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Handarbeit : Von „Ömchenseife“ bis „Atlantis“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Rein pflanzlich und handgemacht: Seit 14 Jahren stellt Bettina Plettendorf warmgerührte Seifen her / Viel Aufwand durch EU-Verordnungen

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2015 | 05:00 Uhr

Es gibt gelbe und grüne, rosafarbene oder bunte, welche mit exotischem oder klassischem Duft, aber eins haben alle der 30 Seifensorten gemeinsam: sie sind rein pflanzlich und werden in Handarbeit von Bettina Plettendorf hergestellt. In der oberen Etage eines Bauernhauses hat die Bramstedtlunderin dafür ihr Reich eingerichtet: ein großer Präsentationsraum, eine kleine „Hexenküche“ und ein Lager mit zahlreichen Fläschchen voller duftender ätherischer Öle sowie viele pflanzliche Fette. Avocadoöl, Rizinusöl, Kakaobutter und mehr stehen hier aneinander gereiht – die Auswahl ist groß, denn im Grunde kann jedes Fett verseift werden, erklärt die Fachfrau.

Manche produzieren mehr Schaum, andere weniger – anfangs hat sich Bettina Plettendorf noch an anderen Seifenherstellern orientiert und viel herum experimentiert, vor allem bei der Auswahl und Kombination der Duftöle, die viel Fingerspitzengefühl erfordern. „Früher bin ich das Ganze sehr spielerisch angegangen und hatte großen Spaß beim Ausprobieren“, erzählt die Seifenmacherin.

Dank neuer EU-Verordnung sei das aber nicht mehr möglich. Alle 30 Seifensorten müssen akribisch katalogisiert werden, die Inhaltsstoffe der Reihe nach aufgelistet und die jeweils verwendete Menge grammgenau festgehalten werden. Nur Produkte, die über genaue Herkunftspapiere verfügen, dürfen verwendet werden – nichts aus dem eigenen Garten. Margarine beispielsweise, die im Handel als Lebensmittel verkauft wird, dürfe nicht verwendet werden, da bei diesem Produkt nicht genau zu bestimmen sei, in welchen Bestandteilen es woher kommt. Alle verwendeten Inhaltsstoffe müssen zudem auf dem Seifenetikett und dem Beipackzettel deklariert werden und sogenannte Allergene, die in so gut wie allen ätherischen Ölen enthalten sind, separat ausgewiesen werden.

Seit zweieinhalb Jahren läuft bereits das – nebenbei bemerkt sehr teure – Zertifizierungsverfahren, das Bettina Plettendorf durchlaufen muss, wenn sie weiter Seifen verkaufen möchte. „Hätte ich vorher gewusst, was da auf mich zukommt, hätte ich es nicht gemacht“, gesteht sie. Allein für eine Seifensorte muss ein rund 40-seitiges Protokoll erstellt werden – kleine Abweichungen in der Rezeptur sind ab sofort nicht mehr erlaubt.

Seit 14 Jahren stellt sie mittlerweile die warmgerührten Seifen her. Sie ist auf einigen regionalen Kunsthandwerkermärkten zu finden, doch kommt auch mancher Kunde durch Empfehlung zu ihr. Zwar ist der Großteil ihrer Kunden weiblich, aber viele Frauen werden von ihren Männern beauftragt, „mal wieder etwas von der guten Seife“ zu kaufen.

In ihrer kleinen Hexenküche fügt die Bramstedtlunderin alle Zutaten zusammen und rührt sie bei passender Temperatur zu einer einheitlichen Masse, die anschließend in eine Form gegeben und in eine Decke eingeschlagen wird, damit sie warm bleibt. Am nächsten Tag folgt der Kälteschock: die Seifenmasse wandert über Nacht in einem Tiefkühler. Am nächsten Tag kann der Block mit heißem Wasser aus der Form gelöst werden und dann per Zentimetermaß in einzelne Seifenstücke geschnitten werden. Zu guter Letzt werden die Kanten gebrochen, was einem rein optischen Zweck dient und die Seifen dann mindestens vier bis sechs Wochen zur Reifung gelagert.

Man mag es kaum glauben, aber neben den wertvollen Inhaltsstoffen ist auch der Name des Produktes wichtig. Eine Seife lief beispielsweise gar nicht unter dem Namen „Cologne“. Eine Umbenennung in „Ömchenseife“ brachte ebenso wenig gesteigerten Absatz wie der Name „Duft der 50er“. Erst unter ihrem jetzigen Namen „Rheingold“, angelehnt an Wagners Oper, und mit veränderter Optik bekommt das kleine Waschstück – immer noch mit der gleichen Rezeptur wie zuvor – endlich die Beachtung, die es verdient. Auch die Seife „Atlantis“ hat unter dem vorherigen Namen längst nicht so viele Käufer begeistert, wie jetzt.

Einige der 30 Seifensorten müssen demnächst aus dem Programm genommen oder in der Rezeptur verändert werden. Probleme bereitet beispielsweise die Olive-Lorbeer-Seife, genau genommen das Methyleugenol, das im Lorbeeröl enthalten ist. Es gehört nicht zu den 26 kennzeichnungspflichtigen Allergenen und ist deshalb nicht mit einem Sicherheitsdatenblatt und Produktspezifikationen ausgestattet. Somit kann nicht nachgewiesen werden, wie viel Methyleugenol enthalten ist und eine Verwendung in der Seife nach EU-Recht ausgeschlossen.

„Es ist manchmal schon frustrierend, wenn man die Produkte zwar kaufen kann, aber nicht verwenden darf. Vor allem, wenn es sich eigentlich um sehr hochwertige und gute Inhaltsstoffe handelt“, erzählt Bettina Plettendorf. Doch entmutigen lässt sie sich davon nicht, denn allen Verordnungen zum Trotz hat sie nach wie vor großen Spaß bei der Herstellung ihrer Seifen und freut sich über das positive Feedback ihrer Kunden.

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