zur Navigation springen

Theremin-Musik : Sphärische Klänge hinterm Deich

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Die weltweit führende Theremin-Spielerin Lydia Kavina gab ein Konzert in Dagebüll

Zu einem außergewöhnlichen Konzert lud der Strandclub beim Nordsee-Hotel Dagebüll. Gutes Essen und besondere Musik; das hat Stil. Zunächst gab es bereits im selbigen Hause, im Bistro Fisch und Co, erste klassische Klaviermusik von Hjördis Carlson zum gemütlichen Schmaus.

Doch Hauptattraktion des Abends, an dem auch Dagebülls Bürgermeister Hans-Jürgen Ingwersen und HGV-Schatzmeister Gerd Neumann teilnahmen, war Lydia Kavina auf dem Theremin. Ein Weltstar im Dorf Dagebüll, dazu noch in einem absoluten Mini-Beachclub; ein fabelhafter Kontrast, den Inhaber und Musikfan Niels Arndt ermöglicht hat. Die Besucher des Strandclubs staunten erst einmal: Das unbekannte Ding sah aus wie eine Mischung aus Antenne, Plastikkiste und Abhörgerät. Es pfeift und brodelt, es knattert und zirpt, wenn der Laie es bedient. Doch Lydia Kavina hatte die Magnetfeld-Technik natürlich perfekt im Griff. Ihr zur Seite saß Roman Yusipey, internationaler Musikpreisträger, er begleitete am Akkordeon die Künstlerin, die extra aus Oxford angereist war.

Das fast vergessene Theremin gilt als Vorläufer des Synthesizer. Das 1920 erfundene elektronische Musikinstrument wird berührungslos gespielt, erzeugt sofort und direkt Töne. Das Theremin wird durch die Bewegung der Hände im Abstand zu den zwei Antennen gespielt, wobei eine Hand die Tonhöhe, die andere die Lautstärke verändert. Mit der berührungslosen, magisch erscheinenden Spielweise gibt es Töne, die oftmals als geisterhaft oder unwirklich beschrieben werden.

Lew Termen, Erfinder und Großonkel Lydia Kavinas, hat es ihr als Kleinkind noch beigebracht. Erstaunlich: In den 20er und 30er Jahren war Termen mit seiner Erfindung weltweit eine Sensation, er füllte alle großen Musiksäle. Seine Großnichte macht es ihm nach: Sie konzertiert weltweit in bekannten Häusern von der Royal Albert Hall in London bis zur Staatsoper in Hamburg, gibt viele Workshops.

Das Theremin hat seinen Platz in der Musikgeschichte zurückerobert. Schon Lenin begeisterte sich dafür, sah eine Chance, das Volk mit dieser Neuheit zu beglücken. Aber auch aktuell: Der Pionier der elektronischen Musik und Synthesizer-Erfinder Robert Moog baute sich früh sein eigenes Theremin, machte die Moog-Theremine weltbekannt. Stichwort New-Age-Kultur. Die Aufführungen von Clara Rockmore führten zur weiteren Renaissance des Instruments. Die Minimal-Electro-Band „Welle: Erdball“ benutzt das Theremin bei diversen Musikstücken und setzt es auch bei Live-Auftritten ein. In der griechischen Band Mani Deum spielt Panos Tsekouras das Theremin. Bei Aufführungen im Hamburger Thalia Theater (Tom Waits beziehungsweise Robert Wilsons Black Rider) wurde es von Lydia Kavina gespielt; sie war auch zu hören in John Neumeiers Ballett „Die kleine Meerjungfrau“.

Auch in der Filmmusik ist das Instrument zu hören; so bei Science-Fiction-Filmen der 1950er und 1960er. Und als Titelmelodie von Raumschiff Enterprise, Mars Attacks und The Machinist, in der Rockmusik bei Led Zeppelin in „Whole Lotta Love“.

Für die Zuhörer im Strandclub war der Sound zunächst gewöhnungsbedürftig, es klang nach „singender Säge“. Doch bald öffnete sich das Ohr; Kompositionen wie das Ave Maria von Bach klangen plötzlich neu und doch vertraut. Klar, bei futuristischen Klangwelten ist das Instrument nicht zu schlagen; so auch bei Neuer Musik wie von John Cage. Bei Kompositionen von Händel, Messiaen, Debussy oder Prokofiew übernimmt das Theremin zum beispiel die Rolle der Violine oder des Cello. Es zeigt dem Publikum in der Rückbesinnung die Aufbruchsstimmung des Modernismus der 1920er Jahre und die stark ästhetisierte Vorstellung von Technik. Lenin sandte Lew Termen daher einst sogar in den Westen, damit er dort anhand der Erfindung die technische Überlegung des Sozialismus demonstriert. Das war in Dagebüll nicht nötig: Es war zweifellos auch so ein Musikerlebnis der besonderen Art.

Am 3. Oktober, 19 Uhr, geht es im Strandclub weiter: „Brüder zur Freiheit, zur Sonne“ lautet der programmatische Titel zum Abschluss der Sommersaison.



zur Startseite

von
erstellt am 23.Sep.2014 | 05:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen