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Amtsgericht Niebüll : Sylter züchtet Marihuana im Garten

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Weil er Cannabis auf der Terrasse angepflanzt hat, musste sich ein 19-Jähriger vor dem Niebüller Amtsgericht verantworten.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 10:14 Uhr

Niebüll | Neun Kübel mit Cannabis-Pflanzen auf der Terrasse, drei Pflanzen in einem Zimmer sowie rund sieben Gramm getrocknetes Gras: All das fand die Sylter Kriminalpolizei im Juli vergangenen Jahres in einem Westerländer Haus sowie im zugehörigen Garten. Wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetzes musste sich ein 19-Jähriger daher am Dienstag vor dem Niebüller Amtsgericht verantworten. Auch die Eltern des jungen Mannes waren mitangeklagt: Laut Staatsanwaltschaft sollen sie ihm „Gelegenheit zur Pflege“ des Rauschmittels gegeben haben.


Inzwischen lebt der Sylter drogenfrei


Die Richterin sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte Einsicht zeigte und sich „positiv entwickelt habe“, ermahnte ihn jedoch diesen Weg auch beizubehalten. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt – er muss 150 Euro an das Beratungs- und Behandlungszentrum (BBZ) Sylt zahlen. Nach eigenen Angaben lebt der Sylter inzwischen drogenfrei, seit einem halben Jahr ist er als Gemeindearbeiter bei der Gemeinde Sylt angestellt und plant, eine Berufsausbildung zu absolvieren. Wegen geringer Schuld wurde auch das Verfahren gegen die Eltern eingestellt.

Zum Prozessauftakt gab der Angeklagte zu , Marihuana angebaut und besessen zu haben – umfassend entschuldigte er sich. Die Pflanzen habe er selbst gezogen, sagte der schmächtige Mann mit dem blassen Gesicht. Im Internet hatte sich der damals 18-Jährige zuvor schlau gemacht, was er tun muss, damit das Kraut sprießt. Eine entsprechende Anleitung zum Anbau der Hanfpflanze fanden Beamte später auf seinem Handy. Daran, wie lange die Pflanzen im Freien gestanden hatten, ehe sie entdeckt wurden, konnte er sich nicht erinnern. Herausgekommen war alles, weil eine Nachbarin die für einen nordfriesischen Garten eher untypischen Gewächse von ihrer Terrasse „auf dem Fenstersims und im Garten“ im angrenzenden Reihenhaus gesehen hatte. Die 53-Jährige verständigte daraufhin die Polizei.

Seine Eltern hätten von dem Drogen-Anbau jedoch nichts gewusst, sagt der 19-Jährige. „Ich habe sie sozusagen verarscht.“ Sein Vater sei damals auf einer mehrere Monate dauernden Alkohol-Entziehungskur in Bredstedt gewesen. Heimaturlaub habe es währenddessen nur selten gegeben. Auch die 43-jährige Mutter – wie ihr Mann ebenfalls zeitweise alkoholabhängig – habe sich nur selten daheim gezeigt. „Es war eine schwere Zeit, sie war oft betrunken und hat woanders geschlafen“, berichtet der Sohn von der Zeit im Frühjahr und Sommer 2016. S


Eine Nachbarin entdeckte die Pflanzen


eine 14 Jahre alte Schwester sei währenddessen von der Großmutter betreut worden. Ob die Therapie des heute 52-Jährigen im entsprechenden Tatzeitraum vor mehr als einem Jahr stattgefunden hat, oder bereits zwölf Monate zuvor, ließ sich im Prozess nicht eindeutig klären. Klar war jedoch, dass beide Erziehungsberechtigten die Cannabis-Pflanzen nach eigenen Angaben nicht bemerkt hatten. „Wir haben einen großen Garten – die Töpfe standen hinten im Garten versteckt“, sagte der Vater. Seine Hände, die er dabei knetete, verraten, wie sehr ihn das alles mitnimmt. Er selbst habe das Rauschmittel nicht konsumiert, „Ich nehme das Zeug nicht – ich bin alkoholkrank.“

Schluchzend und während ihr Tränen über die Wangen laufen, beantwortete die Mutter des Angeklagten die Frage des Staatsanwalts, ob sie im Sommer nicht auf der Terrasse gesessen habe, und dabei die ungewohnten Gewächse entdeckte. „Zu der Zeit standen wir kurz vor der Trennung, da haben wir nicht draussen gesessen – wir waren so mit uns selbst beschäftigt“, sagte sie und wischt sich mit einem Taschentuch über das Gesicht. Diese familiären Probleme – die inzwischen abgeflaut seien – hätten dafür gesorgt, dass sie nicht sah, dass ihr Spross Pflanzen mit berauschender Wirkung heranzog. Ungewöhnlich seien grüne Blätter im Zimmer des 19-Jährigen nicht: Denn ihr Sohn habe sich schon immer für Pflanzen interessiert und ihr zum Beispiel beim Umtopfen von Blumen geholfen. Hätte sie das Marihuana bemerkt, hätte sich auch eingegriffen und dafür gesorgt, dass ihr Sohn alles aus dem Haus schafft. Der Vater stimmte dem zu.

Die Staatsanwaltschaft folgte am Dienstag dem Urteil der Richterin, auch wenn es als merkwürdig erachtet wurde, dass die Eltern, trotz eigener Sorgen, nichts von dem „Drogenlabor“ bemerkt hatten. Bereits vor zwei Jahren hatte der damals 17-Jährige vor dem Niebüller Amtsgericht gestanden: Damals musste er sich wegen des Besitzes von drei Tütchen mit Cannabis verantworten.

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