Sie sind wieder da

Nach der Beringung werden die Jungstörche wieder in das Nest gelegt. Fotos: Lenke Kreutzfeldt
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Nach der Beringung werden die Jungstörche wieder in das Nest gelegt. Fotos: Lenke Kreutzfeldt

Premiere nach über 70 Jahren: Drei kleine Störche sind über Pfingsten in Tinningstedt geschlüpft und wurden nun beringt

shz.de von
17. Juli 2019, 14:42 Uhr

Tinningstedt | In der Gemeinde Tinningstedt passieren gerade merkwürdige Dinge. Menschen gehen durch das Dorf, bleiben abrupt stehen und starren in den Himmel. „Ich hab da auch ein Auge drauf“, sagt Bürgermeister Dirk Enewaldsen. „Die bekommt man ja auch nicht so oft in Deutschland zu sehen.“ Die Rede ist vom Ciconia ciconia, dem Weißstorch.

Seit mehr als 70 Jahren habe es in Tinningstedt keine Störche mehr gegeben, heißt es von den Einwohnern. Senioren aus dem Dorf berichten, dass es damals zwei Horste in der Gemeinde gab, eins auf dem Dach eines Bauernhofes im Stavensweg und eines in der Dorfstraße auf einem Baum. Aber das ist schon lange her. Seitdem landen keine Störche mehr in Tinningstedt.

Bereits in den 80er Jahren lässt die Gemeinde ein Storchennest auf einem ausgedienten Strommast mitten im Dorf errichten. 2014 wird dieses Nest kernsaniert, leider ohne Erfolg. Störche lassen sich dort nicht nieder. Bis zum April 2019, als sich ein Storchenmännchen dort einquartiert. Es dauerte nicht lange, da gesellt sich ein Weibchen zu ihm. Anfang Mai liegt dann das erste Ei im Nest. Am Pfingstsonntag schlüpft das erste Küken. In den darauffolgenden Tagen können die Dorfbewohner beobachten, dass drei kleine Störche im Nest die Köpfe heben, wenn die Eltern neues Futter in die Nestmulde spucken.

Nun beginnt mit der Beringung der Kleinen der ernst ihres Lebens. „Der Ring ist quasi ihr Personalausweis samt Lebenslauf. Die Ringnummer sagt aus, woher der Vogel kommt und wie alt er ist“, erklärt Jörg Heyna. Er ist Storchenbetreuer und hat auch seine Kollegen Regina Kolls und Stephan Struve mitgebracht, um die Störche zu beringen. Alle Ringnummern werden gesammelt und in einer großen Datenbank gespeichert. Auch Dirk Enewaldsen darf Hand anlegen. „Das ist schon eine tolle Sache. So dicht kommt man den Tieren ja sonst nicht“, sagt er. Und das Beringen schadet den kleinen Störchen nicht. Aber warum liegen sie dort wie tot auf dem Boden? „Das ist ein Überlebensreflex“, sagt Jörg Heyna. Beim Todestellen hoffen die Störche, dass sie nicht von anderen Raubtieren mitgenommen werden. Glück gehabt, denn nach dem erfolgreichen Markieren werden sie behutsam ins frisch gemachte Nest gesetzt. Dass die Jungvögel nun nach Mensch riechen, ist nicht weiter schlimm. „Vögel können nicht riechen. So werden sie nicht, wie zum Beispiel bei Rehkitzen, von ihren Eltern verstoßen“, gibt Jörg Heyna Entwarnung. Bis sie flügge werden, dauert es noch zirka 40 Tage.

Seit 1980 hat es in Schleswig-Holstein nicht mehr so viele Störche gegeben. 292 Brutpaare mit insgesamt 604 Jungen wurden bereits gezählt. Im vergangenen Jahr waren es 418 Küken. „Hoffentlich geht das so weiter“, sagt Jörg Heyna, schließlich ist das Nest in Tinningstedt auch „das nördlichste Storchennest Deutschlands.“ 2009 wurde ein Küken in Stadum Holzacker erfolgreich aufgezogen, seitdem ist Flaute.

So erfolgreich diese Brut auch sein mag, eine endgültige Entwarnung gibt es nicht. „Nur 20 bis 30 Prozent der Jungtiere überleben das erste Jahr“, sagt Jörg Heyna. Doch die Chancen stehen gut, denn Nahrung gibt es hier genug. Jörg Heyna tippt, dass das auch der Grund ist, weshalb die Elterntiere hergekommen sind. „Störche brauchen feuchte Grünflächen. Je mehr Rinder oder Pferd darauf laufen, umso besser. Die erschüttern mit ihren Tritten den Boden und so kommen zum Beispiel die heiß begehrten Regenwürmer an die Oberfläche“, sagt er. Außerdem sei in diesem Jahr die Mäusepopulation extrem hoch.

Storchenbetreuer kümmern sich um die regelmäßige Kontrolle der Nester, führen notwendige Reparaturen und Neuerrichtung sowie Beringung von Jungvögeln durch. Sie bergen und transportieren verunglückte Vögel, veranlassen Schutzmaßnahmen an ungesicherten Strommasten und erstellen jährlicher Brutstatistiken.

Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist und bleibt das Ablesen beringter Tiere. Die Daten geben sie dann an die Vogelwarte weiter. Dort wird in einer riesigen Datenbank alles dokumentiert und ausgewertet. „Hier sind wir über jede Hilfe dankbar“, sagt Jörg Heyna. Wenn ein Vogel, egal welcher, mit einem Ring gesichtet wird und mithilfe eines Fernglases oder Fotozoom die Ringnummer erkennbar ist, bittet Jörg Heyna darum, diese ihm mitzuteilen. Die Storchenbetreuer sind in der Arbeitsgemeinschaft Storchenschutz im NABU organisiert – ehrenamtlich.

Mitten im Dorf, in acht Metern Höhe, liegt das Nest. Auf eben dem ausgedienten Strommast, auf den Einheimische bereits vor fast 40 Jahren einen Horst aufstellten. Dass dieser nun wieder in Beschlag genommen wurde, ist ein gutes Zeichen.

„Störche kehren in der Regel zum Nest zurück. Vorausgesetzt die letzte Aufzucht war erfolgreich. Zwar sind Störche nicht ihrem Partner, aber immerhin ihrem Nest treu“, so Jörg Heyna. Es bleibt den Störchen, die bereits fleißig am Klappern sind, viel Glück zu wünschen. Die Chancen stehen ja nicht schlecht. Vielleicht brüten die Elterntiere im nächsten Jahr wieder in Tinningstedt. „Das wäre so schön!“, sagt Dirk Enewaldsen.

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