Bredstedt : Verbraucher haben das letzte Wort

Nahrungsmittel-Produktion und Ernährungskultur beschäftigten die Gäste auf dem Podium. Foto: hh
Nahrungsmittel-Produktion und Ernährungskultur beschäftigten die Gäste auf dem Podium. Foto: hh

Experten aus der Region und das Thema "Lebensmittelerzeugung"

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20. Mai 2011, 07:56 Uhr

Nordfriesland | "Unser täglich Milch und Brot - Lebensmittelerzeugung und Verbraucherwünsche - ein Widerspruch", unter dieser Überschrift diskutierten Experten aus Landwirtschaft, Politik und Wirtschaft das Thema vor über 200 interessierten Besuchern in "De Bredstedter Sool". Auf Einladung der Beruflichen Schulen Nordfrieslands, des Vereins landwirtschaftlicher Fachschulabsolventen sowie der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein stellten sich die Podiumsteilnehmer den kritischen Fragen von NDR-Moderator Werner Junge.

Die These "wachsen oder weichen" sei maßgeblich für die derzeitigen Verhältnisse in der Landwirtschaft Schleswig-Holsteins verantwortlich. "Wir müssen uns hinterfragen, wie dieser Strukturwandel zustande gekommen ist", machte Bernd Voss, Landtagsmitglied der Bündnis 90/Grünen deutlich. Immer größere Betriebe, die Verlagerung der Verarbeitung in andere Bundesländer oder ins Ausland drängten die Vermarktung von regionalen Produkten in den Hintergrund. Voss forderte eine andere Landwirtschaft mit nicht nur immer größeren Einheiten. Wolfgang Stapelfeldt, Vorsitzender des Bauernverbandes Südtondern, betonte: "Auch die Landwirtschaft unterliegt dem Strukturwandel, wir sind den ökonomischen Zwängen unterworfen." Strukturwandel aber sei kein Naturereignis, machte Dr. Thomas Schaack, Umweltbeauftragter der nordelbischen Kirche deutlich. "Er ist von Menschen gemacht."

"Die Bauern hier konnten immer Rohstoffe abliefern", so der EU-Agrarexperte Hannes Lorenzen, das ginge zu Lasten der Direktvermarktung vor Ort. Deshalb sei auch die Wertschöpfung von 25 auf 18 Prozent zurückgegangen. Er kritisierte die EU-Förderrichtlinien und bedauerte den Widerstand gegen eine Umverteilung zwischen Groß und Klein. Lorenzen forderte mehr verarbeitende Betriebe in der Region.

"Wenn ein Landwirt zur Bank geht und erklärt, er möchte einen Kuhstall bauen, antworten die Banker, er soll eine Biogasanlage bauen", schilderte Christoph Bossmann von der Meierei Witzwort den derzeitigen Trend. Beim Energieeinspeisungsgesetz (EEG) hätte man bereits vor vier Jahren gegensteuern müssen, betonte Bernd Voss. "Es geht zuviel Geld in die falsche Richtung." Dringend erforderlich seien den landwirtschaftlichen Betrieben angepasste Biogasanlagen. Immer mehr Maisanbau mache die Landschaft öde. Rund die Hälfte des Maisanbaus im Land gehe in die Tierfütterung, entgegnete Wolfgang Stapelfeldt.

Dr. Thomas Schaack sieht einen rasanten Wandel in der bäuerlichen Kultur. Der Energiewirt wolle nicht mehr Bauer sein. Diese Einstellung betrachte die Kirche mit Sorge. "Der Wunsch nach regionalen Produkten ist groß. Den Menschen fehlt der Bezug dazu, er muss den Verbrauchern wieder nahe gebracht werden", forderte Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale des Landes in Bezug auf Handel und Verarbeitung. "Der Verbraucher möchte die regionale Wirtschaft stärken." Dass die Bevölkerung in Italien rund ein Drittel ihres Einkommens für Lebensmittel aufwendet, die Deutschen hingegen nur elf Prozent, liege an der Ernährungskultur, machte Lorenzen deutlich. Immer weniger Produkte seien auf dem Markt, vieles, was man von früher her kenne, gebe es nicht mehr. Regionale Produkte wären teurer als Fertigprodukte.

"Wir Landwirte müssen uns fragen, was der Verbraucher will", erklärte eine Milchbäuerin aus Schleswig. Eine Produktentwicklung unabhängig von Nachfrage sei schlimm. "Die Produzenten erziehen die Verbraucher mit ihren neuen Produkten, die Verarmung an Nachfrage ist ein großer Verlust an Kultur", bedauerte sie.

Humorvoll verarbeitete die Theatergruppe "Junge Lüüd ut Löwenstedt" die behandelten Themen in ihren Sketchen.

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