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Nordfriesland Tageblatt

24. August 2017 | 05:24 Uhr

Sehnsucht nach Frieden oder Shalom

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Christen und Muslime gedenken in einem gemeinsamen Gottesdienst der Opfer von Berlin – und kommen danach in gute Gespräche

Von der Kieler Habib-Moschee an der Flintbeker Straße bis zur Rimberti-Kirche an der Emmelsbüller Dorfstraße sind es zwar 130 Kilometer. Doch am Donnerstagabend rückten Christen aus Südtondern und aus Ländern in Nordafrika sowie dem Orient im Emmelsbüller Gotteshaus enger zusammen, um in einer Friedensandacht der Opfer des Terroranschlags in Berlin zu gedenken.

Eingeladen zur Andacht hat Pastor Sören Zastrow. Der Einladung folgt der Vorsteher der Ahmadiyya-Gemeinde in der Landeshauptstadt Imam Adeel Ahmad Shad. Er dankt den nordfriesischen Gastgebern für die Einladung, die er im Folgenden auch als Geste der Freundschaft und Toleranz bewertet. In der Tat hat – soweit erinnerlich - eine solche Begegnung auf dem nordwestlichen Festland des Landes noch nie stattgefunden. Ihr Anlass liegt indes auch nicht allein im Gedenken an die Toten in Berlin begründet. Er ist auch dadurch gegeben, dass sich im nahen Umfeld der Rimberti-Kirche Muslime aus dem Kriegsgebiet in Nahost aufhalten.

Christen und Moslems unter dem Dach einer evangelischen Kirche? Warum eigentlich nicht, zumal es auch darum geht, Gemeinsamkeiten zu betonen, wie sie in Bibel und Koran geschrieben stehen und sich Kardinaltugenden wie etwa die Liebe nicht voneinander unterscheiden. Das gesprochene Wort steht beiderseits im Mittelpunkt, begleitet vom Nashed (das heißt: islamisches Lied) und dem Kyrie (Anrufung des Herrn). Im Votum heißt es, dass in der Welt Krieg und Gewalt herrschen. Dem stehe Gottes Absicht entgegen, dass Frieden herrschen solle: Frieden. Shalom!

Dann die Nachricht vom Anschlag in Berlin, auch wenn ein „bloßer“ Unfall schon schlimm genug gewesen wäre, sagt der Pastor. Der Imam zitiert aus einer Koran-Sure die Fürbitte, dass Allah die Menschen auf den geraden Weg führen möge. Dann auch die Frage, wie verzweifelt und hoffnungslos jemand sein müsse, der nicht nur sein eigenes Leben wegzuwerfen bereit ist, sondern auch das anderer Menschen zu vernichten. Der Imam fordert auf dafür zu beten, dass alle die Kräfte obsiegen mögen, die sich für den Frieden einsetzen – weil allen die Angst gemeinsam ist: Christen, Muslimen und Juden. Pastor und Imam enden mit Gebeten, die sich an die internationale Gemeinschaft wenden, für Frieden einzutreten – auch, wenn es ein Leben lang dauert, bis sich Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Wut und Angst legen. Begleitet wird die Andacht durch das Orgelspiel von Christel Johannsen und von Kirchenliedern, in denen von Liebe und Frieden die Rede ist. Auf dem Altar wird ein Friedenslied entzündet. Pastor und Imam sprechen ihre Glaubensbekenntnisse, die sich inhaltlich kaum unterschieden.

60 Minuten Andacht sind in Windeseile vorüber und klingen aus in Gesprächen unter Muslimen und nordfriesischen Christen. Dazu gibt es Tee – und jede Menge Fragen, die der Imam und der Pastor geduldig beantworten. Und das alles in freundschaftlicher Atmosphäre und getragen von Toleranz, Interesse und der Bereitschaft, voneinander zu lernen und einander zu verstehen. Der Imam, Vorbeter und Theologe Adeel Ahmad Shad: „Weil wir im Islam, Christen- und Judentum in Abraham einen gemeinsamen Erzvater haben.“

 

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erstellt am 30.Dez.2016 | 12:02 Uhr

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