Umwelt : Vielfältiger Lebensraum statt Maisfeld

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Ein Sprakebüller Landwirt hat nach Aufgabe des Betriebes seine Felder zur Aufforstung an die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein verkauft.

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24. März 2017, 05:21 Uhr

Vogelgezwitscher und Insektengesumme sollen bald da zu hören sein, wo bis vor kurzem nahezu stumm ein Maisfeld in Sprakebüll lag. Manfred Trinkies, ehemaliger Landwirt in Sprakebüll, hat für die Nachnutzung seiner landwirtschaftlichen Flächen eine genaue Vorstellung: Er wünscht sich auf den Feldern rund um sein Wohnhaus Waldflächen wie die, in denen er als Kind gerne gespielt hat. Eine Vision, die die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, die im Auftrag des Landes unter anderem Aufforstungen vornimmt, gerne aufgegriffen hat, ist doch Nordfriesland eine der waldärmsten Regionen.

„Ich wollte eigentlich immer Förster werden, habe dann aber als ältester Sohn den elterlichen Hof übernommen, so wie es damals eben war“, berichtet Manfred Trinkies. Da er keinen Nachfolger für seinen landwirtschaftlichen Betrieb hatte, lag der Verkauf des Landes nahe. „Die anderen Landwirte in der Umgebung konnten ebenfalls ein Angebot abgeben, aber ich habe mich für einen Verkauf an die Stiftung entschieden“, erklärt er. Wo bis 2015 Mais angebaut wurde, entsteht nun ein standortgerechter Artenmix aus Laubbäumen wie Stieleiche und Linde, der den „Urwald“ von morgen bildet. Seeadler, Spechte, Uhu und Co. werden hier einen neuen Lebensraum finden.

Als neuer Grundeigentümer gestaltet die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit einem Planungsbüro und einer Baumschule derzeit eine Fläche von rund 30 Hektar um und setzt 42  000 heimische Laubbäume und Sträucher in die Erde.

„Wir haben dem Land zugesichert, dass wir mehr Wald in Nordfriesland anpflanzen und da kam dieses Angebot wie gerufen“, sagt Diplom-Ingenieurin Gudrun Beuck von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Dabei sei es sehr vorteilhaft, dass es sich um eine so große Fläche handelt, die umgewandelt wird. Im Durchschnitt sind es bei einer Aufforstung nur etwa fünf Hektar, weiß Dietmar Steenbuck von der Unteren Forstbehörde, Außenstelle Flensburg zu berichten. Nach der Aufforstung von 75 Hektar in Westerohrstedt im Jahr 2005 sei dies die größte Aufforstung in einem Stück in Nordfriesland.

Dass es nun in Sprakebüll dazu gekommen ist, hängt auch zum Teil von der Landqualität ab. „Normalerweise kaufen wir keine Böden, die für Mais genutzt wurden, aber diese hier sind von guter Qualität“, erklärt Ingenieurin Beuck.

Auch Jan Kumke, Diplom-Forstwirt und für die planerische Umsetzung des Projektes verantwortlich, freut sich über die Bodenbeschaffenheit der Fläche. „Wir haben hier eine wunderbare Humosität und unterschiedliche Bodenarten – teils sandige, teils lehmige, die es uns ermöglichen, verschiedene Biotopflächen umzusetzen.“

Um die Fläche möglichst natürlich zu gestalten, werden die Bäume nicht in Reihe gepflanzt, sondern in Gruppen, erläutert der Fachmann. Dabei stehen immer mehrere Bäume einer Art in einer Gruppe zusammen, so dass in jedem Fall in vielen Jahren zumindest einer jeder Art an der vorgesehenen Stelle wächst. Gepflanzt werden viele Pioniergehölze, die sich auch in der Natur zuerst auf freien Flächen ansiedeln. Anfangs wird das Areal noch umzäunt sein, um die jungen Pflanzen vor Wildverbiss zu schützen.

In den umzäunten Flächen wurden extra Schneisen für das Wild berücksichtigt, damit der Wald nicht als Barriere inmitten der Landschaft steht. Später wird das Grün sich selbst überlassen sein und vor allem nicht forstwirtschaftlich genutzt werden. Alte oder kranke Bäume, die umfallen, werden somit wieder neuen Nährboden für andere Bäume bilden und vorher Pilzen und Insekten einen Lebensraum geben.

In der neuen Waldfläche sind insgesamt neun Teiche und einige unbepflanzte Sukzessionsflächen eingeplant, so dass das Gebiet auch einen Lebensraum für Amphibien, Schmetterlinge und Fledermäuse bietet. Für die zehn Hektar Grünland, die ebenfalls von der Stiftung erworben wurden und auf der anderen Seite der L 300 liegen, gibt es derzeit noch keine finale Gestaltung. „Auf jeden Fall wird es dort weitere Biotope geben“, sagt Gudrun Beuck. In nur wenigen Jahren wird sich, wenn alles nach Plan verläuft, auf dem Areal eine Vielzahl unterschiedlicher Arten aus Flora und Fauna angesiedelt haben.

Manfred Trinkies freut sich, dass nach knapp zwei Jahren seine Vision nun endlich Formen annimmt. Erst vor wenigen Tagen konnte der Sprakebüller bereits Lerche und Kiebitz auf den Feldern rund um sein Haus entdecken.

Sein Entschluss, Ackerland an die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein zu verkaufen, sorgte allerdings nicht bei allen Bürgern in der Gemeinde für Begeisterung. „Wir sind immer für die Natur, aber die Landwirte haben etwas Bauchschmerzen, wenn so gutes Land an die Natur geht“, sagt Sprakebülls Bürgermeister Karl-Richard Nissen. Aber der Verkäufer entscheide, an wen er verkaufe, so Nissen weiter. „Wir müssen uns einfach an den Gedanken gewöhnen und das werden wir auch.“

Für den Erfolg seines Projektes ist Manfred Trinkies auf Nummer sicher gegangen: Um zu verhindern, dass seine ehemaligen Felder gegen eine andere Fläche im Ort getauscht und um sein Haus herum doch wieder Mais angebaut wird, hat er die Nachnutzung seines Landes vertraglich festgelegt.

Für das Projekt – vom Landerwerb bis zur finalen Umsetzung der Pflanzung und Anlage der Biotope – fällt eine Gesamtinvestition von 1,4 Millionen Euro an, die zu einhundert Prozent aus der Landesförderung stammt.

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