Wie der "Bier-König" knapp dem Abrissbagger entging

Das Wandbild Foto: Prenzel
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Das Wandbild Foto: Prenzel

Verkanntes Wandbild des Friesen malers Carl Ludwig Jessen soll für die Nachwelt erhalten bleiben

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28. September 2012, 08:09 Uhr

Niebüll | Jahrzehntelang blieb es unbeachtet: halb verdeckt von einem Heizkörper in einem Hinterzimmer der ehemaligen Gaststätte "Morgenstern" in Niebüll-Deezbüll. Kurz vor dem Abriss der bereits seit Jahren leerstehenden und erst vor Kurzem verkauften Lokalität, ist das Wandbild des bekannten "Friesen malers" Carl Ludwig Jessen entdeckt worden. Jessen war gebürtiger Deezbüller.

Ein Historiker hatte sich an das Werk erinnert und darauf aufmerksam gemacht. Das Gemälde zeigt einen prachtvoll gekleideten Herrscher, der seinen Thron auf einer Bühne im Wald aufgestellt hat. Der stattliche, vollbärtige Riese hebt jedoch weder Zepter noch Krone, sondern hält ein Maß Bier hoch. Ein Motiv, das Fragen aufwirft. Ein imaginärer Friesenkönig als Wunschbild des Künstlers? Oder doch eher die Assoziation an eine frühe Bierreklame? Hatte Carl Ludwig Jessen mit dem Werk seine Zechschulden bezahlt? Oder war es eine Gefälligkeit gegenüber dem Eigentümer des bei Bauern und Handwerkern der Umgebung beliebten "Morgenstern"? Fest steht, der frühere Gastwirt Nicolay Nissen war der Schwager des Künstlers. Er könnte das Bild in Auftrag gegeben haben.

Künstlerisch sei das Wandbild zwar nicht hoch anzusiedeln, kommentierte Dr. Uwe Haupenthal, Leiter des Niebüller Haizmann-Museums. Der Wert liege eher in der Einmaligkeit des etwas naiv anmutenden "Bierkönig"-Motives, sind sich Experten einig.

Dennoch zeigte bereits Professor Dr. Ulrich Schulte-Wülwer Interesse. Der Kunsthistoriker und Carl Ludwig Jessen-Kenner will den Fund demnächst selbst in Augenschein nehmen. "Ich bin beim nächsten Ortstermin dabei." Über Carl Ludwig Jessen hat Schulte-Wülwer vielfach veröffentlicht, mit dessen Werken und dem Nachlass hatte er als Flensburger Museumsdirektor zu tun.

Deezbüller Nachbarn sind schon jetzt stolz auf den Fund. Rosi Ehrenberger, Inhaberin einer Lederwerkstatt in Deezbüll, freut sich über die Entdeckung. "Das Wandbild sollte auf jeden Fall bewahrt und ausgestellt werden. Die Rarität fördert auch die Deezbüller Identität." Eine Niebüllerin kennt das Wandbild: "Ich bin mit dem Bild vom Bierkönig aufgewachsen", sagt Josefine Jansen, Schwester von Hans-Joachim Kühl. Der Kaufmann war jahrzehntelang Inhaber der Gaststätte samt Kaufmannsladen. "Mein Großvater hat die Gaststätte 1888 erworben. Der Raum mit dem Bierkönig gehörte damals zur Gaststube dazu. Meine Mutter hatte immer ein Auge auf das Bild", erzählt Josefine Jansen. "Sie ließ es sogar von dem Hamburger Künstler Tom Hops restaurieren."

Es gilt als sicher, dass das Wandbild für die Nachwelt erhalten werden kann. Auf Initiative des Niebüller Geschichtsvereins und aus eigenem Interesse möchte der neue Eigentümer für dessen Erhalt sorgen. Es ist technisch möglich, das Wandteil herauszulösen und zu konservieren. Denkbar ist aber auch, dass es integraler Bestandteil eines Neubaus wird. Wo die Rarität aufbewahrt beziehungsweise zur Schau gestellt wird, ist noch offen. Eine Attraktion für die Stadt Niebüll ist sie schon jetzt.

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