Nanninga, neu ist auch, dass sie vom Amt Südtondern eingestellt ist und jeden Dienstag im Sozialzentrum in Leck eine offizielle Sprechstunde hat. Alles andere als neu ist allerdings, dass sich die Leckerin in der Flüchtlingsarbeit engagiert – das macht sie ehrenamtlich bereits seit Mitte der 90er-Jahre.

Besonders benötigt war ihr Engagement und das vieler anderer Freiwilliger vor nicht allzu langer Zeit: Allein 2015 etwa reisten knapp 900  000 Asylsuchende in Deutschland ein. Bilder von Krieg und Zerstörungen, überfüllten Flüchtlingsbooten und Bahnhöfen waren allgegenwärtig. „Das Thema war sehr präsent und wurde heftig und zum Teil sehr kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert“, erinnert sich Monika Hahn-Nanninga. „Auch die Auswirkungen der anhaltend hohen Flüchtlingszahlen waren ganz heftig“ – kamen doch im Amt Südtondern bis zu 30 Geflüchtete in der Woche an, mussten untergebracht, mit dem Nötigsten versorgt und betreut werden.“ „Große Unruhe“ habe zudem eine geplante Erstaufnahme-Einrichtung für Asylsuchende auf dem ehemaligen Fliegerhorst gebracht.

Das Flüchtlingsdorf ist eine Ankündigung geblieben, mittlerweile verschenkt das Land die Container, die Asylbewerbern Obdach bieten sollten. Es ist ruhiger geworden um das Thema. Allerdings: „Es kommen noch laufend Flüchtlinge, auch im Zuge der Familienzusammenführung. Sie erreichen uns jetzt aber mit längerer Anlaufzeit, alles verteilt sich und ist inzwischen besser organisiert .“ Rund 500 Geflüchtete gibt es laut Monika Hahn-Nanniga im Amtsgebiet Südtondern, knapp die Hälfte davon lebt in Leck. Und die Integrationsarbeit mit den Neubürgern aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Somalia fängt jetzt erst an: „Nach zwei Jahren haben viele Deutsch gelernt. Viele suchen Arbeit. Partizipation ist nun das Zauberwort“, sagt die Expertin.

Der Einsatz der Paten sei deshalb wichtiger denn je – deshalb habe sich auch die Zielrichtung ihrer Arbeit geändert. Monika Hahn-Nanninga: „Vorher habe ich mich auf die Flüchtlinge konzentriert, jetzt ist es vorrangig meine Aufgabe, die ehrenamtlichen Helfer und Paten im Amtsgebiet zu vernetzen und zu beraten.“ Obwohl: „So richtig kann man das auch nicht trennen.“ Die Leckerin steht also mit vielen Akteuren in regem Austausch. „Paten brauchen gute und klare Strukturen. Viele Geflüchtete wollen arbeiten – aber die Hindernisse sind hoch. Wie zum Beispiel bekomme ich einen Flüchtling in ein Praktikum? Das ist eine echte Herausforderung, Ausländerbehörde, Sozialamt, Krankenkasse sind nur einige Stationen, die informiert werden müssen.“ Arbeitgeber hätten gar nicht die Zeit, das alles zu regeln. Hier kämen die Paten ins Spiel.

Jedoch warnt die Koordinatorin davor, den Betreuten alles abzunehmen. Stattdessen rät sie, die Flüchtlinge zur Selbsthilfe anzuleiten und sie mit den zuständigen Sachbearbeitern zusammenzubringen. Hilfe zur Selbsthilfe sei eine wesentliche Aufgabe der Paten – auch, um nicht enttäuscht zu werden oder sich ausgenutzt zu fühlen. „Es hören Paten auf, weil sie die Geflüchteten als undankbar empfinden“, berichtet Monika Hahn-Nanninga, gibt aber zu bedenken: „Wir sind manchmal auch zu hilfreich.“ Für einige Neubürger sei es ein Lernprozess, dass man sich selbst anstrengen müsse, um etwas zu bekommen. Sie seien nicht undankbar, sondern kämen mit falschen Vorstellungen nach Deutschland: „Manche denken, dass wir alle Sozialhilfe oder Wohnungen bekommen und noch Gehalt obendrauf, wenn wir arbeiten.“ Zudem falle es einigen Geflüchteten schwer, die westliche Lebensweise zu verstehen. „Deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig konsequent abzugrenzen und dazu zu stehen, was wir verkörpern.“

Wer das beherzigt, kann Monika Hahn-Nanniga zufolge viel Positives als Pate erleben: „Man wird in die Familie aufgenommen, ist Eltern- oder Großeltern-Ersatz, bekommt Einblicke in fremde Kulturen und gewinnt neue Freunde. Man kann wirklich etwas bewegen und Menschen helfen.“ Der freiwillige Einsatz in der Flüchtlingsbetreuung sei zudem nach wie vor unverzichtbar: „Alle wissen, dass es ohne Ehrenamtler nicht gehen würde.“ Die Politik bemühe sich aber immer mehr, das zu würdigen. Nicht nur deshalb ist am 22. Mai ein Ehrenamtstag in der Nordsee-Akademie geplant. „Dann werden alle Helfer eingeladen. Die Paten sollen sich anerkannt fühlen.“

Auch viele Geflüchtete wollten Danke sagen und Einheimische kennenlernen. Gelegenheit zur Kontaktaufnahme ist zum Beispiel in Leck an jedem zweiten Sonntag im Monat: „Unseren Sonntag“ nennt Monika Hahn-Nanninga ein Treffen in der Turnhalle der dänischen Schule von 15 bis 17.30 Uhr. Es gibt Büfett und Schnack, manchmal tanzen wir auch, das gibt eine richtige Party.“


Sprechstunde: dienstags von 10 bis 12 Uhr im Sozialzentrum Leck (Klixbüller Chaussee 10); weitere Kontaktmöglichkeiten: 04661/601617, monika.hahn-nanninga@amt-suedtondern.de

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