Kaviar-Produktion : Stör kehrt heim nach Südtondern

Lebendes Fossil: Der Stör ist älter als die Dinosaurier. Bald soll er auch wieder an der Nordsee heimisch sein.
Lebendes Fossil: Der Stör ist älter als die Dinosaurier. Bald soll er auch wieder an der Nordsee heimisch sein.

Die Planung einer Zucht auf dem Flugplatz Leck ist weit voran gekommen – auch in der Natur soll der Stör wieder leben können.

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20. Februar 2018, 06:00 Uhr

Leck | Zunächst klang es wie ein Märchen. Doch seit vergangenem Sommer ist das Projekt Störzucht und Kaviar-Produktion auf dem Flugplatz Leck hinter den Kulissen in vielen Punkten schon sehr konkret geworden – von den Bauplänen bis zur Wasserqualität für die geplanten Zuchtteiche. Die Fäden dafür laufen bei dem ehemaligen Ecco-Chef Salem Hattab zusammen. Von seinem Haus in Niebüll aus hat der Ruheständler mit gut gefülltem Terminkalender bei vielen Gesprächen mit Behörden und Besuchen bei den Investoren in Dubai das Projekt mit überregionaler Strahlkraft im Stillen voran gebracht.

„Es hat sich unheimlich viel getan, es haben viele Gespräche stattgefunden“, sagt Salem Hattab. Doch diese haben das einzigartige Projekt nicht nur deutlich konkretisiert, sondern auch Fragen aufgeworfen, die geklärt werden müssen, bevor ein verlässliches Finanzkonzept entwickelt werden kann.

„Für das Stör-Projekt sind 100 000 Quadratmeter Fläche auf dem Flugplatz Leck reserviert“, sagt Salem Hattab. Auch das Grundkonzept für die Umsetzung steht. Diese soll möglichst komplett von Unternehmen der Region geleistet werden. „Die Realisierung auf einer großen grünen Wiese wäre allerdings einfacher als auf einem ehemaligen Luftwaffenstandort. Dennoch werde ich alles dafür tun, um die Störzucht dort aufzubauen, wir haben schon viel Arbeit in Leck investiert“, sagt der Kaufmann, der für den Schuhkonzern Ecco etliche Betriebe in nahezu allen Teilen der Welt aufgebaut hat.

Auf der reservierten Fläche gibt es mehrere Hallen und Bunker. Welche Gebäude können wie genutzt werden? Wer zahlt die Beseitigung der Liegenschaften, die keine Verwendung finden können, wie eben die der Bunker? Ist ein Baustart überhaupt möglich, bevor alle Bunker auf dem ehemaligen Militärflughafen beseitigt und entsorgt sind? Müssen neue Versorgungsleitungen gelegt werden? Die Antwort auf möglichst alle diese und weitere Fragen soll ein baldiges Treffen mit der Führung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) liefern. Das entsprechende Anschreiben dafür hat Salem Hattab gerade in seinem Haus in Niebüll verfasst.

„Ich rechne damit, dass nach diesem Treffen ganz konkret geplant werden kann, schon bald danach werde ich wieder zu den Investoren nach Dubai fliegen.“ Diese möchten das Projekt möglichst zügig umsetzen. Salem Hattab hofft, dass dies in Leck möglich sein wird. Positive Unterstützung vom Lecker Bürgermeister, vom Amt Südtondern, von Landrat Harrsen sowie den Behörden des Kreises stimmen Salem Hattab optimistisch.

Junge Störe sollen in Leck zunächst in Teichen aufgezogen werden. Bei den ausgewachsenen Tieren, die bis zu 100 Jahre alt werden können, soll der Kaviar dann in kleinen Becken regelmäßig geerntet werden. Die Wasserqualität für die Aufzucht sei laut Hattab hervorragend. Weltweit einzigartig: Nur in Leck sollen die Störe im Zuge der Kaviarproduktion am Leben bleiben. Für diese innovative Art der Zucht wurde eine Kooperation mit dem Alfred Wegener Institut eingegangen. Salem Hattab ist sich sicher: „Dieses Projekt könnte Südtondern in der Branche für Edelprodukte international bekannt machen.“

Nach Überfischung: Gigant der Flüsse wird wieder ausgesetzt

 

Der Stör gilt  mit einer Länge von  bis zu sechs Metern als Gigant der Flüsse, als ein lebendes Fossil, das es schon vor 200 Millionen Jahren, also noch vor den Dinosauriern gegeben hat. Der europäische Stör ist nicht nur der älteste Fisch der Nordsee, er ist auch das spektakulärste Tier der so genannten  „Big Five“, durch die die Einzigartigkeit des Weltnaturerbes Wattenmeer noch anschaulicher erlebbar geworden ist – für  Schulklassen ebenso wie für  Urlauber. Die weiteren Großtiere der „Big Five“ sind Robbe und Kegelrobbe, der Schweinswal und der Seeadler. Geprägt wurde der Begriff  von Bernhard Grzimek, er gab  großen  Serengeti-Bewohnern diesen Namen.

 Die „Big Five“ sind zu Botschaftern des Wattenmeeres geworden. Dies hat nicht nur positive Effekte für die touristische Wertschöpfung. „Wir haben dadurch die Chance,  dafür zu sensibilisieren, wie  schützenswert das Wattenmeer und seine Bewohner sind“, sagt Gerd Meurs-Scher, der in Personalunion  Geschäftsführer des Multimar Wattforums  und der ebenfalls in Tönning ansässigen Nationalpark-Servicegesellschaft ist. Für ihn   gibt es   Parallelen zwischen der Serengeti und dem Wattenmeer: Beide zählen zum Weltnaturerbe, unter beiden „Big Fives“ finden sich Großtiere, die das öffentliche Bild einmaliger Lebensräume prägen und die zum Teil vom Aussterben bedroht sind.

Für das Wattenmeer gilt dies besonders für den Stör. Ende der 60-er Jahre wurden die letzten Exemplare  aus der Unter-Eider gefischt. Seitdem ist der Stör im schleswig-holsteinischen  Nordseeraum verschwunden, in dem er einst in allen ins Meer führenden Wasserläufen heimisch war. Lebendige Exemplare können  nur noch im Multimar Wattforum beobachtet werden.

„An sich ist der Stör ein dummer Fisch, an dem die Evolution scheinbar vorbei gegangen ist“, sagt Gerd Meurs-Scher. Damit meint er zum Beispiel, dass der Stör es auch in 200 Millionen Jahren nicht gelernt hat, rückwärts zu schwimmen. Schon so manches Mal mussten Taucher in das  Groß-Aquarium steigen, um einen fest steckenden Stör rückwärts aus einem Höhleneingang heraus zu ziehen. Auch hat der Riese, der in Flüssen aufwächst und nach einer Wanderung ins Meer wieder in die Wasserläufe zum Laichen zurückkehrt, bis heute nicht gelernt, dass man schneller fressen sollte, wenn es von Futterneidern wie Dorsch und Plattfischen nur so wimmelt.

 Gibt es  außer der geplanten Zucht in Leck   eine Chance für die Rückkehr des Störs nach Nordfriesland? Gerd Meurs-Scher ist optimistisch. Die Überfischung und Barrieren wie Schleusen und Sperrwerke  haben das lebende Fossil zwar verschwinden lassen. Doch die in Berlin  ansässige Gesellschaft zur Rettung des Stör widmet sich  der Nachzucht des ältesten Fisches der Nordsee. Nach erfolgreicher Aufzucht wurden vor einigen Jahren die ersten Jungtiere in der Elbe ausgesetzt. Damit ist der Stör nach 40 Jahren erstmals wieder ins Einzugsgebiet der  Nordsee zurück gekehrt. Nun heißt es abwarten.

 In 200 Millionen Jahren hat er sich kaum verändert. „Der Stör zeigt, wie erfolgreich ein von Langsamkeit und Stressarmut geprägter Lebensstil sein kann“, sagt Gerd Meurs-Scher. Damit sei er auch ein gutes Vorbild für viele gehetzte Menschen, die an der Nordsee  Entspannung suchen.wer

 

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