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Nordfriesland Tageblatt

19. Oktober 2017 | 19:15 Uhr

Windkraft : Vom Winde verwöhnt

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Reinhard Christiansen gehört zu den erfolgreichen Energiewende-Pionieren – aber der Wettbewerb am Strommarkt wird härter.

von
erstellt am 06.Mär.2016 | 15:50 Uhr

Reinhard Christiansen (62) sieht mit seinen langen, blonden Haaren und dem wuscheligen Bart ein bisschen wie ein Wikinger aus. Wie einer, der hinausfährt, um neue Gebiete zu erobern. Und ein Stück weit hat er genau das auch getan. Der Nordfriese gehörte zu jenen Pionieren, die sich die Windkraftbranche zu eigen machten – und nun den Gegenwind seitens der Politik kritisieren.

Christiansen zählt zu denjenigen, die den Boden für die Branche ebneten. Mit dem „Windpark Ellhöft“ fing alles an. Damals taten sich 28 Bewohner des 110-Seelen-Dorfs zusammen, um einen ersten Bürgerwindpark auf die Beine zu stellen – mit dem Friesen als Geschäftsführer.

Christiansens Erstlingswerk war mit enormen Aufwand verbunden und gleich ein Paradebeispiel für unvorhergesehene Zwischenfälle. Es dauerte fünf Jahre, bis die Genehmigung zum Bau erteilt wurde. Unter anderem spielte ein Vogelgutachten eine Rolle, in dem genau zu kartieren war, wo der Kiebitz brütet – und wo eben nicht. Eine Zeitverzögerung und Extrakosten für die GmbH und KG, an der sich am Ende 51 Kommanditisten beteiligten. Juni 2000 drehten sich dann erstmals die sechs Rotoren. Fortan aber ging es schnell, bis sich das ganze Vorhaben rechnete. Ausschüttungen von durchschnittlich bis zu zwölf Prozent folgten.

Der Windkraft-Boom begann und damit die Goldgräberzeit im Norden. Das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (heute: Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz: EEG) sorgte schon damals für eine bevorzugte Einspeisung von Ökostrom ins Stromnetz und garantierte den Erzeugern feste Einspeisevergütungen. Vier Jahre später konnte Christiansen als Geschäftsführer bereits den nächsten Windpark in Betrieb nehmen. Weitere folgten.

Mittlerweile führt der ehemalige Landwirt und Versicherungsagent zusammen mit Partnern vier Windparks mit insgesamt 30 Mühlen. Er ist bei den Verbänden „Arge Netz“, „Energie des Nordens“ sowie beim „Bundesverband Windenergie“ aktiv und inzwischen auch Geschäftsführer eines Umspannwerks.

Und doch könnten die rosigen Zeiten bald vorbei sein. Ellhöfts Windpark fällt demnächst aus der staatlich garantierten Förderung nach 20 Jahren heraus. Und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will laut jüngstem Gesetzesentwurf den in zukünftigen EEG-Anlagen erzeugten Strom nur noch bezahlen, wenn diese erfolgreich an einer Ausschreibung teilgenommen haben. So würden die Betreiber von Windparks in einen starken Wettbewerb treten. Reinhold Christiansen spricht von „Abwehrkämpfen der konventionellen Kraftwerksindustrie, um die eigenen Geschäftsfelder zu halten“.

Dabei müsse sich jeder im Klaren darüber sein, dass – gäbe es die Windkraft nicht – der Norden nur verlieren könne. Die Landflucht wäre noch stärker, die Wirtschaftslage noch düsterer. „Wir zahlen Gewerbesteuern. Und zwar nicht wenig“, daran erinnert der stämmige Friese. Bis 2000 war Ellhöfts Haushalt noch im Minus und die Gemeinde bekam Schlüsselzuweisungen vom Land. Heute zählt sie zu Südtonderns Top-Ten. Dem Ort sieht man es an Kleinigkeiten an. Ungewöhnlich viele Hightech-Straßenlaternen erleuchten die Kommune, der Spielplatz ist modern. Aber auch die gesamte Region profitiere von den Windparkbetreibern, ist der Ellhöfter überzeugt. „Denken Sie nur an den Ausbau des Breitbandnetzes.“

Sorgen bereitet dem Ökostromer auch weiterhin, dass immer noch die Räder der Anlagen abgeschaltet werden müssen, wenn mehr Strom produziert wird als die Netze aufnehmen und zu den Verbraucherzentren im Süden weiterleiten können. Sind die Leitungen wieder einmal überlastet, weht der Wind ungenutzt vorbei. Zwar bekommen die Windmüller auch dann noch ihre Vergütungen, doch Ökostromer Christiansen, Parteimitglied bei den Grünen und mit Umweltminister Robert Habeck per Du, geht es ums Prinzip. Der Friese will wieder neue Felder erobern, Pionierarbeit leisten. Er will Strom veredeln und setzt auf Wasserstoff. Zu Hause in seinem Büro lässt er auf seinem Konferenztisch gleich erst einmal das Rad am kleinen Modell eines Elektrolyseurs mit Brennstoffzelle kreisen, um die Effektivität solcher potenziellen Anlagen unter Beweis zu stellen. Für Kritiker noch ein Hirngespinst, auch wenn sich mittlerweile immer mehr Wissenschaftler für Projekte rund um Wasserstoff wie beispielsweise „Power to Gas“ (siehe Seite Kreis Nordfriesland) interessieren.

„Ich war schon damals der Grüne, der Spinner“, resümiert Christiansen. „Und jetzt bin ich es wieder.“ Dennoch hält er an seinen Visionen fest. Er will Autos und Züge mit Wasserstoff fahren lassen. Und er will überschüssigen Strom direkt in der Region nutzen, Leitungen von den Anlagen zu den Haushalten führen. Jeder soll mit günstigem Strom versorgt werden – selbst die Windkraftgegner. So sollen alle weiterhin von der Energiewende profitieren.

Reinhard Christiansen steigt in seinen Tesla, ein Elektroauto der Spitzenklasse. Von 0 auf 100 in drei Sekunden. Mit 520 PS fährt er im Dorf vorbei an den Windrädern. Geräuschlos. Nur wenn er Gas gibt, ist der Fahrtwind deutlich zu hören. „Wir im Norden sind vom Wind verwöhnt“, sagt er. „Ein kostenloser Rohstoff, den wir nur ernten müssen.“ Für die Ökostromer stünden zwar harte Zeiten an. „Aber wir werden uns nicht unterkriegen lassen.“ Der Nordfriese zeigt sich kämpferisch – wie früher schon die Wikinger.

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