zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

21. Oktober 2017 | 00:36 Uhr

Talente : Singen verboten

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Beim Poetry Slam in Klanxbüll buhlten am Donnerstagabend zehn Dichter von nah und fern wortgewaltig um die Gunst des Publikums

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2014 | 05:45 Uhr

Erfahrene Besucher wissen es längst. Denen, die zum ersten Mal einen Poetry Slam erleben, also einen Wettstreit der Dichter, erklärt Moderatorin Mona Harry die Regeln: Erlaubt sind Lyrik, Kurzprosa, Rap oder Comedy-Beiträge, nur selbst verfasst müssen die Texte sein, die auf der Bühne vorgetragen werden, es gibt ein Zeitlimit von sechs Minuten, ausdrücklich verboten sind Hilfsmittel wie Requisiten oder Kostüme, Musikbegleitung und Gesang. „Singen geht nur sehr kurz oder sehr schlecht.“ Entscheidend ist die Meinung des Publikums. Fünf Freiwillige erhalten stellvertretend für alle Zuschauer Wertungskarten und dürfen Punkte von 1 bis 10 vergeben.

Zehn Poeten treten am Donnerstagabend im Charlottenhof gegeneinander an. „Wir kommen alle aus Orten wie Hamburg oder Kiel, an denen das Wetter immer schlecht ist, wir sind diese nordfriesische Sonne nicht gewöhnt“, erläutert die Moderatorin, die eventuelle Rechenausfälle beim Zusammenzähle der Punkte mit einem Sonnenstich zu entschuldigen sucht.

Einer allerdings kennt das hiesige Wetter ganz genau: Carsten Martin Johannsen, ein echter Lokalmatador unter den auftretenden Dichtern. „Carsten aus Niebüll“, meint die Moderatorin, sagt aber „Niebüül“. „Büll!“, brüllt es sofort mehrstimmig aus dem Publikum zurück. So viel Zeit muss sein. Dann gehört die Bühne dem Niebüller, der Gedichte, Aphorismen und Geschichten schreibt. Im ersten Gedicht hat er seine Gefühle nach dem Tod eines Kollegen verarbeitet, in einem weiteren drückt er seine Fassungslosigkeit über das Blutvergießen im Gaza-Streifen aus. Dafür bekommt er anerkennenden Applaus, aber nicht viele Jury-Punkte.

„Thematisch zu schwer“, sagt Carsten Martin Johannsen selbstkritisch in der Pause. Doch er kann auch anders: Aus dem Stehgreif rezitiert er Verse der mit Opa Meier und blaue Pillen beginnt und mit „Die Hälfte seiner Rente geht weg für Alimente“ endet. Der Nordfriese steht gern auf der Bühne: „Ich bin Rentner, habe die Zeit, und es macht mir Spaß.“

Sein Auftritt beim Dichterwettstreit ist keine einmalige Sache: Carsten Martin Johannsen lebt seinen Hang zur Poesie regelmäßig im Kreise der Poetry-Slam-Tournee aus, tritt gemeinsam mit anderen Slammern auf Sylt, in Kiel oder Lübeck auf. „Wir stehen untereinander nicht in Konkurrenz, sondern helfen einander“, berichtet der Niebüller. Das Konzept des Poetry Slams kommt beim Publikum an: „Wir sind begeistert. Jeder der Poeten verdient absoluten Respekt für den Mut, auf der Bühne zu stehen“, sind sich zwei Urlauberinnen aus der Bundeshauptstadt einig. Auf einem Poetry Slam waren die beiden vorher noch nie: „Was wir in Berlin nicht geschafft haben, holen wir in Klanxbüll nach.“ Und an diesem Abend wird den Zuschauern einiges von den Verbalakrobaten geboten.

Poesie auf Platt präsentiert Meral Ziegler: Die Hamburgerin spricht vom Anfang, von Himmel und Erde vom Kinderkriegen und vom Jetzt – und bekommt ganz ordentliche Jury-Noten. Selbst wer kein Plattdeutsch verstehen könne, könne das Vorgetragene stattdessen fühlen, rät die junge Poetin. Gefühle spielen auch eine Rolle im Vortrag von Philipp Lehmkuhl, und zwar Heavy-Metal-Gefühle passend zum Festival-Start in Wacken. Mal laut, mal leise begeistert der Poet aus dem Ruhrgebiet wortgewaltig das Publikum und schafft den Einzug ins Finale. Auch Sven Hensel aus Gelsenkirchen kommt mit seinem Vortrag „Geschichte schreiben“ nebst einer Hommage an „Zurück in die Zukunft“ in die Endrunde. Der Dritte im Finalbund ist Lennart Hamann, der seine Zuhörer unter anderem mit „U-Bahn zusammen“ unterhält: „Ich weiß: hier in Klanxbüll mag man es romantisch“, sagt der Hamburger und legt los mit seiner Rap-Lyrik, in der sich der Protagonist spontan im öffentlichen Verkehrsmittel in sein weibliches Gegenüber verliebt. Dabei erwischt er sich sogar dabei, eifersüchtig auf das Sitzpolster zu sein, das die Backen der Angebeteten im Gegensatz zu ihm berühren darf. Er erträumt sich die Fremde gar schon als seine Frau am Herd: „Wenn ich nach Hause komme, riecht es nach Putenbrust, und ich fühl’ mich wohl wie in einem Uterus.“ Sein Ausdruck als Kombination von Sprache, Gestik, Witz und Tempo kommt an – am Ende setzt sich der Hamburger gegen seine Konkurrenten durch.

Doch gewonnen haben an diesem Abend sowieso alle – nämlich ganz eigene Eindrücke davon, wie witzig, berührend oder nachhallend wohlgesetzte Worte sein können; und dass eingängige Sprachmelodien ganz ohne Gesang auskommen können.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert