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Selbsttötung : Suizid: Eine verdrängte Problematik

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Am heutigen „Welttag der Suizidprävention“ der Weltgesundheitsorganisation räumt Pastoralpsychologe Martin Weimer mit Vorurteilen auf

Niemand spricht gern offen darüber. Dabei sterben in Deutschland mehr Menschen durch Suizid, als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen. Im Bereich der Kriminalpolizei Niebüll kommt es jährlich zu 30 bis 40 Todesermittlungen, davon sind zirka 30 Prozent mit suizidalem Hintergrund. Um auf die weitgehend verdrängte Problematik aufmerksam zu machen, veranstaltet die Weltgesundheitsorganisation WHO seit 2003 jährlich am 10. September den Welttag der Suizidprävention.

Vielerorts – vorwiegend in den Großstädten – gibt es Aktionen, die auf das Thema aufmerksam machen. Aber auch in Schleswig-Holstein und damit Südtondern ist Suizid ein Thema, denn das Bundesland ist laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes auf dem neunten Platz der erfassten Suizide.

„Es ist eine ganz schwierige Situation“, sagt Martin Weimer, Pastoralpsychologe, der von 1980 bis 2013 Leiter der Telefonseelsorge in Kiel war. Die Gründe sind unterschiedlich: Depressionen, Psychosen, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit, höheres Alter oder unheilbare Krankheiten. Bei jüngeren Menschen sind Liebeskummer und Schulprobleme oftmals die Ursache.

Statistisch gesehen werden 80 Prozent der vollzogenen Suizide angekündigt, die genaue Zahl sei vermutlich höher. Dies sei in der Regel mehr ein Hilferuf, als der Wunsch, wirklich nicht mehr Leben zu wollen, sagt Martin Weimer. Deswegen sei es zur Prävention besonders wichtig, dass Angehörige die Ankündigungen unbedingt ernst nehmen. „Für die Angehörigen ist das sehr schwer, sie fühlen sich oft angegriffen oder auch erpresst“, erklärt der Pastoralpsychologe weiter. „Sie fangen dann an, sich zu rechtfertigen. Aber alles, was in so einem Fall hilft, ist professionelle Hilfe.“

Die gesellschaftlichen Bemühungen, den Ursachen vorzubeugen, sind noch immer unzureichend, heißt es im Nationalen Suizid Präventionsprogramm für Deutschland von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Es gäbe zu wenig spezielle Hilfsangebote für suizidgefährdete Menschen. Vorhandene Angebote würden vor allem aus Angst und Scham viel zu selten angenommen. Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen, als auch gegenüber suizidgefährdeten Personen, (wie „durch Nachfragen bei gefährdeten Menschen könne man diese erst auf Suizidgedanken bringen“, „Wer darüber spricht, tut es nicht“ und „man könne niemand davon abhalten, wenn er es wirklich wolle“) erschweren die Suizidprävention, so die Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Dabei kann mit einem Satz wie „Mensch, ich mache mir Sorgen um dich, geht es dir gut?“ bei Menschen, die auffällig still geworden sind, sich zunehmend zurückziehen und andere meiden, für die Prävention sehr wichtig sein, ist die Erfahrung von Martin Weimer. Jeder, der Hilfe sucht, sollte unkompliziert und schnell qualifizierte Hilfe finden können, lauten die Grundsätze des Nationalen Suizidpräventionsprogramms.

Vor allem niedrigschwellige Angebote sind wichtig, bei denen die Menschen anonym bleiben können. „Die Scham beim Thema Suizid ist sehr groß“, sagt Martin Weimer. In einer kleinen Region wie Südtonern kommt erschwerend hinzu, dass die Öffentlichkeit von den Problemen erfährt. Telefonseelsorge-Hotlines sind zwar anonym, aber was, wenn ein Bekannter am anderen Ende der Leitung sitzt? „Wer über das Festnetz die bundesweit geltende Seelsorge-Hotline anruft, landet in der Zentrale in Kiel, einige Stunden am Tag landen die Gespräche auch bei der Telefonseelsorge Sylt. Wer ganz sicher gehen will, dass der Gesprächspartner am anderen Ende unbekannt ist, sollte vom Mobiltelefon aus anrufen. Diese Gespräche werden an die bundesweiten Telefonseelsorger vermittelt.“

Prävention ist ein immens bedeutendes Thema, denn auf jeden Suizid kommen zehn bis 15 Suizidversuche, pro Jahr also statistisch zwischen 100 000 bis 150 000. Nicht erfasst sind dabei die sogenannten Parasuizide, bei denen die Suizidabsicht nicht deutlich ist wie mitunter bei einigen Verkehrsunfällen.

Obwohl in Deutschland immer weniger Menschen Suizid begehen, steigt die Zahl unter den älteren Menschen erschreckend an. Beträgt die Suizidziffer bei 20- bis 25-jährigen Männern noch 13 Prozent (Frauen 3,2), stieg sie bei den 85 bis 90-jährigen Männern auf 77,9 Prozent (Frauen 16), erfasste das statistische Bundesamt. Vereinsamung und Isolation tragen zum Suizid im Alter bei.

Neben der Präventionsarbeit machen sich die Organisationen deswegen dafür stark, dass Suizidgefährdete Behandlungsangebote erhalten können und Angehörige sowie Hinterbliebene zudem nicht allein gelassen werden.

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