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Nordfriesland Tageblatt

20. August 2017 | 00:53 Uhr

Interview : Von der Agrar- zur Energiegemeinde

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Christian Nissen, Bürgermeister des Friedrich-Wilhelm-Lübke-Kooges, berichtet über erstaunliche Entwicklungen und wichtige Ziele

Südtonderns Bürgermeister ziehen im Nordfriesland Tageblatt Bilanz. Heute ist es Christian Nissen (49). Seit sieben Jahren ist der Agrar-Ingenieur Chef der Gemeinde mit 180 Einwohnern und sieben Gemeindevertretern. „Wir haben 13 Einwohner pro Quadratkilometer, Kanada 15“, nennt Nissen lachend eine erstaunliche Zahl. Der Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog wurde 1954 eingedeicht. Die Einwohnerschaft setzte sich je zur Hälfte aus Vertriebenen und Einheimischen zusammen. In diesem Jahr feierte die Gemeinde ihr 60-jähriges Bestehen.

Der Lübke-Koog hat sich in dieser Zeit stark verändert.
Christian Nissen: Ja. Wir haben die Wandlung von einer reinen Agrar- zur Energiegemeinde vollzogen. Stand einst die Landwirtschaft im Vordergrund, so ist es jetzt gleichberechtigt die Energieproduktion.

 

Sie waren so eine Art Vorreiter.
1989 entwickelte sich hier der größte Windpark Europas. Damals standen hier 52 Anlagen mit einer Leistung von 250 Kilowatt pro Anlage. Das ist aus heutiger Sicht unglaublich wenig. Im Moment haben wir 60 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 130 MB.

Allesamt Bürgerwindparks?
Überwiegend. Wir haben fünf Windparks, der Rest der Anlagen sind Altlasten. Dabei handelt es sich um repowerte Mühlen, die sich im Privatbesitz von Auswärtigen befinden.


Engagieren Sie sich auch in den Bereichen Biogas und Solar?
Ja, wir haben mit einigen Einwohnern gemeinsam unsere Photovoltaik-Anlagen gekauft, drei Mal die Solar-Bundesliga gewonnen und auf europäischer Ebene den zweiten Platz gemacht. In der Gemeinde werden derzeit zwei Biogasanlagen betrieben.

 

Welchen Stand hat heute die Landwirtschaft bei Ihnen?
Wir haben noch etwa 15 Vollerwerbsbetriebe – von ehemals 41.

 

Welche Rolle spielt der Tourismus im Lübke-Koog?
Eine untergeordnete. Wir sind hier eine ruhige Ecke, und da sind wir auch nicht böse drüber. Unsere Ausgaben bestreiten wir durch die Gewerbesteuer. Sie macht den Löwenanteil unserer kommunalen Einnahmen aus.

 

Wie sieht es mit der Infrastruktur aus?
Wir haben erst vor kurzem unser neues Gemeindehaus eingeweiht. Der Neubau soll ein Ersatz für vieles sein, was wir in der Vergangenheit verloren haben. Dazu gehören die Schule und der Kindergarten. Das war teilweise schon vor über 20 Jahren, und mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. Vor fünf Jahren schloss dann unsere Gastwirtschaft.

 

Ist das nicht von Nachteil? Sie müssen doch sicherlich aufpassen, dass Ihre ohnehin kleine Gemeinde auch künftig existieren kann. Gibt es Möglichkeiten für junge Familien, sich hier anzusiedeln?

2014 wurden zwei neue Baugrundstücke ausgewiesen, in diesem Jahr noch einmal vier. Aber diese sind für Ortsansässige reserviert, die hier auch arbeiten. Für uns und unsere Einwohner ist es am attraktivsten, wenn sie hier vor Ort Geld verdienen können. Im Lübke-Koog ist es ruhig, aber wir sind keine Schlafgemeinde. Hier leben auch einige Zugezogene, die täglich nach Klanxbüll fahren, um auf Sylt zu arbeiten. Aber sie bringen sich häufig nicht genügend in die Gemeinschaft ein. Mehr Grundstücke dürfen wir übrigens bis 2025 ohnehin nicht mehr ausweisen. Unser primäres Ziel ist nicht Einwohner-Wachstum. Und doch haben wir keine Sorgen. In unserer Gemeinde leben zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder viele Kinder. Sie besuchen die Kita in Klanxbüll, die Schulen in Neukirchen und Niebüll.

 

Gibt es hier ein Vereinsleben?
Das ist eher bescheiden. Was DRK und Landfrauen betrifft, da haben wir uns mit den Nachbarn aus der Wiedingharde zusammengeschlossen. Es ist einfach so. Unser neues Gemeinde- und Feuerwehrgerätehaus ist nun unser Zentrum. Das hat uns gefehlt, und davon versprechen wir uns einiges. Interessant ist, dass wir als kleine Gemeinde den Tages-Brandschutz für Klanxbüll teilweise mitübernehmen – und das, obwohl Klanxbüll fünf Mal so groß ist wie wir. Dadurch, dass unsere Einwohner hier auch arbeiten, haben wir eine hohe Tagesverfügbarkeit. Von 25 Aktiven in der Feuerwehr können etwa 20 im Notfall sofort ausrücken. Das ist ein guter Satz.


Was tun Sie, um Ihre Gemeinde über das Jahr zusammenzuhalten?

Wir haben da im Januar das Feuerwehrfest, im Februar unser Biike-Brennen, das Erntefest sowie ein Sommerfest und ein Grillfest. Für die Kinder gibt es zu Weihnachten Geschenke. Dann bieten wir jährlich eine Sommerfahrt an. Sehr gut angekommen ist im vergangenen Jahr während der Fußball-Weltmeisterschaft das Public-Viewing.

 

Und dann gibt es da noch die Bürgerstiftung. Welche Aufgaben hat sie?
Wir engagieren uns auf den Gebieten Kulturelles und Soziales. Fast jeder Einwohner über 18 Jahre ist dort Stifter. Sie zu gründen, war ein hartes Stück Arbeit und hat sich über zehn Jahre hingezogen. Schließlich gehörten 80 Bürger des Lübke-Koogs zu den Gründungsstiftern. Sie zahlten zwischen 250 und 1500 Euro ein. Mittlerweile ist es so, dass die Gemeinde für jeden in die Stiftung eingezahlten Euro einen Euro dazugeben kann.

 

Da kommt eine Menge Geld zusammen. Wofür ist es, und was haben die Einzahlenden davon?
Die Stiftung kann nur die Erträge verwenden, und die sind beim derzeitigen Zinsniveau überschaubar. Aber es kommt ja uns allen und der Gemeinschaft zugute. Unser Ziel ist es, Strukturen zu schaffen, die uns zukunftsfähig macht. Aber sicher sind wir natürlich nicht, dass wir eine Eingemeindung verhindern können, wenn es eines Tages zur Bildung von Großgemeinden kommen sollte. Dass durch größere kommunale Einheiten Kosten eingespart werden, glaube ich nicht, zumal wir ja eine leistungsfähige Verwaltung mit dem Amt Südtondern haben.

 

Nun hätte ich noch gerne einiges über Sie privat gewusst
Ich bin verheiratet, habe einen Sohn (6) und eine Tochter (21). Meine Zeit gehört der Familie. Und ich habe das große Glück, mein Hobby, die Schafhaltung, zum Beruf gemacht zu haben. Mit diesen Tieren arbeitet man, wenn man eine Leidenschaft dafür hat. Wir haben 900 Mutterschafe der Rassen Texel-Weisskopf, eine Gebrauchskreuzung. Texel haben starke Muskeln, aber wenig Wolle, dafür ist der Weißkopf stark bewollt, hat weniger Muskeln, ist witterungsresistent. Ansonsten lese ich gerne – am liebsten gute Science-Fiction-Romane.

 

Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft ihrer Gemeinde?
Dass das Leben hier lebenswert bleibt.

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von
erstellt am 07.Aug.2015 | 07:15 Uhr

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