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Nordfriesland Tageblatt

24. August 2017 | 01:33 Uhr

Vom Schandfleck zum Wahrzeichen

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Nach eineinhalb Jahren ist der Wasserturm von seinem Korsett befreit / Ein erster Blick ins Innere und ein letzter Gang über das Gerüst aufs Dach

„So en schwere Deubel“, schimpft Tade Ketelsen. „Das nächste Mal nehmen wir eine Papptür.“ Gemeinsam mit jungen Leuten der Bildungs- und Arbeitswerkstatt Südtondern (BAW) baut er die massive, schwere Eichentür in den Wasserturm ein. Von außen schlicht, von innen elegant. Sie ist neu angefertigt. „Wir hätten die alte gerne erhalten, aber es war zu wenig übrig. Da war nichts mehr zu retten“, erklärt Olaf Behrmann, bei der Kreishandwerkerschaft Nordfriesland-Nord unter anderem für die Ausbildungsbetreuung zuständig. „Dennoch haben wir die alten Schmiedebeschläge aufgehoben und werden sie außen anbringen.“ So bleibt die ursprüngliche Optik erhalten. Gleiches gilt für den Wasserstandsanzeiger. „Der neue Wasserturm ist ein nicht denkmalschützter Bau voller Kompromisse.“

Aber genau das macht ihn schöner, freundlicher, als seine Vorgänger – und bewohnbar. Die Geschichte des Turms begann im Jahre 1889, gebaut wurde er 1908. Nach seinem Verfall setzte sich Sven Vogt, Niebüller Bauunternehmer und Hauptinitiator des Projekts, für den Erhalt ein. Die Kreishandwerkerschaft kaufte den Turm 2009 von der Stadt, plante, warb Sponsoren ein und hatte 2012 die Genehmigung für Aus- und Umbau sowie Restaurierung in der Hand. Die Arbeiten begannen im Sommer desselben Jahres. Seit eineinhalb Jahren ist das Bauwerk eingerüstet. Das Besondere: Es handelt sich um ein nachhaltiges Ausbildungsprojekt für junge Handwerker. Das von der Europäischen Union und der Aktiv Region Nord geförderte Projekt hat viele hauptamtliche und ehrenamtliche Helfer und noch mehr Sponsoren.

Im Erdgeschoss sind die Toiletten untergebracht, ebenso die Heizung und ein weiterer Raum, der Platz für eine Dusche bieten würde. Dort, wo einst ein dreckiger, dunkler Schacht nach oben zum Wassertank führte, ist jetzt ein Treppenhaus entstanden. Fenster, die vorher hier nicht waren, machen es hell und freundlich. „Der Schacht wurde bewusst roh gelassen“, so Behrmann. „Hier wurde nur Betonschlemme verwendet. Für die Leitungen wurde das alte Wasserfallrohr genutzt. „Das alles, um den Charakter nachfühlen zu können.“ Noch fehlen die 56 Holzstufen nach oben. So ist ein ungebrochener Blick nach oben ins Obergeschoss möglich. „Der Auftrag für die Treppe musste an andere Firmen vergeben werden“, berichtet Olaf Behrmann. Dabei spielten zum einen spezielle Anforderungen an die Schweißnähte, zum anderen aber auch die Zeit eine Rolle. „Aber wir haben darum gebeten, entsprechend unserer Planung die Auszubildenden mit einzubinden.“

Der Aufstieg außen entlang über das Baugerüst ist nicht ganz ohne. Er führt zunächst über Treppenstufen, dann über Alu-Leitern nach oben – in 16 Meter Höhe. Nichts für Schwindelanfällige oder Leute mit Höhenangst, denn Platz ist auf dem gesamten Weg kaum. Der Außenputz des Turms (Quick-Mix genannt) – ursprünglich in den 1920-er Jahren wohl mit einem Nagelbrett aufgetragen und bearbeitet – ist wieder hergestellt. „Wir haben lange gerätselt, um was für ein Material es sich handelt“, sagt Olaf Behrmann. „So ganz bekommt man die Mischung natürlich nicht mehr hin. Man muss damit leben, dass es nicht einhunderprozentig ist.“ Auch die Farben sind dem Original wieder nachempfunden. Schattierungen zeigen deutlich, was alt und was neu ist. „Das hat seinen Reiz.“

Weiter geht es. Die Stützen am Turmkopf sind – im Gegensatz zu früher – heute außen gut sichtbar. Das Eichenfachwerk wurde von Maurern ausgefacht. Der Turmkopf ist auch innen nicht wiederzuerkennen: ein heller, weiß gestrichener, freundlicher Raum, mit Teppichboden ausgelegt, bietet genügend Platz für zwei Schreibtische und eine Küchenzeile. Es wurde so gebaut, dass man von jeder Seite aus auf Niebüll gucken kann. Über eine Elektronik lässt sich das Dachfenster – auch das gab es vorher nicht – öffnen und schließen. „Während der Bauphase war über uns noch mit OSB-Platten noch eine zweite Ebene eingezogen. Aber wir haben sie entfernt. Das ist eine Option für einen späteren Nutzer – eine Ausbaureserve. Wir hoffen, dass sich ein Pächter findet.“ Von den mit Sprossen (sie befinden sich außen, sind nicht in das Glas eingelassen) verzierten Kunststofffenstern lässt sich nur eines öffnen. „Es dient zugleich als Fluchtweg.“ Bei den übrigen hat man auf Anraten des Herstellers darauf verzichtet. „Jedes von ihnen ist 2,40 Meter hoch und wäre bei Sturm nur schwer zu händeln.“ Der ehemalige Schornstein ist Teil des Rauchschutzkonzeptes.

Weiter geht es zum letzten Abschnitt. Die neue Turmspitze aus Holz erstrahlt in der Abendsonne. Sie ist eine Handarbeit, erstellt nach alten Vorlagen komplex und daher nicht zu drechseln. „Als Vorlage gab es nur ein altes Foto, auf dem die Spitze sehr schlecht zu erkennen war“, erklärt Olaf Behrmann. Einen Meter ist sie hoch.

Am 30. November müssen alle arbeiten abgeschlossen sein. So sehen es die Förderrichtlinien vor. Der Wasserturm hat das Zeug zu einem Wahrzeichen der Stadt, auch deshalb, weil er für eine lange Zeit sichtbares Beispiel dafür sein wird, was möglich ist, wenn viele Menschen zusammenarbeiten, Geld und Erfahrung einbringen, um ein Ziel zu erreichen.

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erstellt am 14.Nov.2014 | 10:32 Uhr

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