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Spannung pur: Starautoren zu Gast in der Stadtbücherei

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Die Niebüller Stadtbücherei stand ganz im Zeichen des nordischen Literaturfestivals in der deutsch-dänischen Grenzregion Südjütland/Schleswig. Leiter Ronald Steiner freute sich sichtlich, mit Angelika Klüssendorf – zweimal wurde sie bereits für den Deutschen Buchpreis nominiert – und dem dänischen Autor Christian Jungersen zwei renommierte Schriftsteller präsentieren zu dürfen. Letzterer ein gefragter Bestseller-Autor, in 20 Sprachen übersetzt. Moderiert wurde der spannende Lese-Abend von Ulrich Sonnenberg, früherer Verkaufsleiter der Verlage Suhrkamp und Insel in Frankfurt am Main.

Angelika Klüssendorf thematisiert in „Das Mädchen“ und „April“ die eigene, schwierige Jugend in der DDR, ohne dabei autobiografisch vorzugehen. „Alles ist Fiktion“, betonte sie vehement. „Klar ist jedoch, dass ich das beschreibe, was ich kenne, es ist vertrautes Terrain.“ Die Zuhörer verfolgten gespannt dem aufregenden auf und ab der nicht angepassten, jungen Person. Gelobt wird von Kritikerseite Klüssendorfs lakonischer Stil, der knapp und kurz alles auf den Punkt bringt. „Harte Arbeit“, meinte die auf dem Lande lebende Schriftstellerin. „Jeden Tag wird eine Seite geschafft!“ Sie streicht jedoch immer wieder, was nicht gefällt. Hochgerechnet hätte „April“ sonst 5000 Seiten. Derzeit sitzt sie bereits am dritten Teil der Trilogie, wie sie verriet.

Christian Jungersen, 1962 in Kopenhagen geboren, ist ein ganz anderes Kaliber. Er kommt vom Film, hatte sechs Exposés geschrieben, die allesamt abgelehnt wurden. „Als ich die Entwürfe zufällig hintereinander las, kam mir die Idee, einen Roman daraus zu machen.“ Eine gute Idee: Alle drei Romane bekamen sofort national wie international große Resonanz. Jungersens Ziel ist es, schwierige Themen in spannende und überraschende Geschichten umzusetzen. So geht es in „Du verschwindest“ um die Frage: Was genau macht den Menschen aus und seine Persönlichkeit? Christian Jungersen bemüht dazu die Gehirnforschung, streut in das Buch wissenschaftliche Erkenntnisse ein. Dazu interviewte er Ärzte, Wissenschaftler, Pädagogen, die alle bereitwillig Auskunft gaben – zur Verwunderung der Niebüller Zuhörer, die dazu nachfragten. „Ich verändere mich mit jeder Zeile, die ich schreibe“, so sein Credo. Er recherchiert für alle seine Bücher mehr als gründlich. So setzte er sich wochenlang in ein Büro, um das Thema Mobbing nachzuvollziehen. Auch hier konnte er sich auf die Bereitwilligkeit seiner Mitmenschen verlassen. Kein Wunder, dass es bis zu acht Jahren dauert, ehe ein neuer Roman erscheint. Christian Jungersen lebt den Großteil des Jahres auf Malta, bereist aber die Länder, in denen der Roman spielen soll.

Man merkt deutlich, dass Christian Jungersen vom Film kommt. Die Episode, die er vortrug, war unglaublich aufregend; er schildert die irrsinnige Autofahrt der Familie. Viel kommt dabei an Gedankenflut beim Zuhörer zusammen. Fährt der Vater so verrückt, weil sein Tumor auf ihn wirkt? Oder ist die Familienstruktur bereits aufgelöst? Hat die Ehefrau Schuld? Die Zuhörer wissen es nicht, möchten aber sofort mehr erfahren. „Ich schreibe absichtlich sogenannte Pageturner (Seitenwender, Synonym für schnelles Lesen)“, verriet der sympathische Däne. Spannung muss sein; so lassen sich auch ungewöhnliche Themen gut verpacken. „Der Leser lernt mit“, so Christian Jungersen, „und für mich ist es ein permanenter Brainstorm.“

Es war ein perfekter Abend für Literaturinteressierte, mit der Gelegenheit zum Gespräch. Kaum nachvollziehbar ist allerdings, warum das jüngere Publikum durch Abwesenheit glänzte. Für Niebüller Schüler offensichtlich uninteressant, eine Riesenchance wurde vertan. Erfreulich war die Anwesenheit zahlreicher dänischer Nachbarn.

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erstellt am 20.Nov.2014 | 14:54 Uhr

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