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Alkohol in der Ehe : Sucht: Einer trinkt – und alle leiden

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Verheiratet mit einem Alkoholiker: Eine Südtonderanerin will anderen Betroffenen Mut machen, einen Ausweg aus der Abhängigkeit zu finden

shz.de von
erstellt am 16.Sep.2014 | 05:00 Uhr

Rund 20 Jahre hat sie die Sucht verheimlicht und alles ertragen, was damit verbunden ist. „Alkoholismus ist die schlimmste Krankheit, die es gibt. Es gibt keine wirksamen Medikamente, keine Ersatzdroge.“ Dieser Überzeugung ist Karen Schmidt*. Sie hat bei ihrem alkoholkranken Ehemann hautnah erlebt, wie diese Sucht das Leben und die Persönlichkeit eines geliebten Menschen verändert.

„Für Angehörige ist es eigentlich noch schlimmer als für den Trinker selbst“, sagt die Südtonderanerin. Während der Alkoholiker benebelt ist, sind die Nahestehenden nüchtern – und allen Anschuldigungen, Anfeindungen und Aggressionen ausgesetzt. Und versuchen trotz allem, den Schein nach außen aufrecht zu erhalten.

Geholfen hat ihr die Selbsthilfe-Gruppe „Al Anon – Familie und Angehörige“. Und obwohl die 68-Jährige weiß, dass viele darunter leiden, wenn einer trinkt, wagen nur wenige den Schritt in die Südtonderaner Al-Anon-Gruppen. Deshalb will Karen Schmidt anderen Betroffenen mögliche Auswege aufzeigen und ihre eigene Geschichte erzählen.

Das Paar heiratete jung, anfangs war der Ehemann noch nicht dem Alkohol verfallen, berichtet die kleine, schmale Frau. Doch dann trank Peter* immer häufiger und mehr. „Ich habe versucht, alles zu deckeln und zu vertuschen.“ Wenn jemand zu ihr sagte, ihr Mann sei auf einem Fest aber „ganz schön besoffen“ gewesen, dann verwies sie auf jemanden, der scheinbar noch betrunkener gewesen war. Wenn er mit Kollegen trank, wartete sie stundenlang auf dem Parkplatz, um ihn abzuholen. Denn wenn andere nach drei Bier aufhörten, trank ihr Mann weiter. Das zehrte nicht nur an den Nerven der Angehörigen, sondern auch an der Haushaltskasse. „Alkoholismus ist teuer“, sagt Karen Schmidt. „Damals gab es noch wöchentliche Lohntüten. An einem Wochenende hat er das Geld für die ganze Woche versoffen.“ Einen Beruf hatte sie selbst nie erlernt; um die Rechnungen zu bezahlen, nahm die Südtonderanerin Putzjobs an – und machte es so ihrem Mann einfach, weiterzutrinken, wie sie heute weiß.

„Ich trinke nur, weil du so viel meckerst. Wer eine Frau wie dich hat, muss zum Alkoholiker werden.“ Sätze wie diese hörte die Ehefrau genau so oft, wie sie ihrem Mann glaubte, wenn er sich – wieder nüchtern – entschuldigte und beteuerte, mit dem Trinken aufzuhören. Eines der Kinder glaubte weniger an eine Besserung: „Ich hoffe, er säuft sich irgendwann tot“, sagte der älteste Sohn in einer der schlimmsten Phasen. „Das habe ich auch manchmal gehofft“, gibt Karen Schmidt leise zu.

Eine Trennung sei für sie aber nicht infrage gekommen: „Ich hatte ja keine Ausbildung, außerdem drohte er, sich umzubringen, wenn ich ihn verlasse.“ 20 Jahre lang hat Karen Schmidt versucht, ihren Mann zu kontrollieren, Demütigungen ertragen, auch, dass ihm die Hand ausrutschte, Alkohol-Depots gesucht – und nie alle gefunden. „Im Winter hat er Flaschen in meinen Sommersachen im Kleiderschrank versteckt und im Sommer in meinem Wintersachen. Er hat mich immer ausgetrickst.“

Doch eines Tages war das Maß voll: Nachdem ihr Mann volltrunken auf der Straße vor ihr weggetorkelt war, als sie ihn abholen wollte, lief sie einem Bekannten in die Arme. „Du kannst ihm so nicht helfen, du musst ihn loslassen und Abstand gewinnen“, sagte der Außenstehende, nachdem Karen Schmidt sich ihm anvertraut hatte. Das brachte die Wende. Die Südtonderanerin suchte sich eine eigene Wohnung und beauftragte einen Anwalt, die Scheidung einzuleiten. Ihr Mann wiederum machte einen Entzug – nicht den ersten, aber dieser sollte dauerhaft bleiben. „Der Tag, als die Scheidungspapiere bei ihm eintrafen, hat etwas Grundlegendes verändert. Und ein Besuch bei den Anonymen Alkoholikern. Danach hat er nie wieder getrunken“, sagt Karen Schmidt.

Die Eheleute fanden nicht sofort wieder zueinander, hatten jeder eine eigene Wohnung. „Aber auch nach allem, was passiert war, habe ich ihn vermisst und immer wieder Gründe gesucht, ihn zu sehen.“ Denn nüchtern sei er wieder ein liebenswerter Mann gewesen, der an sich arbeitete und Hilfe von außen annahm. „Es gibt da auch etwas für dich“, habe er eines Tages zu ihr gesagt und sie zu einem Treffen mit anderen Angehörigen von Alkoholikern gebracht. „Ich wusste gar nicht, was ich da sollte“, sagt Karen Schmidt.

Heute weiß sie es besser: „Ich war genauso abhängig, mein Partner war meine Flasche“, sagt die 68-Jährige. Diese Erkenntnis und viele weitere hat sie durch die regelmäßigen Treffen erlangt, bei denen die Betroffenen anonym bleiben und erzählen können, was sie selbst erlebt haben – oder Erkenntnisse aus den Erfahrungen anderer gewinnen. „Es gibt keine Anmeldepflicht, keinen Mitgliedsbeitrag, keine Ratschläge“, betont Karen Schmidt. Willkommen ist jeder, der ein Problem damit hat, dass ein anderer trinkt, dazu gehören auch Freunde oder Kollegen.

Inzwischen spricht Karen Schmidt von „27 guten Jahren“, die sie mit ihrem Mann ohne Alkohol verlebt hat. Einige vermeintliche Freunde hätten sich abgewandt: „Dafür habe ich viele echte Freunde durch die Selbsthilfegruppe kennengelernt, auf die immer Verlass ist.“


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