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Nordfriesland Tageblatt

18. Dezember 2017 | 06:46 Uhr

Niebüll : Wenn der Alltag zur Hürde wird

vom

Seit 30 Jahren kümmern sich die Sozialen Einrichtungen Nordfriesland um ehemalige Suchtkranke sowie Menschen mit Beeinträchtigungen.

shz.de von
erstellt am 25.Mai.2013 | 09:09 Uhr

Niebüll | Party machen und Drogen - daraus bestand in der Vergangenheit ihr Leben. Dann kam irgendwann das böse Erwachen, ein Gefühl, das Leben verpfuscht zu haben, vor dem Nichts zu stehen, die Suche nach einem Ausweg.

Die Soziale Einrichtungen Nordfriesland gGmbH (SEN) mit Sitz in Niebüll bietet Aussteigern so eine Möglichkeit - seit nunmehr 30 Jahren. Geschäftsführer sind die Pädagogin Claudia Dillenborger und der Kaufmann Manfred Dillenborger. Die Verwaltung befindet sich in der Friedrich-Paulsen-Straße 8.

Seit 2006 bietet SEN das Wohngemeinschafts-Modell an. In den fünf über das Stadtgebiet verteilten Häusern werden derzeit 28 Menschen ambulant betreut. Der Altersdurchschnitt bewegt sich zwischen 20 und 60 Jahren. Die Bewohner werden, weit weg von den Ballungszentren Hamburg und Bremen, aus denen sie kommen, schrittweise in ein geregeltes Leben ohne Drogen zurückgeführt. Diese Arbeit übernehmen 31 Mitarbeiter. "Es sind nicht alle Vollzeitkräfte." Die vertretenen Berufe sind vielfältig. Sozialpädagogen, Alten- und Krankenpfleger, Erzieher, Sozialpädagogische Assistenten, Hauswirtschafter, Industriekaufleute und Bilanzbuchhalter sind darunter.

Den Großteil der Klienten stellen Menschen mit Psychosen, die eine Folge des vorherigen Drogen- und Alkoholmissbrauchs sind. "Psychosen bedeuten: Die weißen Mäuse, die einige durch ihre Sucht gesehen haben, sind bei ihnen geblieben. Viele kamen sehr früh mit den Drogen in Berührung, begannen mit 14 Jahren zu kiffen." Mit entsprechenden Folgen für die Entwicklung. "Einige der Betreuten machen jetzt - mit 20 Jahren - ihre Pubertät durch."

Zur Reintegration gehört in den Wohngemeinschaften, dass die Klienten Mieterpflichten übernehmen, wie das Sauberhalten des Bürgersteiges und ähnliches. "Für viele ist der Normal-Alltag eine Herausforderung." Einen Traum haben alle gemein: einen Schulabschluss und eine Lehre zu machen, eine Wohnung zu finden, Familien zu gründen. Dabei hilft SEN mit einem Netzwerk, dem Vereine, Institutionen und Unternehmer angehören. Trotz aller Bemühungen weiß Claudia Dillenborger: "Es ist nicht für alle möglich."

Neben den Wohngemeinschaften gibt es in der Rathausstraße 29 einen zentralen Treffpunkt. "Hier sollen die Klienten Sozialkompetenz erlernen", sagt Claudia Dillenborger. Und, wie man wieder auf eigenen Füßen steht. Dazu werden beispielsweise freitags Kochtrainings angeboten. Die Besucher lernen nicht nur, selber zu organisieren und einzukaufen, sondern auch, wie man die Woche strukturiert. Das große Problem sei die Antriebsschwäche. "Ohne Drogen ist alles viel nüchterner und klarer", gibt die Pädagogin zu bedenken. "Der Einstieg in die Wirklichkeit ist sehr schwierig. Man muss immer dran bleiben." Das Haus ist täglich ab 11 Uhr geöffnet - für jeden.

Menschen mit Beeinträchtigungen und mehrfachen Behinderungen werden in Emmelsbüll-Horsbüll auf dem Hof Dykenshamm sowie in der Niebüller Wohnstätte Nordergotteskoog (Klanxbüller Straße 24) betreut. Hier arbeiten all jene in Projekten, die als nicht werkstattfähig gelten. Sie übernehmen Aufgaben in der Wäscherei, die Pflege von Gärten, das Ausmisten von Pferdeställen. Es sind Tätigkeiten, die ohne Stress und Produktionsdruck bewältigt werden. Der Kontakt zur "Außenwelt" kommt natürlich nicht zu kurz. Beispielsweise werden auf Hof Dykenshamm Pferdedecken zum Waschen angenommen. Die Betreuten begleiten den Prozess - von dem Empfang der Ware über die Reinigung bis zu der Abholung. "Das schafft soziale Kontakte und erhält die Flexibilität."

Bis zum 31. Dezember 2012 war Hamburg der Leistungsträger für die Klienten der SEN. Jetzt ist der Kreis Nordfriesland zuständig, denn zunehmend kommen Ratsuchende auch aus der Region. "Der Bedarf ist allein in Niebüll sehr groß." Doch die Verhandlungen gestalten sich schwierig, weil SEN für die Region bisher unbekannte Modelle anbietet, schildert Claudia Dillenborger das Problem: "Der Kreis möchte Fachkräfte-Stunden, wie in der Altenpflege. Das aber ist bei psychisch kranken Menschen schwierig beziehungsweise unmöglich."

Zum Jubiläum am 1. Juni (14 bis 19.30 Uhr) wird es auf Hof Dykenshamm in Emmelsbüll-Horsbüll (an der L8 zwischen Niebüll und Klanxbüll) einen Tag der offenen Tür mit vielen Programmpunkten geben.

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