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Südtondern querbeet : Tipps und Tricks vom Apfelpapst

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Pomologe Johannes Boysen erklärt, warum alte Obstsorten besser schmecken und man zuweilen seinen Hut durch Baumkronen werfen sollte

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2016 | 17:16 Uhr

Johannes Boysen ist ein Niebüller Urgestein. Der 65-jährige Gärtnermeister ist leidenschaftlicher Pomologe. Die Pomologie ist die Wissenschaft von den Apfelsorten – den alten wie den neuen. Boysen sammelt und vermehrt sie (fast) alle. Er ist einer der deutschlandweit gefragten Experten auf dem Gebiet. Grund genug, ihn einmal in seiner Gärtnerei zu besuchen und ihm Fragen zur Pflanzung, dem Schnitt und der Vermehrung von Apfelbäumen und anderem Kernobst zu stellen und erklären zu lassen, was der Privatgärtner dazu unbedingt wissen sollte.


Herr Boysen, wie kamen Sie eigentlich zu den alten Obstsorten?
Wie kommt man zu Briefmarkensammeln? Wenn man einmal von dem Virus infiziert ist, bleibt man dabei. In den 70er-Jahren brachte ein Kunde mir einen Apfel und fragte, ob ich wüsste, welche Sorte das sei. Ich identifizierte ihn als die alte Sorte „Jacob Lebel“ und und vermehrte ihn durch Edelreiser. Damit war mein Interesse geweckt, und ich bin dabei geblieben. Den ersten von mir veredelten „Jacob Lebel“ haben ich übrigens dem Niebüller Kleingartenverein geschenkt, damals unter Vorsitz von Alwin Christiansen. Durch Kontakte zu Kollegen vom deutschen Pomologen-Verein habe ich neben den lokalen Sorten aus Südtondern noch viele weitere kennengelernt. Heute vermehre ich bis zu 300 alte Sorten. 2013 wurden bei den Stürmen „Christian“ und „Xaver“ viele Bäume entwurzelt. Damals kamen mehr als 60 Menschen mit Edelreisern zu mir mit der Bitte, die Sorten zu retten.
An der Bahnlinie nach Tondern haben Sie eine Obstbaumallee – die Straße der alten Obstsorten – gepflanzt, woher kam die Idee?
Entstanden ist das, um alte Sorten zu erhalten, in Verbindung mit dem Niebüller Stadtmarketing. 60 bis 70 Bäume stehen da. Es wird schwierig, auf der Niebüller Seite noch mehr mehr zu pflanzen, auf der Bosbüller Seite gehen aber noch einige.
Was genau ist denn jetzt der Unterschied zu modernen Apfelsorten?
Die modernen Sorten sind anfälliger und müssen mehr gespritzt werden, wir wollen aber weg vom Spritzen. Außerdem sind „die Neuen“ geschmacklich alle fast gleich.

Wie kann man eigene alte Sorten retten, wenn ein Baum gerodet werden muss oder einem Sturm zum Opfer gefallen ist?
Junge, einjährige Triebe zum Veredeln bringen. Man kann dann entscheiden, wie groß der neue Baum werden soll, indem man schwachwachsende oder starkwachsende Unterlagen wählt. Die „Unterlage“ ist die Sorte die die Wurzel beiträgt auf die die alte Sorte dann veredelt wird. Für kleinbleibende Bäume oder Spalierbäume nimmt man eine schwachwachsende. Ich empfehle für unsere Region jedoch – wenn möglich – starkwachsende Unterlagen zu nehmen, da die Bäume dadurch langlebiger und auf jeden Fall sturmfester werden. Am besten ist, wenn der Kunde uns anspricht bevor ein Baum gefällt wird.

Wonach sollte man auswählen, wenn man eine alte Sorte in den Hausgarten pflanzen möchte?
Eigentlich kann man alle alten Sorten empfehlen, aber es gibt natürlich ein paar persönliche Bedingungen, die man berücksichtigen sollte. Wer zum Beispiel immer im August in den Urlaub fährt, sollte vielleicht nicht ausgerechnet Augustäpfel pflanzen. Wer Kinder hat oder plant, möchte sicher eine Sorte, die direkt am Baum reif wird und nicht vorher gelagert werden muss, damit die Kinder sich selbst Äpfel pflücken können. Außerdem soll man sich überlegen, ob man Äpfel bei sich lagern kann, oder vielleicht lieber Saft kochen möchte.

Gibt es Gegenden, in denen man gar keine Äpfel anbauen kann?
Eigentlich geht es überall, was Apfelbäume wirklich nicht mögen, ist staunasser Boden oder Moor. Oder wenn eine Ortsteinschicht vorhanden ist, die müsste dann vorher durchbrochen werden. Für sehr salzige Lagen wie auf den Inseln empfehle ich auch gerne Birnenbäume, da an ihren glatten Blättern die Salzkristalle weniger gut haften bleiben.

Wenn man sich nun einen Sorte ausgesucht habe, wann soll man die am besten pflanzen?
Wurzelnackte Bäume an frostfreien Tagen Mitte März bis Ende April. Containerpflanzen kann man das ganze Jahr über pflanzen, nur nicht bei starkem Frost. Wenn man einen Spaten leicht in den Boden kriegt, dann geht das, die Wurzeln sollte man nicht dem Frost aussetzen.


Sie geben auch Obstbaumschnittkurse, können Sie Tipps geben?
Es wird zu viel geschnitten. Wenn ein Baum zu dicht ist, sollte aber was gemacht werden. Die alten Leute sagen, man soll einen Hut durch die Krone werfen können, das stimmt auch heute noch. Auch ein Laie kann Obstbäume beschneiden, sollte sich das aber kurz zeigen oder erklären lassen. Weniger ist mehr. Unbedingt sollte man nach einem kräftigen Schnitt Wasserschosser im Juni/ Juli ausbrechen. Obstbauern schneiden im Sommer. Der Sommerschnitt ist zu empfehlen, die Wunden verheilen schneller.

Sie sind kürzlich 65 Jahre alt geworden, denken Sie ans Aufhören?
Ab Sommer werden sich hier schon ein paar Sachen ändern. Wenn ich mal wirklich ganz aufhöre, ist es bedauerlich, dass es in der Gegend bisher niemanden gibt, der Interesse an der Weitervermehrung alter Sorten hat und sich darum kümmern würde, sie lokal zu erhalten. Die anderen Baumschulen nördlich vom Kanal machen das gar nicht oder nicht in dem Umfang wie in Niebüll.

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