Spannende und heitere Lyrik im Doppelpack

Begeisterten: Hilke Lehmann
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Begeisterten: Hilke Lehmann

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13. Januar 2015, 12:18 Uhr

„Gegenwart ist ohne das Vergangene nicht denkbar“, sagte Friedhelm Küster. Mit diesen Worten leitete er die literarische Reise durch das Land zwischen den Meeren im 19. und 20. Jahrhundert ein. Seine Tochter Hilke Lehmann sorgte für Einstimmung mit einem imitierten Meeresrauschen. „Die Macht des Meeres hat nicht nur Gutes“, erklärte Küster. „Das haben wir in diesen Tagen wieder zu spüren bekommen.“ Stille kehrte im Veranstaltungsraum der Seniorenwohnanlage Niebüll Gath ein. Die Gäste verfolgten fasziniert und nachdenklich die vorgetragenen Passagen aus Werken von Christian Morgenstern und Theodor Storm („Die Stadt“, „Meeresstrand“ und „Oktoberlied“), Heinrich Heine und anderen.

Durch Stimme und Gestik unterstrich Hilke Lehmann die Erzählung „Die Wölfe“ von Selma Lagerlöf, in der ein Bauer vor der Wahl steht, sich oder das Leben einer alten Dame vor den Bestien zu retten. „Ich muss nicht mir oder einem Anderen Unrecht tun. Es gibt immer noch einen dritten Weg. Man muss ihn nur finden“, zog sie die Lehre aus der Geschichte. Friedhelm Küster berichtete in der Sage „Die getreue Alte“ von Ereignissen vor den Toren Husums. Die Stadtbewohner feierten auf der zugefrorenen Nordsee ein fröhliches Fest mit Schlittschuhlaufen und aufgebauten Zelten. Nur die Witwe eines Seefahrers – alt, ängstlich und halb gelähmt – bemerkte das Unheil in Gestalt von dunklen Wolken, die sich der Küste näherten. Da man ihr keine Beachtung schenken wollte, zündete die Alte das Stroh ihres Bettes an – mit Erfolg. Küster: „Sie hat ihr Haus geopfert, um die Bewohner ihrer Stadt zu retten. Man möge es ihr vergelten.“

Der Vorleser hatte danach selbst Spaß bei dem launigen Reisebericht von Alfred Kerr. Auf dem „Eiländchen“ sind alle glücklich; ob es am Teepunsch liegt? Die bekannte Ballade „Nis Randers“ drang im Anschluss wortmächtig in den Saal, da störte auch das leise Geschirrklappern nicht. Hilke Lehmann sorgte mit der schönen Sage von Nis Puk für Heiterkeit, ehe bei der Rungholt-Erzählung ein düsteres Kapitel aufgeschlagen wurde. Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ entfaltete eine ganz eigene, neue Farbenpracht, ehe das Lese-Gespann mit einer köstlichen Spukgeschichte von Theodor Storm die Reise beendete.

Viel Beifall für alle drei Akteure: Großen Anteil am Erfolg hatte die Dritte im Bunde – die junge Julia Kao war spontan eingesprungen. Ihre „Zwischentöne“ gefielen Publikum und den beiden Akteuren; sie würden die Pianistin glatt wieder engagieren. Alles in allem ein bezaubernder literarisch-musikalischer Nachmittag.

Hilke Lehmann ist in Niebüll aufgewachsen, hat ihren Vater nur per Vertretungsstunde als Lehrer erlebt. Nach ihrer Erzieherausbildung ging sie nach Flensburg, war Kindergartenleiterin, arbeitete später im Kinderhospiz. „(Vor-)gelesen habe ich immer sehr gern“, so die Erzählerin. Keine Frage also, dass sie dieses Hobby auch im Beruf angewandt hat. Um eine größere Kompetenz zu erlangen, hat sie bei Klaus Dörre in Neukirchen/Ostsee eine Erzähl-Ausbildung absolviert – und bekam bald die ersten Aufträge. Hilke Lehmann hat ihr Repertoire – Märchen aus aller Welt – im Kopf, trägt frei vor.

Über Friedhelm Küster viele Worte zu verlieren ist fast überflüssig; nahezu jeder kennt den Lehrer und Theatermann. „Die Bühne“ war gestern; die Lesung mit seiner Tochter ist sein neues Feld. „Es ist schön, dass wir das zusammen machen“, freut sich der 79-Jährige, der erstaunlicherweise keine eigene Bühnenerfahrung hat. Er hat eine Menge Arbeit bei der Vorauswahl der Texte gehabt; es sollten bekannte und unbekannte Texte von Dichtern sein; dabei sollte die Nähe zum Norden, zum Meer, zur Sagenwelt erhalten bleiben.

Zum Schluss erklärten Vater und Tochter, wie es zu der Idee der Lesung gekommen ist. „Den Anstoß gab Niels Arndt vom Dagebüller Nordsee-Hotel. Er wünschte sich diese literarische Reise zu den Meeren.“ Und so fand 2014 die gefeierte Premiere statt. Weitere Auftritte sind geplant; Interessierte rufen unter Telefon 04661/3634 Friedhelm Küster an.

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