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Amtsgericht Niebüll : Waffenhändler vor Gericht: Scharfe Pistole liegt im Schlafzimmer

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Amtsgericht verurteilt Waffenhändler wegen illegalem Waffenbesitz zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten – zur Bewährung ausgesetzt.

Ist es strafbar, eine geladene Pistole tagsüber in einer unverschlossenen Nachttischschublade in einem ebenfalls unverschlossenen Schlafzimmer liegen zu lassen – in einem Haushalt, in dem ein sechsjähriges Kind lebt? „Ich schätze das als exorbitant gefährlich ein“, sagt eine ehemalige, langjährige Mitarbeiterin der Waffenbehörde des Kreises – in ihrer Aussage vor dem Amtsgericht Niebüll. Doch für dieses Verhalten wird ein ehemaliger Waffenhändler aus Südtondern dort nach einem langen, teils skurrilen Verhandlungstag am Ende nicht wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. „Schuldig“ spricht die Richterin den Angeklagten am Ende wegen des unerlaubten Besitzes dieser Waffe, die maximale Haftstrafe dafür hätte fünf Jahre betragen.

Die Liste der Vergehen, die die Staatsanwaltschaft dem Mann vorwirft, der nach eigenen Angaben mehr als 1200 Waffen besessen hat, ist zu Beginn der Verhandlung noch lang. „Es gab schon länger Verdachtsmomente wegen Verstößen gegen das Waffengesetz“, sagt ein Mitarbeiter des Landeskriminalamtes (LKA) aus. Dieser zählte zu einer großen Schar von Beamten, die am 26. März 2015 die aneinander grenzenden, aber separat zugänglichen Geschäfts- und Privaträume des Waffenhändlers untersuchen. Dabei werden gleich eine ganze Reihe von Waffen und Zubehörteilen sicher gestellt, die laut Anklage der Familienvater entweder nicht besitzen durfte oder die generell sogar verboten sind. So soll der gebürtige Niebüller laut technischem Gutachter eine Schreckschuss-Pistole in eine scharfe Schusswaffe umgebaut haben. „In dem Zustand hätte diese Waffe nie wieder in den Verkehr gebracht werden dürfen“, sagt der Gutachter. Laut diesem seien auch die gefundene Laser-Zielhilfe und eine extrem schnell zerlegbare Waffe verboten gewesen. Letztgenannte sei nicht vergleichbar mit üblichen Sport- oder Jagdwaffen, aufgrund der geringen Größe der Einzelteile könne diese zudem verdeckt getragen werden.

Das Waffenrecht ist eine Welt für sich, und in dieser kennt sich zumindest einer der beiden Anwälte des Angeklagten extrem gut aus – das bekommen der Staatsanwalt, der erst vor kurzem in diesen Fall eingestiegen ist, als auch die Richterin und der Sachverständige zu spüren. Eine in Niebüll scheinbar unbekannte, von der Verteidigung ins Feld geführten gesetzlichen Neuerung führt dazu, dass zunächst alle Anklagepunkte, die sich auf das Führen der für die Verhandlung relevanten Waffen, fallen gelassen wird. Auch die Liste der für eine Verurteilung heran geführten Waffen schrumpft am Ende auf die geladene Pistole im Schlafzimmer zusammen. Denn: „Da der Betroffene, der zum damaligen Zeitpunkt auch über einen Jagdschein verfügte, beruflich die Waffenhandelslizenz hatte, war er dazu berechtigt, vollumfänglich mit Waffen und Munition zu handeln – es sei denn mit Verbotenem“, sagt die Mitarbeiterin des Kreises. Mit Blick auf die von der Verteidigung dargelegten aktuellen Erkenntnisse zu Aspekten wie Üblichkeit oder schnelle Zerlegbarkeit spielt der Verbots-Aspekt bei der Urteilsfindung dann aber keine Rolle mehr. Auch nicht die Waffen, die zum Teil im Geschäftsbereich offen herum lagen. „Dies ist notwendig, um die Funktionsfähigkeit zu überprüfen oder auch, um die Waffen zu fotografieren“, sagt der Angeklagte, der den Großteil seiner Artikel über das Internet vertrieben hatte. Der ehemalige Händler, der auch zahlreiche Waffen über längere Zeit für den Kreis verschrottet hat, lässt sich auf alle Anklagepunkte ein und gibt Auskunft, auch zur geladenen Pistole im Schlafzimmer. „Wenn ich tagsüber Kunden im Geschäft hatte, die mir nicht geheuer waren, habe ich die Pistole zum Selbstschutz über Nacht mit ins Schlafzimmer genommen“, sagt der Händler, der nach eigenen Angaben schon mehrfach überfallen worden ist. Als „fahrlässig“ stuft er diesen Aufbewahrungsort nicht ein: „Nur meine Frau hätte die Pistole nehmen können, und die hat einen Waffenschein. Unsere kleine Tochter hatte im Schlafzimmer nichts zu suchen, das wusste sie auch“, erläutert der Angeklagte, den kurz vor der Urteilsverkündung die Gefühle übermannen. Er kämpft mit den Tränen, als er sagt: „Ich habe so viel verloren.“ Da er alle Waffen auf einen Schlag verkaufen musste, steht er vor dem finanzieller Ruin, versucht sich aber nun in Dänemark eine neue Existenz aufzubauen. „Meine Frau hat mich verlassen, ich versuche, sie zurück zu gewinnen. Ob das gelingt, hängt auch vom heutigen Urteil ab.“

„Der Angeklagte durfte diese Pistole nur zum Zweck des Handeltreibens besitzen. Für den privaten Gebrauch gibt es keine Besitzerlaubnis. Daher muss eine Verurteilung erfolgen“, sagt der Staatsanwalt, der sechs Monate Haft fordert. Das sieht die Richterin genauso, zumal ein ehemaliger Mitarbeiter aussagt, dass der Waffenhändler diese Pistole nie weggeben hätte, was eindeutig auf eine privaten Zweck hindeute. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt, da der Angeklagte bisher unbescholten sei und eine positive Sozialprognose habe. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert und hat nun eine Woche Zeit, um Rechtsmittel einzulegen. 

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erstellt am 22.Jul.2017 | 06:00 Uhr

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