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Nordfriesland Tageblatt

24. Juli 2017 | 12:51 Uhr

„Wie Weihnachten im Juni“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Kinder aus der Tschernobyl-Region Pinsk genießen unbeschwerte Tage in Niebüll und erholen sich von ihrem harten Alltag

Auf die Reise ins ferne Nordfriesland haben die zwanzig Kinder der Suppenküche Pinsk aus Weißrussland schon lange gewartet – nun ist es soweit. Dank der Niko-Nissen-Stiftung durften die Kinder dieses Jahr wieder für vier Wochen ins idyllische Niebüll reisen und sich von dem Alltag daheim erholen. „Das ist für uns wie Weihnachten im Sommer“, freute sich die Leiterin der Suppenküche, Valentina Denisman, als ihre zwanzig Kinder zur Feier ihrer Ankunft in der Jugendherberge in Niebüll beschenkt wurden. Während der Weihnachtsbaum-Aktion im Dezember bei Niko Nissen in Niebüll hatten Kunden sowie Mitarbeiter für diesen Zweck kleine Päckchen mit Überraschungen für die Kinder gefüllt.

Die Kinder hatten am Ankunftstag zwar eine lange Reise hinter sich, doch die Freude war ihnen ins Gesicht geschrieben. Frauke Nissen, die mit ihrem Mann Paul Nissen die Niko-Nissen-Stiftung vor 22 Jahren ins Leben gerufen hat, besuchte die Kinder schon mehrere Male in Weißrussland und spricht aus Erfahrung von teils „verheerenden Familienverhältnissen“. „Unter welchen Umständen die Kinder leben, können wir uns hier kaum ausmalen“, sagt sie. Aufgrund der immer noch starken Strahlung aus Tschernobyl leiden zudem ungewöhnlich viele Kinder an Osteoporose, einer Knochenkrankheit, die normalerweise nur bei älteren Menschen auftritt.

Gewalt, Kriminalität, Suizid – nur einige der Dinge, die die Kinder zusätzlich zur Strahlungsbelastung im alltäglichen Leben zu bewältigen haben. „Vielen Kindern aus der Suppenküche bleibt eine Reise nach Niebüll für immer verwehrt. Ihre Familien sind oft kriminell oder besitzen schlichtweg keine Pässe“, erklärt sie.

Als Frauke und Paul Nissen vor 15 Jahren das erste Mal mit der Suppenküche Pinsk in Kontakt traten, war ihnen klar, dass etwas passieren musste. Mit der Niko-Nissen-Stiftung hatten sie bereits seit 1995 hörgeschädigte Kleinkinder aus Weißrussland, die fälschlich als taubstumm abgestempelt wurden, mit Hörgeräten und Brillen ausgestattet.

Dann kam die Idee, auch die Kinder der Suppenküche aus schlechten und ärmlichen Familienverhältnissen für vier Wochen nach Niebüll als Erholung einzuladen. Trotz ihrer guten Absichten hatten Frauke und Paul Nissen ihre Zweifel. Sollten die Kinder wirklich aus ihrem Umfeld für vier Wochen in eine bessere Welt geholt werden, um dann wieder in ihren traurigen Alltag zurückzukehren? Ein Psychologe versicherte ihnen: „Ihr schenkt den Kindern Traumlinien, denn ohne positive Erfahrungen können diese Kinder nicht einmal von etwas Schönem träumen.“

Paul Nissen kann diese Aussage nur bestätigen, die Reise schaffe neue Perspektiven. „Die Kinder sind engagierter und verbessern ihre Schulleistungen. Sie lernen grundlegende Dinge, wie mit Messer und Gabel zu essen.“ Dabei würden sie nicht selten gleichermaßen ihre eigenen Eltern erziehen.

Die Verwirklichung des Projekts war steinig, 25  000 Euro wurden benötigt, um die Kinder nach Niebüll zu holen. Viele kleine und große Spenden wurden demnach benötigt und schließlich auch zusammengekratzt. „Den Aufwand war es definitiv wert“, sagte Frauke Nissen mit Blick auf die strahlenden Sprösslinge aus Pinsk, die sich immer wieder bedankten.

Die Geschenke aus der Weihnachtsbaum-Aktion wird die Kinder in Zukunft, wenn der Alltag mal unerträglich erscheint, an ihre schöne Zeit in Niebüll erinnern und daran, dass es einen Ausweg gibt. Suppenküchen-Leiterin Valentina Denisman drückte es mit einem Appell an ihre Kinder passend aus: „Ihr sollt immer an das Gute glauben, macht aber auch das Gute selbst“.

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erstellt am 23.Jun.2017 | 13:51 Uhr

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