zur Navigation springen

Nis-Albrecht-Johannsen-Schule : Schulleiter in Risum-Lindholm geht in den Ruhestand

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Noch zwei Wochen – dann hört Gerd Vahder auf. Nach den Ferien könnte man ihm aber nachmittags in der Schule begegnen.

Im Büro von Gerd Vahder sieht eigentlich alles aus wie immer. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Blöcke, Schnellhefter, Arbeitsbögen, Bücher und mehr der Aktenschrank ist prall gefüllt. Etwas aber ist anders: In einer Ecke steht ein „Abschiedskalender“, der soll ihm den Weg in den Ruhestand versüßen soll. „Nur noch knapp zwei Wochen“, sagt der Noch-Leiter der Nis-Albrecht-Johannsen-Schule in Lindholm und seufzt. „Es passiert alles zum letzten Mal.

Das letzte Mal Bundesjugendspiele, das letzte Mal Schulfest, das letzte Mal Kinder-Biike. Und ich bin doch noch mittendrin, mir macht alles noch so viel Spaß“ , sagt der 65-Jährige und isst seine Tagesration Marzipan aus seinem Abschiedskalender. Wer Gerd Vahder eine kleine Freude machen möchte, schenkt ihm Marzipan. Wer ihm eine große Freude machen möchte, lernt Friesisch.

Rückblick: Zum ersten Mal hört der gebürtige Kieler die für ihn völlig fremde Sprache kurz vor dem Studium, als ein Bekannter aus Maasbüll mit einer Tante telefoniert. Dass jene Tante die Friesischlehrerin ist, die Vader an der Schule in Lindholm ablösen wird, erfährt er erst viel später – doch sein Interesse ist geweckt. Intensiveren Friesisch-Kontakt bekommt er an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg: Bei einem Info-Abend mit Teepunsch und Musik fängt er vollends Feuer. „Da gab es Folklore und Typen, die was zu sagen hatten – das hat mir alles gut gefallen“, berichtet Gerd Vahder.

Der Abend hat Folgen: Der angehende Lehrer wählt zu seinen Studienfächern Mathe und Technik freiwillig noch Friesisch dazu, paukt sogar im Urlaub Vokabeln. Das zahlt sich aus: Während Mitte der 80er Jahre viele junge Pädagogen arbeitslos bleiben, bekommt er bald eine Vollzeitstelle als Friesischlehrer. Und nutzt die Chance, sein Fach an seiner Schule in Lindholm und überregional nach vorne zu bringen. Sein Ziel: den besonderen Wert und Reiz der friesischen Sprache und Kultur Kindern wie Erwachsenen näher zu bringen.

„Friesisch in Schule und Vorschule“, Sprachkurse für Eltern, Frasche Feriin for e Ååstermååre, Fachberater Friesisch beim Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH), Nordfriisk Institut – wo Friesisch in Schleswig-Holstein draufsteht, steckt meist zumindest ein Stückchen Vader-Initiative drin. „Und das als Rucksackfriese“, sagt der 65-Jährige. Das ist seine Bezeichnung für jene, die nicht aus einer friesischen Familie kommen, aber die Sprache trotzdem schultern. „Friese ist, wer sich als Friese fühlt“, sagt Lernfriese Vahder mit Nachdruck. Diese Einstellung teilen offensichtlich auch andere: 2015 haben ihn die Leser des Nordfriesland Tageblatts zum Menschen des Jahres gewählt.

Seit 1984 ist Vahder Lehrer an der Lindholmer Schule, seit 2007 Schulleiter – und nun stehen ihm Sommerferien ohne Ende bevor. Es gibt vieles, was der 65-Jährige vermissen wird. „Zu Hause ruft niemand: Hallo, Herr Vahder! Haben wir heute Friesisch?’, sobald ich aus dem Auto steige“, berichtet er. Hunderte von Schülern hat er ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet – bis 2012 sogar von Klasse 1 bis 9, danach wurde die Nis-Albrecht-Johannsen-Schule zur reinen Grundschule. Die Hauptschüler hätten ihm immer besonders am Herzen gelegen, sagt Vahder. Vielleicht auch, weil der gelernte Tischler selbst auf dem zweiten Bildungsweg zu seiner Lehrer-Berufung gekommen ist.

„Friesisch für alle“ – diesen Anspruch hat er an seiner Schule umgesetzt. Noch immer gibt es zwei Stunden Friesischunterricht pro Woche in allen Klassen. Wichtig sei ihm zudem gewesen, Kinder als Persönlichkeiten zu fördern, authentisch zu bleiben sowie Schüler, Kollegium und Eltern zu motivieren und mitzunehmen. Wie gut ihm das gelungen ist, wird sich am Freitag, 21. Juli, zeigen: Dann hat Gerd Vater offiziell seinen letzten Schultag und wird mit großem Bahnhof und einigen Überraschungen verabschiedet.

Und danach? Sein schwarzer Mercedes wird nicht mehr auf dem Schulparkplatz stehen. Allerdings: „Als Rentner-Mobil habe ich mir ein altes schwarzes Audi-TT-Cabrio gekauft“, berichtet Vahder. Darin will er mit seiner Frau Karin durch schöne Landstriche cruisen. Und trotz Ruhestand dann und wann damit an der Schule parken. Denn: „Ich werde weiterhin die Lernwerkstatt Friesisch betreuen.“

Diese Einrichtung hat er 1996 aus der Taufe gehoben, Sponsor ist der Nordfriesische Verein. Jetzt will er die friesischen Lernmaterialen aller Art sortieren, katalogisieren, digitalisieren – damit die Lernwerkstatt nach einer Grundüberholung allen Interessierten offenstehen kann. „Ich will aber nur nachmittags in der Schule sein“, sagt Vahder. Trotzdem Ganz ohne Schule geht es also nicht. Und ohne Friesisch schon gar nicht.

 

zur Startseite

von
erstellt am 06.Jul.2017 | 04:36 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen