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Nordfriesland Tageblatt

19. August 2017 | 00:35 Uhr

Buch-Vorstellung : Von Drafi bis Dschungelcamp

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Sehr persönliche Eindrücke und eine stimmungsvolle Lesung erlebten 180 Gäste am Donnerstagabend mit Isabel Varell in Leck.

Um 19 Uhr ist kein Sitzplatz mehr im Konferenzraum bei CPI Clausen und Bosse zu bekommen. Rund 180 Besucher warten gespannt auf die Autorin des Abends. Bereits beim nachmittäglichen Rundgang durch die Druckerei habe der Besuch von Isabel Varell spürbare Auswirkungen gehabt: „Die Leistung ist deutlich runtergangen. Und eine Mitarbeiterin hat eine richtige Gänsehaut bekommen“, berichtet CPI-Verkaufsleiter Olaf Klindt. Dann steht der Grund für wohlige Schauer plötzlich schon neben ihm – ein bisschen zu früh. „Ich wollte Sie doch richtig ankündigen“, sagt Klindt überrascht. „Ich habe meinen Namen gehört. Ich komm’ einfach noch mal rein“, sagt Varell, lacht und flitzt durch den engen Mittelgang der Sitzreihen wieder nach draußen.

Jetzt ist das Publikum vorbereitet und begrüßt den prominenten Gast mit donnerndem Applaus. „Es ist ganz ungewohnt, nicht mit Musik rauszukommen“, gibt die 54-Jährige zu. Als Sängerin, TV-Moderatorin und Schauspielerin ist sie bekannt. Auch als Kandidatin des RTL-Dschungel-Camps und als Ex-Frau von Drafi Deutscher. Als Autorin betritt sie Neuland und macht in Leck keinen Hehl daraus: „Ich hatte Angst, dass nur Intellektuelle und Literaturkritiker kommen – schön, dass auch Sie da sind“, begrüßt sie ihr Publikum. „Sie haben nichts zu befürchten – niemand wird hier heute intellektuell überfordert.“

An diesem Abend liest Isabel Varell nicht nur, sie präsentiert auch ihre Musik – Lieder von Hoffnung, Freiheit und Liebe. Begleitet wird sie vom Gitarristen Raphael Hansen. Ihr Instrument ist ihre Stimme, sowohl beim Gesang als auch beim Lesen ihres teilweise sehr persönlichen Erstwerkes als Schriftstellerin. „Mittlere Reife“ heißt ihr autobiografisches Buch, ein Titel mit Bedeutung für die Autorin, wie sie ausführt.

Denn ihre Mutter ist alles andere als begeistert, dass am Ende der Schulbildung der jungen Isabel „nur Mittlere Reife“ statt Abitur steht. Zu irgendeinem Zeitpunkt zu glauben, man habe ausgelernt und sei fertig – „das ist Humbug“, sagt Varell heute, um viele, teils turbulente, Erfahrungen reicher. „Inzwischen bin ich wieder in einer mittleren Reife“, sagt die 54-Jährige. Sie bedaure den wachsenden Verlust des Albernseins und des inneren Kindes und versuche, sich beides zu erhalten. Auch den Glauben, dass Menschen es im Grunde gut miteinander meinen. In ihrer Jugend allerdings gerät ihre Welt ziemlich aus den Fugen, wie die Zuhörer erfahren: Sie fliegt von zwei Schulen, hat mit 14 Jahren eine schwere Alkoholvergiftung, begeht Diebstahl und legt Feuer. „Hätten wir das gewusst“, scherzt Olaf Klindt. „Hätten Sie mal vorher gelesen, was Sie da drucken“, gibt Varell schlagfertig zurück.

Offen und ehrlich schildert sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter, die nach der Scheidung ihre blinde Wut auf Männer an der Tochter auslässt, sie schlägt und anschreit, sie würde sicher in der Gosse landen. Isabel kommt in der Schule nicht mit, hat eine Sechs in Deutsch und eine Fünf in Mathe. Sie schwänzt die Schule und verbringt ihre Tage stattdessen in Kneipen, die schon vormittags geöffnet haben: „Mit 15 konnte ich besser Backgammon spielen als rechnen.“

Hoffnung und Kraft gibt ihr allein die Musik, sie entdeckt ihr Talent als Sängerin. Als Teenager steht sie das erste Mal bei einem „Jekami“ (jeder kann mitmachen) auf einer Bühne in Grömitz. Sie gewinnt den Musik-Wettbewerb zwar nicht, aber sie weiß: Das ist ihr Ding. Auch, weil Künstler vom Publikum wichtige Anerkennung bekommen, die sonst fehlt.

„Merk’ dir das, schreib’ das auf“ – damit habe sie ihr „langjährigster bester Freund Hape Kerkeling“ motiviert, Stationen ihres Lebens in Buchform zu veröffentlichen. Anstrengend, viel, aufwühlend, befreiend sei es gewesen, Autobiografisches aufzuschreiben. „Ich habe oft vor mich hingeheult, aber auch viel gelacht.“ Hape Kerkeling sei es auch gewesen, der zu ihr gesagt habe: „Ruf’ doch mal Drafi an.“ Und zwar acht Jahre nach wilden Kneipenküssen und einer ersten, kurzen Beziehung zwischen Drafi Deutscher und Isabel Varell, die damals aufgrund des Kokainkonsums des Schlagerstars die Reißleine zog. Jetzt soll er ihre Musik produzieren, die Beziehung ist freundschaftlich – bis die Gefühle wieder wie der Blitz einschlagen.

Deutscher gesteht ihr seine Liebe und verspricht, mit den Drogen aufzuhören. „Ich glaubte ihm jedes Wort.“ Die Hochzeit soll nach Wunsch des Paares klein gefeiert werden, das Management allerdings lädt noch 350 Leute mehr ein: „Ich weiß bis heute nicht, wer das eigentlich alles bezahlt hat.“ Über das Ende der Ehe nach knapp zwei Jahren erfahren die Zuhörer an diesem Abend mit Verweis auf das Buch nichts („da steht alles drin“), nur so viel: „Ohne die Drogen wäre er ein wundervoller Mensch gewesen.“

Stattdessen gibt es intime Einblicke in das Set der Telenovela „Rote Rosen“, in der Varell von 2009 bis 2010 eine Hauptrolle spielte. Zum Dschungelcamp – Isabel Varell war in der zweiten Staffel 2004 dabei – dürfen die Zuhörer Fragen stellen. Die Antwort darauf, was sie denn als Gage bekommen habe, bleibt sie schuldig, verrät aber, dass die schlimmste Dschungelprüfung Désirée Nick mit ihrer spitzen Zunge war. Nick wurde Dschungelkönigin, Isabel Varell zweite.

Nach gut zwei Stunden klingt der Abend mit einem ganz neuen Lied aus, das Varell gemeinsam mit Stefan Zauner von der „Münchener Freiheit“ ersonnen hat. „Sie sind eine wundervolle Frau“, „Sie haben so eine positive Ausstrahlung“, „Ich habe heute Abend wirklich Leben gespürt“ – die Künstlerin hört begeistertes Lob von den Besuchern, die sie beim Büchersignieren umringen. „Danke, vielen Dank“, sagt sie und lacht ihr typisches Isabel-Varell-Lachen.

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erstellt am 21.Apr.2016 | 11:08 Uhr

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