Mit dem Lkw über die Eisstraße : Warum ein Niebüller an den Polarkreis zog

Der Nordfriese Jan Kevin Momsen arbeitete vier Jahre lang am Polarkreis – und traf dann die Liebe seines Lebens.

shz.de von
18. Juli 2018, 07:00 Uhr

Niebüll/Yellowknife | Das Eis knackt unter den Reifen. Der Wind heult um die Windschutzscheibe des 40 Tonnen schweren Trucks. Eine weiße Wand aus Schneeflocken treibt über die kaum sichtbare Fahrspur. Draußen sind es -50 Grad. Drinnen, in der warmen Fahrerkabine des Schwertransportes, sitzt der Niebüller Jan Kevin Momsen und steuert sein Gefährt über eine der gefährlichsten Lkw-Straßen der Welt: die 400 Kilometer lange Eisstraße Kanadas zwischen der kleinen Stadt Yellowknife und der Jericho Diamond Mine.

Wenn Momsen von seinen Fahrten auf der durch das Fernsehen bekannten „Ice-Road“ erzählt, ist die Kälte fast auf der eigenen Haut zu spüren. „Die Temperatur ist aber eigentlich angenehm, es ist eine sehr trockene Kälte“, sagt der gebürtige Nordfriese. Vor gut sechs Jahren war der Niebüller durch Zufall im Internet über ein Stellenangebot des Arbeitsamtes gestolpert, in der ein kanadisches Lohnunternehmen in Manitoba Mitarbeiter suchte.

Eine Schneeraupe bricht durch das tauende Eis.
Privat
Eine Schneeraupe bricht durch das tauende Eis.
 

Bis dahin hatte er unter anderem in der Werkstatt seines Vaters ausgeholfen. Momsen ergriff die Neugier und bewarb sich: „Ich bin kein Mensch, der lange Zeit das gleiche machen kann. Ich muss immer etwas neues ausprobieren.“

Immer in Vierer-Teams

Von Februar bis März ist Hauptsaison für die Ice-Road-Trucker. Und zwar nicht, weil das Eis nur in diesen Monaten den Lkw standhält: „Wenn es nur nach der Eisdecke gehen würde, könnte man locker bis Juli fahren. Aber der Tundra-Boden zwischen den Seen taut und ist nach März für Lkw nicht mehr befahrbar“, erklärt der Mechatroniker.

Immer in Vierer-Teams verlassen die Lkw und Schwertransporte die Basis in Yellowknife. Aus Sicherheitsgründen befährt niemand die gefährliche Strecke alleine. „In den Hauptmonaten ist es aber sowieso wie auf der Autobahn, so viele Trucks befahren in dieser Zeit die Eisstraße. Und im Notfall ist das Rettungsteam binnen von 30 Minuten zur Stelle. So ganz wie im Fernsehen ist es dann eben doch nicht“, sagt Momsen und grinst. „Eigentlich fährt es sich wie eine normale Grant-Straße.“

Die Jogginghose ist nur etwas für die warme Fahrerkabine.
Die Jogginghose ist nur etwas für die warme Fahrerkabine.
 

Dass mit dem kanadischen Winter in den Nordwest-Territorien trotzdem nicht zu spaßen ist, musste der 29-Jährige am eigenen Leib erfahren, als er eines Tages eine Eisstrecke durch das Gebirge befuhr– und sein Lkw mit einer Panne plötzlich zum Stehen kam. „Drei Tage lang saß ich da oben fest, bis jemand zu mir kommen konnte“, sagt Momsen. Dank des Tausend-Liter-Tanks, mit dem der Motor und damit auch die Heizung seines Lastwagens ununterbrochen laufen können, und reichlich Tütensuppen konnte der Niebüller bis zu seiner Rettung ausharren. „Da habe ich vielleicht für eine Sekunde gedacht: Warum mache ich das eigentlich?“, sagt Momsen und lacht. In mittlerweile vier Saisons auf der Ice-Road hat der Mechatroniker am Polarkreis einiges erlebt – von den gefürchteten Schneestürmen (sogenannten „White-outs“), über eingebrochene Schneeraupen bis hin zu wochenlangem Festsitzen bei den Minen. Nach Niebüll zurückgekommen ist er trotzdem bisher immer– wenn auch nur für ein paar Wochen zu Besuch. „Kanada ist jetzt mein Zuhause“, sagt Momsen.

Höchstens ein bisschen Schulenglisch

Gleich nach der Zusage seines ersten kanadischen Arbeitgebers vor sechs Jahren packte der Niebüller seine Sachen, flog nach Kanada, kaufte sich eine kleine Ranch als Sicherheit und begann zu arbeiten. „Im Stillen war es schon immer mein Traum, einmal die Eisstraße mit dem Lkw zu fahren. Ich habe natürlich auch die Serie ’Die Ice-Road-Truckers’ im Fernsehen gesehen und wusste: Eines Tages ist es soweit.“ Der erste Job war ein Sprungbrett in die richtige Richtung.

Doch bis zum Ziel war es noch ein aufregender und steiniger Weg. „Ich konnte höchstens ein bisschen Schulenglisch“, sagt der 29-Jährige. „Das Verstehen und Sprechen ging relativ schnell– aber für die richtige Grammatik beim Schreiben meiner Arbeitsberichte habe ich bestimmt zwei Jahre gebraucht.“ Und auch beruflich musste der Nordfriese zunächst einige Hürden hinter sich lassen: So war sein Arbeitsvisum zuerst nur auf ein Jahr begrenzt. Nach fünf Monaten ging sein Arbeitgeber pleite und Momsen stand mit seiner kleinen Ranch in Manitoba vor dem Nichts– bis er bei John Deere als Landmaschinenschlosser anfangen und weitere zwei Jahre in Kanada verbringen konnte.

Die Belohnung für seine Mühen: Im Juni 2014 bekam Momsen noch knapp vor der Verschärfung der Einwanderungsregeln die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung – und stieß einige Monate später erneut durch Zufall auf das Stellengesuch einer Firma in Yellowknife, die die Diamanten-Minen mit Gerätschaften versorgt. Der Umzug von Manitoba nach Yellowknife war schnell gemacht und so saß Momsen keinen Monat später – „man soll ja nichts überstürzen“ – –in einem Truck auf der Ice-Road in Richtung Diamanten-Mine. „Als ich das erste Mal auf die Eisstraße gefahren bin, war es schon ein bisschen aufregend“, gibt der Niebüller zu.

Liebe am anderen Ende der Welt

Es sollte erneut nicht lange dauern, bis die kanadische Kälte um Momsen durch eine besondere Begegnung schlagartig aufgewärmt wurde: Tatsächlich traf Momsen ausgerechnet in Yellowknife, in einem der entlegensten Orte der Welt, seine jetzige Verlobte. „Tja, und wenn man eine Frau kennenlernt ist man erstmal total durcheinander“, sagt Momsen und lacht. Die Kanadierin ist Ärztin und bekam schließlich ein Jobangebot aus ihrer Heimat-Provinz: der Insel Neufundland.

Auf Neufundland hat Momsen mit seiner Verlobten einen weiteren Traum vom eigenen Haus verwirklicht.
Auf Neufundland hat Momsen mit seiner Verlobten einen weiteren Traum vom eigenen Haus verwirklicht.
 

Und so ging es im Herbst 2017 gemeinsam von Yellowknife in elf Tagen Autofahrt die 7000 Kilometer in Richtung Insel – wo die junge Familie seitdem mit einem Stück Land und eigenen Häusern ihren eigenen kleinen Lebenstraum verwirklicht hat: zwei davon wollen sie in ferner Zukunft als Ferienhaus anbieten. Und weil es Momsen nach vier Saisons Ice-Road-Trucker-Dasein wieder nach Veränderung gelüstet, verwirklicht der Nordfriese bereits seinen nächsten Lebenstraum und Berufswunsch: Er absolviert ab Herbst auf Neufundland bei einer ansässigen Schule seinen Pilotenschein.

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