Wenn Fürsorge zum Zahlenspiel wird

 Die Genesung ihrer Tochter tröstet sie über den Ärger mit der Kasse hinweg: Nicole und Thorsten Deetz  mit  Lea. Foto: hem
Die Genesung ihrer Tochter tröstet sie über den Ärger mit der Kasse hinweg: Nicole und Thorsten Deetz mit Lea. Foto: hem

Kasse will nicht für beide zahlen: Ehepaar aus Haselund war gemeinsam zur Operation seiner schwerkranken Tochter nach Greifswald gereist

shz.de von
05. Oktober 2011, 08:32 Uhr

Haselund | Manchmal hängt das Leben an einem "seidenen Faden" - wie bei der kleinen Lea-Sophie. Am 17. Mai 2008 erblickte sie in der Husumer Klinik das Licht der Welt und musste gleich an ihrem zweiten Lebenstag mit dem Rettungshubschrauber in das Universitätsklinikum Kiel verlegt werden. Ende Mai kam sie als vermeintlich gesundes Baby nach Hause zu den Eltern Nicole und Thorsten Deetz. Bis zum 19. Oktober 2008 dauerte das Familienglück in Haselund: An diesem Tag schlief Lea ungewöhnlich lange - als Nicole Deetz ihre Tochter weckte, begann sie sofort zu krampfen. Ein Martyrium für Eltern und Tochter begann. Aufenthalte im Flensburger Diakonissenkrankenhaus und der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf folgten. Heiligabend wurde Lea-Sophie mit der Diagnose "Hyperinsulinismus" entlassen. Im Blut des Mädchens kam es aufgrund einer Überproduktion der Bauchspeicheldrüse zu einer erhöhten Konzentration des Hormons Insulin. Alle vier Stunden musste nun der Blutzucker kontrolliert werden. "Ein 24-Stunden-Fulltime-Job", erinnert sich Thorsten Deetz, "unsere Lea-Sophie musste immer mit uns mit - egal wo hin." 2009 verging ohne Vorfälle - aber 2010 wurde "ein ganz hartes Jahr".

Im Februar 2011 kontaktierte der

43-jährige Familienvater die Uni-Kinderklinik in Magdeburg: Dort trafen sich am 18. März Mediziner aus aller Welt zu einer Tagung zum Thema "Hyperinsulinismus" - eingeladen war auch das nordfriesische Ehepaar. Der "wichtigste Tag" im Leben der Familie Deetz folgte am 10. Mai in der Uniklinik Greifswald. Nach eingehender Untersuchung und langer Auswertung waren die kranken Zellen "entdeckt". Sechs lange Stunden operierten Professor Winfried Barthlen und Team - sie entfernten etwa 40 Prozent der Bauchspeicheldrüse. Ihren dritten Geburtstag beging Lea-Sophie auf der Kinder-Intensivstation und kam mit ihren Eltern am 29. Mai wieder in Haselund an.

Ein Happy End, das nun jedoch von Ärger überschattet wird. Denn die AOK Nordwest in Husum hat den Antrag auf Krankengeld abgelehnt und Thorsten Deetz, nach einer Krebserkrankung in Frührente, per Rechtsanwalt Widerspruch eingelegt. Über diesen muss ein Ausschuss der Krankenkasse befinden - eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Der Nordfriese beziffert die Summe, um die der Streit geht, auf 500 Euro. Aufgrund eines Gutachtens des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Nord mit Sitz in Kiel sei es nicht notwendig gewesen, dass Mutter und Vater Lea-Sophie nach Greifswald begleiteten. "Für die Anwesenheit beider Elternteile bestand im vorliegenden Fall keine medizinische Notwendigkeit. Zur psychischen Unterstützung des Kindes vor und nach der Operation war die Anwesenheit eines Elternteiles ausreichend." Das Ehepaar reagiert mit Kopfschütteln: "Wir haben eine wahre Odyssee hinter uns." Unterstützt werden die Eltern sowohl von Prof. Dr. Klaus Mohnike (Uni-Klinik Magdeburg) als auch von Prof. Dr. Winfried Barthlen (Uni-Klinik Greifswald), die beide "eine massive psychische Belastung für Mutter und Vater" attestiert haben: "Die Anwesenheit beider Eltern kann für den Verlauf der Untersuchungen und der Heilung als förderlich angesehen werden." Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie in Greifswald, Prof. Dr. Winfried Barthlen, gibt außerdem zu bedenken: "Der Krankenkasse sind ja durch die erfolgreiche Operation hohe Kosten erspart worden. Dazu zählen Ausgaben für Notfalleinsätze des Rettungsdienstes inklusive Notarzt und Rettungshubschrauber und auch teure Medikamente." Er unterstreicht auf Anfrage, dass es sich um ein "sehr seltenes Krankheitsbild" handelt, mit dem "die Krankenkassen keine Erfahrung" haben.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen