zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

25. September 2017 | 06:35 Uhr

Orkantief : Sebastian braust über Südtondern

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Herbst-Orkan rüttelte am Mittwoch an Türen und ließ die Nordsee-Wellen hochschlagen sogar der Autozug stellt den Betrieb ein: Sylt-Urlauber stranden in Niebüll.

shz.de von
erstellt am 13.Sep.2017 | 19:15 Uhr

Niebüll | Leere Mülltonnen rollten über Niebüller Straßen und Fußwege, Bäume bogen sich unter starken Böen. Am Mittwoch brauste Orkantief Sebastian mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 Kilometer pro Stunde über Südtondern. Größere Schäden richtete der Herbst-Orkan bis Redaktionsschluss nicht an.

Besonders die gigantische Deichbaustelle in Dagebüll wurde gestern genau beobachtet, weil die Gefahr bestand, dass der Schutzdeich – der die Baustelle trocken halten soll – bricht und das angrenzende Becken mit Wasser voll läuft. „Das ist aber keine totale Katastrophe “, sagte Hans-Jürgen Ingwersen, Dagebüller Bürgermeister, am frühen Abend. Bis dahin hatte der Wall gehalten – doch erst das Hochwasser gegen 20 Uhr sollte schließlich zeigen, ob das große Becken heute am Tag nach dem Sturm leergepumpt werden muss. Problematisch könnten hier vor allem die Wellen sein. Diese zusätzliche Arbeit würde die Bauarbeiten im Ort verzögern – „mehr aber auch nicht“, sagt das Gemeindeoberhaupt. Stürme dieser Art sowie Wasserstände von 1,5 bis 2 Metern über Normalnull seien – zumindest später im Jahr – für dieses Gebiet „normal“. Vorgesorgt wurde aber trotzdem: „Alle für die Baustelle Verantwortlichen sind heute den ganzen Tag am Deich, um vor Ort zu sein, falls was passiert“, sagt Ingwersen.

Bei einem Treffen hatten Bürgermeister, der Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) das Amt Südtondern sowie die Bauleitung am Mittwochmorgen abgesprochen, wie sie das Bauwerk schützen können und alles für den Ernstfall vorbereitet. Die großen Baumaschinen waren bereits am Dienstag in Sicherheit gebracht worden –zudem war eine Pumpe aufgestellt worden, um das Wasser im Notfall schnell abpumpen zu können, sagt Lutz Pfitzner, Projektleiter vom LKN. Der Experte ist für die Baustelle verantwortlich. „Alle offenen Sandstellen am Deich haben wir mit Kleie und Wasserbausteinen abgedeckt.“

Der erste Höhepunkt des Orkans war zwischen 14 und 15 Uhr, sagt Gerd Müller, Wetterexperte aus Niebüll. Um 17 Uhr wurden in Leck 93 Stundenkilometer gemessen, was 10 Windstärken entspricht. In Niebüll waren es neun Windstärken – heftiger pustete es in Dagebüll: Dort fegte der Sturm mit 105 Kilometern pro Stunde. Einen zweiten Höhepunkt hatte der Experte zwischen 20 und 21 Uhr erwartet.

Drei Mal mussten die Wehren in Südtondern bis Redaktionsschluss ausrücken um Sturmschäden zu beseitigen – zu größeren Einsätzen kam es nicht, sagte Amtswehrführer Oliver Jacobsen. In Niebüll drohte unter anderem eine Plane von einem Neubau zu fliegen. Außerdem mussten die Helfer dafür sorgen, dass ein Trampolin an seinem Standort blieb und einen Baum von der Straße in Holzacker ziehen.

Die Mitarbeiter von Schmidt-Reisen in Dagebüll hatten alle Hände voll damit zu tun, Reisende, die mit einem Bus zu einer Tagestour nach Sylt gefahren waren, sicher zurück aufs Festland zu bringen – teilweise mussten sie dafür auf die Fähre ausweichen, die den Norden der Insel vom dänischen Rømø aus ansteuert. Der Sylt Shuttle der Deutschen Bahn (DB) sowie der blaue Autozug von RDC hatten ihren Betrieb gegen 13.30 Uhr komplett eingestellt. „Bis Betriebsschluss fahren heute keine Autozüge mehr auf die und von der Insel“, sagte eine DB-Sprecherin gestern. Auch die Personenzüge fuhren zwischen Niebüll und Westerland ab 17 Uhr nicht mehr.

Zahlreiche Menschen, die mit dem Auto oder in Bussen mit dem Zug über den Hindenburgdamm nach Sylt wollten, quartierten sich – zwangsweise – vorübergehend auf dem Festland ein, als ihre Reise abrupt unterbrochen wurde. Unterkünfte in Niebüll und Dagebüll waren komplett voll. Die Jugendherberge in Niebüll konnte sich zeitweise vor Anfragen kaum retten. „Seit einer Stunde steht das Telefon nicht still“, sagte Sabrina Kosinska, Leiterin der Jugendherberge, am Nachmittag, während zahlreiche Menschen vor der Anmeldung darauf warten, ein freies Zimmer zu bekommen. Die Tagungsräume habe sie bereits mit Betten vollgestellt – auch das Badezimmer für Behinderte sei zu einem provisorischen Schlafzimmer umfunktioniert worden, um Urlaubern und Schulklassen, die ihre Reise in Niebüll unterbrechen mussten, Obdach zu bieten. Zur Not könne sie auch noch ein Matratzenlager einrichten, sagt Kosinska. „Wir rücken hier jetzt zusammen.“

Die Fußgängerzone in Niebüll wirkte bereits am Vormittag verlassen: Alle Stühle, auf denen Passanten noch in der vergangenen Woche ihren Kaffee im Sonnenschein genossen hatten, waren weggeräumt. Geschäfte hatten Kleiderstangen in Sicherheit gebracht und Markisen eingeholt. An der Friedrich-Paulsen-Schule (FPS) fiel am Mittwoch der Nachmittagsunterricht aus, damit die Schüler sicher nach Hause kommen konnten. Auch an der Gemeinschaftsschule an der Lecker Au, an der Dänischen Schule in Leck sowie an der Emil-Nolde-Schule in Neukirchen schickten die Schulleitungen die Kinder früher auf den Heimweg.

Der Fährverkehr zwischen Dagebüll, Föhr und Amrum sowie zwischen Schlüttsiel und den Halligen war auf Grund des Sturmtiefs und des damit verbundenen Hochwassers gestern komplett eingestellt worden. „Die Entscheidung, den Fährverkehr einzustellen, haben wir um 15 Uhr gemeinsam mit den Kapitänen getroffen“, hieß es dazu von der Wyker Dampschiffs-Reederei (WDR). Bei Redaktionsschluss lautete die Prognose, den Fährverkehr in den frühen Morgenstunden wieder aufnehmen zu können. Alle Gäste, die von Amrum oder Föhr abreisen wollten, erhielten das Angebot, an Bord der Fähren zu übernachten. Dies galt jedoch nicht für die Reisenden, die in Dagebüll strandeten: „Wir können dort kein Schiff liegen haben, das würde uns im Seegang zerspringen“, berichtet die Reederei.

Für diese Jahreszeit ist ein derartiges Orkantief ungewöhnlich, sagt Gerd Müller. In den letzten 25 Jahren sei so etwas in Südtondern demnach nur zwei Mal vorgekommen.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen