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Neue Bürgermeister-Chronik : Spannend wie ein Thriller

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Die aktualisierte Bürgermeister-Chronik der Gemeinde Klixbüll ist ein Zeitdokument. Dramatische, mysteriöse aber auch erfreuliche Ereignisse der vergangenen 150 Jahre sind auf den knapp 100 Seiten verewigt.

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erstellt am 19.Dez.2013 | 05:30 Uhr

Er ist erst 27 Jahre alt, als er das Amt des Gemeindevorstehers übernimmt, gilt als sehr intelligent, ist eine weithin bekannte und geachtete Persönlichkeit: Amtsvorsteher, Schiedsmann, Kommissar der allgemeinen Krankenkasse für den Kreis Tondern. Er setzt sich sehr für die Armen ein, ist Vorsitzender des Armenverbandes Klixbüll. Sein Name findet sich sogar im Verzeichnis der Wahlmänner zur Reichtagswahl 1885. Christian Sibbers, Sohn einer Grossgrundbesitzer-Familie, 1849 geboren, ist von 1876 bis 1893 Gemeindevorsteher Klixbülls. Der Schulbau 1880, die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Klixbüll-Bosbüll 1890 fallen in seine Amtszeit. Allerbeste Voraussetzungen. Doch der junge Mann hat auch eine Schwäche, gilt als umtriebig. 1893 endet seine Amtszeit – urplötzlich, unerwartet und mysteriös. Eines Tages im Frühjahr lässt der junge Bürgermeister seine Kutsche anspannen. Sein Knecht fährt ihn zum Niebüller Bahnhof. Christian Sibbers lässt eine Frau und vier Kinder, Hof und Amtspflichten zurück – und verschwindet spurlos. Warum und wo er ein Jahr später wieder auftaucht, sich erneut absetzt und dann einige Jahre später – ausgerechnet in Monte Carlo – das Leben nimmt, wissen eingeweihte Klixbüller. Alle übrigen dürfen es nachlesen – in der neuen Bürgermeister-Chronik von Andreas Thomsen.

Wie spannend auch regionale Geschichte sein kann – das zeigt dieser Auszug aus der jetzt erschienenen Bürgermeisterchronik. Doch das 100-Seiten-Werk hat noch viel mehr zu bieten. 17 Bürgermeister hat die Gemeinde zwischen 1863 und 2013 hervorgebracht. Ihnen allen, die sich als Kirchspiel-Bevollmächtigte, dann als Gemeindevorsteher und seit 1935 als Bürgermeister dem Wohle der Bürger verschrieben hatten, widmet sich Andreas Thomsen, Jahrgang 1937, selber von 1986 bis 2003 im Amt. „In der Chronik ist zu lesen, wer die Bürgermeister waren, woher sie kamen, welche Berufe sie ausgeübt haben, denn sie waren, wie heute auch, Ehrenamtler.“ Doch nicht nur das. „Die Leser erfahren auch, wie es damals in unserer Gemeinde so zuging.“

Das kleine Buch ist ein Update, eine aktualisierte Version. Die erste Fassung der Bürgermeister-Chronik entstand 1989. „Ich hatte die Idee bei einem Urlaub in Bayern 1988“, erinnert sich Andreas Thomsen. Eine Kommune im Bergdesgardener Land hatte sich bereits eine Chronik ausgearbeitet. „Da habe ich mir gedacht: Das könntest du auch für Klixbüll machen.“ Spannend und vor allen Dingen authentisch sollte das Buch sein. Quellen für seine Recherchen waren die Kreisblätter des Kreises Tondern, Urkunden und Kaufverträge, Protokolle der Gemeinde, des Armenverbandes. Wegeverbandes und Schulverbandes. Sofern noch möglich hat Andreas Thomsen Zeitzeugen, beispielsweise noch lebende Angehörige, befragt.

„Bis 1864 gab es hier lediglich Kirchspiele und Harden, aber keine Gemeinden“, berichtet Andreas Thomsen. Erst 1866 wurde die preußische Landesgemeinde-Ordnung eingeführt. Bis dahin hießen die Oberhäupter der Kommunen Gemeindevorsteher. Von den ersten beiden Gemeindechefs Klixbülls, Johann Petersen und Jens Dinsen, gibt es keine Fotos – Kameras waren damals zwar schon erfunden (die erste wurde 1851 patentiert), aber Mangelware und nicht in jeder Hosentasche zu finden.

Auf die Spuren von Johann Petersen, 1863 bis 1870 in Amt und Würden, stieß er in einem Protokoll des Armenverbandes. „Damals wurde ein Armenhaus verkauft, und er musste als Kirchspielbevollmächtigter unterschreiben.“ Nachzulesen sind auch die Zeitumstände, häufig verbunden mit tragischen Begebenheiten. So fielen in dem Krieg 1870/1871 fünf Klixbüller. Dass im 19. Jahrhundert Familien mit sieben und mehr Kindern keine Seltenheit waren, mögen sich die Meisten noch vorstellen können. Aber dass der elektrische Strom erst 1922 Einzug in die Gemeinde hielt, wissen wohl die wenigten. Damals wurde ein großes Lichtfest gefeiert. Zwar machten alle mit, doch die Außenbezirke wurden erst nach 1945 angeschlossen – aus Kostengründen. 1931 führte ein Unwetter (drei Tage und drei Nächte lang regnete es) zu Missernten. Als 1941/42 zwei Flak-Geschütze entstanden, wurden die Bauarbeiter kurzfristig im Schulgebäude untergebracht. „Der Unterricht fand im Keller der Schule statt. Da war kaum Platz. Häufig reichte es nur, um die Hausaufgaben abzuholen“, so Thomsen. Später musste die Schule saniert werden. Jeder Schüler brachten täglich ein Brikett mit, damit die Schule geheizt werden konnte. Nach dem Weltkrieg 1939 bis 1945 folgte das Flüchtlingsdrama, das sich auch in Klixbüll nachhaltig auswirkt, der Aufschwung 1949, die Erweiterung der Schule, der Anbau der Turnhalle 1960 und die Einrichtung eines dritten Klassenraumes 1963. „Bis dahin wurden in Klixbüll in zwei Klassenräumen 200 Kinder in zwei Schichten unterrichtet.“

Die Gemeinde Klixbüll unterstützt das Chronik-Projekt von Andreas Thomsen. „Wir kaufen ihm ein Kontingent ab und verkaufen sie dann beim Neujahrsempfang“, erklärt Bürgermeister Werner Schweizer (62). Er ist seit Juni 2013 im Amt, bescheinigt seiner Gemeinde eine positive Zukunft – weil sie alles biete, was junge Familien suchen. „Wir haben erschwingliche Baugrundstücke, eine Kita und eine Schule, gute Verkehrsanbindungen. Unsere Entwicklung geht zwar langsamer als in Niebüll, aber in die gleiche Richtung.“ Insbesondere Andreas Thomsen habe hart um den Erhalt der Grundschule gekämpft, dabei Tinningstedt gewinnen können. 40 eigene Kinder, 55 aus dem Umland werden hier unterrichtet. Ein großer Vorteil sei die Arbeit der Montessori-Pädagogen. Ein Konzept, das schon viele Eltern überzeugt habe. Andreas Thomsen: „Ohne die Montessori-Ausbildung wäre unsere Schule ausgestorben.“ Und Werner Schweizer ergänzt: „Es gibt in der Umgebung keine Alternativen.“ Ein eigener Schulwald, eigenes Vieh, wie ein Schaf und Hühner, möglich gemacht durch engagierte Eltern. Gemeinsam mit Tinningstedt und Bosbüll bilde die Kommune eine Feuerwehr, eine Kirchengemeinde, unterhalte ein Ehrenmal und die Kita, deren Öffnungszeiten auf 16 beziehungsweise 16.30 Uhr ausgedehnt werden sollen. „Das ist ein schönes Miteinander.“

Die Chronik kostet zehn Euro, ist beim Verfasser sowie künftig in den Buchhandlungen Niebülls und Lecks zu bekommen.

 

 

 

 

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