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Zwischen Föhr und Amrum : Wattwanderung ohne Führer: Sträflicher Leichtsinn bringt Urlauber in Gefahr

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Ohne Führer von Föhr nach Amrum: Immer wieder lösen in Not geratene Urlauber Großeinsätze aus – und die Orientierung an der Odde ist schwer. Selbst mit Google. Retter warnen vor Touren auf eigene Faust.

shz.de von
erstellt am 18.Aug.2015 | 12:15 Uhr

Amrum | Es ist schon wieder passiert. Wattwanderer, die offensichtlich ohne Führer von Föhr nach Amrum unterwegs waren, sorgten bei auflaufendem Wasser für einen Großeinsatz Rettungskräfte auf der Insel Amrum. Per Handy rief einer der Wanderer die Rettungsleitstelle Nord an – insgesamt sieben Personen seien im Watt in Not geraten, einige von ihnen würden sich an den Pricken im Priel vor Amrum festhalten müssen.

Eine Herausforderung für die Einsatzkräfte. Denn der Weg zum Einsatzort war nicht befahrbar. Also beschloss man, Rettungsdienst und Feuerwehr per Traktor zu den Urlaubern zu bringen. In der Zwischenzeit kam jedoch ein anderer zur Hilfe: „Mittlerweile konnten wir die Betroffenen mithilfe eines Amrumer Wattführers auf den richtigen Weg lotsen und so in Sicherheit bringen“, berichtet Norddorfs Wehrführer Andreas Knauer. Der Einsatz konnte abgebrochen werden.

Gerettet hat die leichtsinnigen Urlauber ein glücklicher Zufall. Wattführer Steffen Hubert-Jessen war just an diesem Vormittag mit einer Gruppe auf einer naturkundlichen Führung vor der Odde unterwegs. Die Wattwanderer hatten versucht, den Priel an einer völlig ungeeigneten Stelle zu durchqueren. Hubert-Jessen schaffte es von Land aus, sie umzudirigieren und durch den Priel zu leiten, sodass sie sicher nach Amrum weiterlaufen konnten.

„Die Föhrer Urlauber erklärten, dass sie sich von einer auf Föhr ausliegenden Wanderkarte haben leiten lassen. Die Strecke wäre dort als Wanderweg ausgewiesen und es sei nicht erkennbar gewesen, dass man einen Wattführer bräuchte“, berichtet Knauer.

Hätte der ortskundige Wattführer die Touristen nicht zufällig entdeckt, hätte der Rettungseinsatz lang dauern können. Denn an der Amrumer Odde gibt es keine Straßennamen. Die Leitstelle habe deshalb das Einsatzgebiet über eine Suchmaschine einzugrenzen versucht und herausgefunden, dass die Stelle bei Google „Schwalbental“ heißt, berichtet Dr. Peter Totzauer. „Damit konnte aber keiner auf Amrum etwas anfangen“, so der Notarzt.

Rettungsdienst und Feuerwehr seien deshalb zuerst zum Strandübergang gefahren, um per Allradfahrzeug von der Nordseite an die Einsatzstelle zu gelangen. „Mittlerweile hatte ein Spaziergänger einen weiteren Notruf abgesetzt und dabei den Rettungspunkt 4.43, der sich an der Odde befindet, als Standort angegeben. So konnten wir per Geländefahrzeug zu den Betroffenen gelangen“, beschreibt Andreas Knauer den Ablauf. Bei diesem Einsatz sei erneut klar geworden, dass für die Rettungskräfte eine schlüssige Ortsangabe für die schnelle Anfahrt unabdingbar sei. Das Netz von Rettungspunkten auf Amrum habe ein weiteres Mal gute Dienste erwiesen.

Deutlich wurde bei dem aktuellen Einsatz auch, dass die Feuerwehr auf Amrum gar nicht für eine Wasserrettung ausgerüstet ist. „Zwei Tage vorher geriet bereits ein Stand-up-Paddler an der Odde in die Strömung und trieb Richtung Utersum ab. In solch einem Fall sind wir froh, dass wir auf ein gut motorisiertes Privatboot eines Strandkorbverleihers, der auch zu den Aktiven der Wehr gehört, zurückgreifen können“, so der Gemeindewehrführer. Der Wassersportler konnte dann übrigens auf Föhr aus eigener Kraft an Land gehen.

Die Wattwanderstrecke zwischen Amrum und Föhr ist tückisch und kann nur in Begleitung von ortskundigen Wattführern sicher begangen werden. „Leider gibt es immer wieder Leute, die uns bei unseren Wattführungen beobachten und dann meinen, dass sie die Wanderung auch auf eigene Faust unternehmen könnten“, berichtet Wattführer Reinhard Boyens. Der 45-jährige Insulaner führt bereits seit 22 Jahren Gruppen über den Meeresboden zwischen Föhr und Amrum.

Der tiefe Priel vor Amrum kann ortsunkundigen Wattwanderern schnell zum Verhängnis werden.
Der tiefe Priel vor Amrum kann ortsunkundigen Wattwanderern schnell zum Verhängnis werden. Foto: oe

Es gibt jeweils nur einen schmalen Durchgang durch die beiden tiefen Priele auf der rund zwei Kilometer langen Strecke. Der Priel vor Amrum hat eine gewaltige Strömung. „Wer nicht die richtige Stelle trifft – da sind 100 Meter schon entscheidend – verliert schnell den Boden unter den Füßen und wird mitgerissen“, weiß Boyens. Der Priel vor Utersum flutet enorm schnell ein und unkundige Wanderer verzweifeln schier, wenn sie nicht die richtige Stelle zum Durchwaten finden. „Letztendlich versuchten schon viele, das letzte Stück schwimmend zu bewältigen“, weiß Reinhard Boyens.

Bevor die erfahrenen Föhrer und Amrumer Wattführer in der neuen Saison mit Gruppen ins Watt gehen, kontrollieren sie alljährlich die Routen, denn die Priele verlagern sich immer wieder und es gibt stetige Veränderungen auf dem Meeresboden. Im Frühjahr und zum Spätsommer kommt außerdem die große Gefahr von plötzlich aufziehendem Seenebel hinzu. Da droht ohne Navigation schnell die Orientierungslosigkeit.

Nicht nur die große Wattwanderung von Insel zu Insel  ist gefährlich, auch wer sich  auf eigene Faust vor den Stränden ins Watt begibt oder „nur“ bis zum Fahrwasser läuft, sollte die Gefahren nicht unterschätzen. Bei aus heiterem Himmel  plötzlich auftretendem Seenebel kann man schon die Orientierung verlieren, wenn man nur wenige Meter von der Küste entfernt ist, und dann statt zum rettenden Ufer immer weiter hinauslaufen. 
 

Was viele Touristen  außerdem nicht wissen: Das Wasser läuft nicht von hinten langsam in Richtung Küste, sondern zuerst in die Priele, die oft sehr tief sind und in denen starke Strömung herrschen kann. So kann für den, der nicht rechtzeitig zurückläuft, der Weg zum Ufer abgeschnitten sein.


Wer ohne ortskundigen Führer eine Wattwanderung unternehmen möchte, sollte stets bei ablaufendem Wasser und niemals alleine losgehen. Besser ist es, an einer der Wattführungen teilzunehmen, die auf beiden Inseln von Naturschutzorganisationen und privaten Führern angeboten werden. Dort wird man nicht nur sicher durch den einmaligen Lebensraum geleitet, sondern erfährt auch viel Interessantes über das Wattenmeer und seine tierischen und pflanzlichen Bewohner.  /pk

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