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Erdbewegungen : Wer rettet die rutschenden Häuser auf dem Dagebülldamm?

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Häuser auf dem Dagebülldamm sacken immer weiter ab. Bewohner suchen nach den Verantwortlichen - bisher ohne Erfolg.

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2017 | 13:16 Uhr

Wütend ist Jorgo Lorkowski nicht – oder besser, nicht mehr. Seit rund drei Jahren ziehen sich meterlange Risse durch Wände und Böden seines Hauses auf dem Dagebülldamm. Und sie werden immer breiter und länger: Die Fenster im gesamten vorderen Teil des Gebäudes lassen sich inzwischen nicht mehr schließen – von außen sind sie jetzt mit Plastik verstopft. Stahlträger stützen die Immobilie, deren hinterer Teil wirkt, als würde sie jederzeit vom Deich rutschen – und sorgen dafür, dass sie nicht weiter absackt oder gar zusammenfällt, wie eine vom Meer umspülte Sandburg am Strand.

Seine anfängliche Wut ist inzwischen einer verzweifelten Gleichmütigkeit gewichen. Der 77-Jährige sucht nach Verantwortlichen, die für die fortschreitenden Schäden am Haus aufkommen. Ein Absenken des Deichgrundes sei die Ursache für die Zerstörungen, vermutet der Hausbesitzer.

Er ist nicht der einzige: Auch Lorkowskis direkte Nachbarn, die Familie Schweer, hat Probleme mit den Erdbewegungen. Neben kleineren Rissen, die der Familie regelmäßig im Haus auffallen, senkt sich auch hier der dem Deichgraben zugewandte Teil des Gebäudes sichtbar ab. „Dass es derart rapide hier abwärts geht, ist der Wahnsinn“, sagt Jorgo Lorkowski, der sein in der Gemeinde Galmsbüll gelegenes Haus seit zehn Jahren vermietet. Inzwischen kann er weniger Feriengäste unterbringen, als zuvor, weil er das Schlafzimmer im Erdgeschoss mit seinen gigantischen Rissen nicht für Übernachtungen anbieten will. Die Spalte, die sich wie Blitze über die gelb gestrichenen Zimmerwände ziehen, sind seit Ende 2016 breiter geworden. Zunächst hatten sie sich nur als feine Haarrisse gezeigt.

„Wir warten noch immer auf einen Sachverständigen“, sagt er. Ein Gutachter aus dem Baugeschäft sei bereits da gewesen und habe vorgeschlagen, unter dem 225 Quadratmeter großen Haus mit Quellbeton zu arbeiten – „aber das wird ganz schön teuer“, sagt Jorgo Lorkowski. Von sich auch wolle er nicht mit Renovierungen an seinem 1968 gebauten Haus beginnen, um die Spuren der langsamen Zerstörung nicht zu verwischen, bis er einen Verantwortlichen gefunden hat.

Als ein Grund für die Probleme mit dem wandernden Erdreich vermutet er die Bauarbeiten zur Verstärkung des Landesschutzdeiches in Dagebüll beiderseits der Stöpe vor dem Fährhafen für die Inseln Föhr und Amrum. „Seitdem man vor dem Blocksberg diese riesigen Seen ausgehoben hat, geht das Wasser hier weg“, sagt er. Durch die Arbeiten , die vor rund einem Jahr begonnen hatten, würde der Deich trockener werden und absinken. Bei den Baggerarbeiten waren dort Seen entstanden, damit die Deiche erhöht werden können. Dieser See ist nicht klein und da sein Haus erhöht liegt, würde das Wasser dementsprechend in Richtung Meer „ablaufen“ und den Deich trocken legen, sagt Jorgo Lorkowski.

Aber auch der Bruch einer Rohrleitung im August 2014, die zeitlich mit den ersten Rissen in seinem Haus zusammengefallen seien, könnte eine Ursache sein, mutmaßt er.

Heiko Thede, Geschäftsführer des Wasserversorgungsunternehmens Drei Harden, widerspricht diesem Verdacht: „Der Rohrbruch war ein kleines Rinnsal, wie Wasser aus einem kleinen Gartenschlauch. Das kann keine Deiche in Bewegung setzen“, sagt er. Zwar habe es vor zwei Jahren auf dem Dagebülldamm einen Riss in einer Trinkwasserleitung gegeben – „diese können aber nichts mit den Schäden in und an Lorkowskis Haus zu tun haben“. Ganz im Gegenteil vermutet er, dass auch der Rohrbuch durch die Deichbewegung verursacht worden sei. An vielen Orten seien Deiche in Bewegung. „Da kann man leider nicht viel machen“, sagt Heiko Thede.

Die Anwohner der Häuser am Damm sind jetzt auf der Suche nach dem richtigen Ansprechpartner, um nicht allein auf den Schäden der Deichbewegungen sitzen zu bleiben – bisher ohne Erfolg.

Vom Amt Südtondern hatte es zuletzt geheißen, dass die Grundstückseigentümer für Grund und Boden allein verantwortlich sind. Für die Anwohner ist das nur schwer nachzuvollziehen, denn der Deich, auf dem ihre Häuser stehen, gehört ihnen nicht, sondern ist gepachtet. Sie zahlen jährlich Stavengeld an den Deich- und Sielverband Kleiseerkoog, der Eigentümer des Deichgrundstückes ist. 350,30 Euro sind jedes Jahr „pünktlich bis zum 1. Oktober an den Grundstückeigentümer zu entrichten“, heißt es im sogenannten Stavenbrief , einer Vereinbarung zwischen der Deichgrafschaft des Deich- und Hauptsielverbandes Südwesthörn-Bongsiel in Niebüll und dem Pächter. In den Augen der Bewohner ist der Verpächter verantwortlich für den Boden, auf dem das Haus mit dem Schaden steht. Der Verband hingegen sagt, damit hätte er nichts zu tun, sagt Jorgo Lorkowski.

Wer die Verantwortung trägt, könne er nicht sagen, gibt Deichvogt Andre Moritzen zu, da er erst seit Beginn des Jahres für das rund 300 Jahre alte Bauwerk Verantwortung trägt. Er gibt allerdings zu bedenken, dass es „normal ist“, dass Deiche sich bewegen. Auch anderswo hätten Menschen, die auf diesen Erhöhungen wohnen, Probleme mit klemmenden Türen, schiefen Fußböden und Rissen in den Wänden. Dass diese Bewegungen in Galmsbüll zugenommen haben könnten, weil im rund fünf Kilometer entfernten Dagebüll gebaut wird, sei für ihn nicht schlüssig. Die historischen Häuser seien demnach so gebaut, dass sie teilweise „mitgehen“, wenn der Untergrund sich bewegt, sagt er. „Bei den neueren kann es aber Probleme geben.“

Das bestätigt auch Galmsbülls Bürgermeisterin Sinje Stein: „Die Situation für die Menschen am Dagebülldamm ist wirklich problematisch“, sagt sie. Aber hier einen Schuldigen zu finden, sei sehr schwierig – eine Lösung wüsste auch sie nicht. Unter anderem zieht sie die Veränderungen in der landwirtschaftlichen Nutzung als Ursache für den trockenen Untergrund in Betracht. Die Deich- und Sielverbände würden durch übermäßiges Leerpumpen einen niedrigeren Grundwasserspiegel verursachen – dadurch trockenen dann auch die Deiche aus und die Häuser sacken ab, sagt sie.

Jetzt will die Gemeinde den Boden mit den rissigen Häusern untersuchen lassen, weil auch die gemeindeeigene Straße inzwischen absackt. Vielleicht bringen die Bohrungen in 10 bis 15 Zentimeter Tiefe neue Erkenntnisse über die Materialen und die Beschaffenheit des Bodens , hofft Sinje Stein. „Wenn die Bewohner auch von diesen Proben profitieren – umso besser“, sagt sie.

Diese Erkenntnisse könnten Lorkowski neue Hoffnung geben. Bis dahin bleibt ihm nur, die Risse in den Wänden seines Hauses zu kontrollieren.

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