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Überalterung auf dem Land : „Wir dürfen keine Dörfer zurückbauen“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Am Freitag diskutiert der Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen in Dagebüll über Gefahren und Chancen des demografischen Wandels

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2014 | 05:00 Uhr

Matthias Ilgen hat über viele Jahre in der Husumer Kommunalpolitik mitgemischt – er war Stadtverordneter und saß im Kreistag. Im  September des vergangenen Jahres   gelang dem 29-Jährigen der Sprung in den Bundestag.  Seither vertritt der ausgebildete Lehrer und Veranstaltungskaufmann den Wahlkreis Nordfriesland und Dithmarschen Nord. Abseits der Politik erregte Ilgen mit seiner Vorliebe für Wrestling Aufsehen.   Zuletzt forderte der SPD-Mann den Ex-Torwart Tim Wiese zum Duell heraus. Im Gespräch mit dem Nordfriesland Tageblatt sprach Ilgen jetzt über die Herausforderungen des demografischen Wandels für Südtondern.

Herr Ilgen, Bevölkerungsschwund und Überalterung sind Gefahren, die ländliche Regionen besonders bedrohen. Welche Probleme entstehen aus dieser Entwicklung für Südtondern konkret?

Matthias Ilgen: Wir haben einen Trend zu den „Städtchen“, das heißt hin zu den ländlichen Zentralorten. Ich bin zwar aus Husum, aber ich weiß auch, dass dies gerade in Niebüll der Fall ist. Das hat natürlich zum einen den Sylt-Bezug, da dort viele Menschen keinen Wohnraum mehr finden. Wir haben aber auch das Phänomen, dass ältere Menschen  aus dem Umland von solchen Orten zunehmend in die Städte ziehen, weil sie älter werden und die Versorgung   dann doch vor der Haustür haben wollen.  Das ist eine der Herausforderungen, die wir zu meistern haben. Denn natürlich müssen die Orte und kleinen Städte das auch leisten können – auf der anderen Seite dürfen wir natürlich kein Rückbau von Dörfern haben.  Achtrup ist zum Beispiel so ein Dorf, dem dies Schicksal  in 20 bis 25 Jahren droht.

Achtrup ist also ein Dorf das stirbt?  Lässt sich diese Entwicklung noch aufhalten?

Wir müssen etwas dagegen tun – keine Frage. Der Verlust der Dörfer ist nicht in unserem Sinne, das möchte niemand.

Was aber tun, wenn die Alten abwandern, keine Jungen nachrücken  und die  Infrastruktur vor Ort dann auf einmal überdimensioniert und zu teuer für die  verbliebenen Bewohner  ist?

Ich glaube, dass man zum einen helfen muss, dass dörfliche Infrastruktur erhalten bleibt. Dazu gehört der Erhalt eines Dorfladens – und wenn der nicht mehr funktioniert, muss es ein Markttreff richten. Außerdem müssen die Kommunen das Wohnen im Alter vor Ort noch attraktiver gestalten.  Das heißt, dass wir verstärkt Investitionen im Bereich Barrierefreiheit tätigen, damit alte Menschen solange wie möglich im Ort wohnen bleiben können.  Und was Bewohner angeht, die nicht mehr gut alleine einkaufen können, so muss man sich Gedanken über Angebote machen, damit der Einkauf zum Menschen kommt. Das müssen wir möglich machen.

Wie lässt sich das in der Praxis umsetzen?

Bei diesem Vorhaben wird uns das, was wir bisher immer als digitale Revolution und Wirtschaft 4.0 benennen,  helfen. Denn die Menschen, die jetzt alt werden, sind in Wahrheit zunehmend computeraffin. Schon jetzt nutzen 85 Prozent der Deutschen das Netz. Das ist eine Chance. So können auch Menschen im ländlichen Raum über das Internet Dienstleistungen erwerben, die dann zu ihnen nach Hause kommen. Es muss dann nicht unbedingt schlechter sein in einem netten Häuschen im Dorf Achtrup zu leben, statt in der nächstgrößeren Stadt wie Niebüll oder Husum leben zu müssen, um noch zum Einkauf zu kommen.

Natürlich gibt es auch andere Gründe, um das Haus zu verlassen. Etwa den Besuch bei einem Facharzt. Wie kann alten Menschen auf dem Dorf hier geholfen werden, wenn sie nicht mehr mobil sind?

Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir den öffentlichen Nahverkehr so organisieren, dass Menschen unabhängig von einer Buslinie mal raus kommen, um solche Dinge erledigen zu können. Der Bürgerbus in Ladelund ist da ein  richtig gutes Beispiel.  

Es braucht also nicht nur die Öffentliche Hand, sondern auch private Initiativen wie in Ladelund?

Genau – aber sicher müssen wir die Voraussetzungen  für eine digitale Infrastruktur schaffen, damit Versorgungsangebote über das Netz auch genutzt werden können. Dabei ist also der Zugang zu  Breitband die absolut entscheidende Frage. Wir müssen es schlicht schaffen, schnelles Internet in jeden  Haushalt Südtonderns  zu bekommen.

Stellen wir uns einmal vor, dass sich der Bevölkerungsrückgang nicht überall aufhalten lässt – brauchen wir da nicht auch eine Strategie für das Schrumpfen?

Sie meinen also den geordneten Rückzug? Nein – da müssen wir aus vielen Gründen dagegen halten. Ich bin nicht dafür, dass wir die Prognosen über den demographischen Wandel einfach so akzeptieren sollten.  Prognosen, die auf die ferne Zukunft gerichtet sind, sind immer schwierig. Stattdessen glaube ich, dass wir auch in der Familienpolitik noch einiges bewegen können, um die Entwicklung abzuschwächen.

Welche Maßnahmen würden Sie sich denn wünschen?

Momentan geben wir sehr viel Geld aus, und das nicht immer zielgerichtet.  Ich nenne da Kindergeld, Betreuungsgeld, Erziehungsgeld. Unsere  Nachbarn in Frankreich  geben im Volumen etwa gleich viel aus, verzichten aber wesentlich mehr auf direkte Zahlungen und investieren stattdessen in die Infrastruktur. Nun will ich nicht alles darauf zurückführen, aber der Unterschied in der Geburtenrate (Deutschland 1,3 und Frankreich 2,1 Kinder pro Frau), der ist auch ein Stück dieser Politik geschuldet.  Das wird uns jetzt in den nächsten 15  bis 20 Jahren nicht über die Klippe helfen, aber auf mittlere Sicht würde das dazu führen, wenn wir die Geburtenrate steigern können, dass die Probleme in den  ländlichen Gemeinden Südtonderns wieder abgemildert werden könnten.

Am Ende des Tages wird niemand gezwungen auf dem Land zu leben. Warum also der ganze Aufwand?

Wenn sich Menschen vor 20 Jahren mal für unser Beispieldorf Achtrup entschieden haben, darf das auch heute nicht bedeuten, dass man dort alleingelassen wird. Natürlich wird es immer einen qualitativen Unterschied  im Wohnen zwischen Achtrup und Husum oder auch Husum und Hamburg geben. Das lässt sich natürlich nicht auflösen, und das will ja auch keiner. Menschen entscheiden sich ja nicht nur für ein Leben in  Achtrup, weil sie sich das Grundstück in Niebüll oder Husum nicht leisten können, sondern weil sie dort leben wollen. Man muss diesen Menschen auch weiterhin Heimat ermöglichen.

 

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