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Altes Küsterhaus : Rasantes Ende für das marode Haus in Niebüll

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Postkartenansicht ade: Das sogenannte Küsterhaus in Niebüll ist gestern innerhalb eines Tages abgerissen worden.

Über Jahre hinweg verfiel das so genannte Küsterhaus am südlichen Kirchentor in Niebüll. Gestern ist es nun binnen eines Tages abgerissen worden. „Ich bin froh, dass die Eigentümerin jetzt handelt“, kommentiert die Vorsitzende des Geschichtsvereins, Beate Jandt, die unangekündigten Arbeiten. Einige Niebüller sehen das anders: „Schade, dass immer mehr charakteristische Bauten in Niebüll verschwinden“, sagt Ute Johannsen, die täglich auf dem Weg zum Bahnhof am Haus vorbeigegangen ist. „Traurig“, sagt auch Georg Böhm vom Vorstand der Interessengemeinschaft (IG) Baupflege Südtondern.

Jahrelang hatte er gemeinsam mit Mitstreitern in der „Küsterhaus-Riege“ für den Erhalt des historischen Hauses gekämpft, das auf vielen Postkarten der Stadt abgebildet ist (wir berichteten). „Wir haben zwar 2013 erreicht, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht“, so Böhm, „doch die Besitzerin sah sich nicht dazu verpflichtet, das Haus zu restaurieren“. Das in den Vorgang eingeschaltete Denkmalschutzamt verfügt über geringe finanzielle Mittel und strebt daher eine einvernehmliche Lösung mit Eigentümern an. Im Fall des Küsterhauses ist dies nicht gelungen.

Das Reetdach des Hauses wurde lange nicht neu gedeckt.
Das Reetdach des Hauses wurde lange nicht neu gedeckt.
 

Die Besitzer, eine Hamburger Hoteliersfamilie, die neben dem Niebüller Hof und dem Landschaftlichen Haus weitere Häuser am Kirchensteig ihr eigen nennt, hatte in der Vergangenheit Renovierungen angekündigt, die jedoch nie vollzogen wurden. Für eine Stellungnahme war die Familie am Dienstag nicht zu erreichen. Vor sechs Jahren hatte sich im Rathaus ein Kreis von Niebüllern zusammengetan, die einen Neustart der Bemühungen um das Haus versuchten. Mit dabei waren Ur-Niebüller wie Uwe Sönnichsen, Guido Tödt oder Friedrich Paulsen und der Vorstand vom Geschichtsverein. Sie betonten unter anderem, dass ein Denkmal nicht nur privater Besitz sei, sondern „als kulturelles Erbe auch ideelles Eigentum der Allgemeinheit“.

Dieses Engagement wurde damals unter anderem vom Niebüller Bürgermeister Wilfried Bockholt gedämpft, der sich auf das Recht des Privateigentums der Eigentümer berief, auf das die Stadt keinen Einfluss habe. Vertreter der Stadt durften sich am Dienstag nicht zum Abriss äußern, da es um Privateigentum geht. Das Thema sei daher in nichtöffentlicher Sitzung beraten worden, sagte der Bauausschuss-Vorsitzender Holger Jessen (SPD). Auch Kurt-Heinz Jepsen vom Kirchenbauausschuss, der während der Arbeiten darauf achtete, dass das Kirchentor nicht beschädigt wurde, wollte sich zu dem Fall nicht äußern. „Ich darf nichts sagen“, war seine karge Botschaft.

Die Fenster vernagelt und mit Graffiti besprüht: Einige Niebüller störten sich schon lange am Haus an der Niebüller Rathausstraße.
Die Fenster vernagelt und mit Graffiti besprüht: Einige Niebüller störten sich schon lange am Haus an der Niebüller Rathausstraße.
 

Die Geschichte des Küsterhauses, das um 1800 gebaut wurde, kennt Albert Panten aus der Erinnerung. „Ein Küster hat hier nie gewohnt“, sagt er. Der vorletzte Besitzer hieß Heinrich Fischer, ein Ziegeleiarbeiter aus der Detmolder Gegend, der sein gesamtes Leben dort verbrachte. Bereits zu seinen Lebzeiten ergab sich die bunte Postkartenidylle aus dem Friedhofsportal (1778) und Christuskirche (1728/9) sowie den wunderschönen alten Bäumen. Fischers Nachfahren verkauften das schmale Friesenhaus in den 90er Jahren an die Hoteliersfamilie. Deren Pläne, das Haus um einen Anbau zu erweitern und für Ferienwohnungen zu nutzen, wurden von der Stadt nicht genehmigt. Noch zu Zeiten von Bürgermeister Heinz Loske (Amtsinhaber 1974 bis 1998) bot die Eigentümerin der Stadt daher das Haus zum Rückkauf an.

Dieses Ensemble existiert seit gestern nur noch auf Bildern.
Dieses Ensemble existiert seit gestern nur noch auf Bildern.
 

„Dies wiederum wollte der Bürgermeister nicht“, erinnert sich Albert Panten. Denn schon damals war abzusehen, dass der Erhalt kostspielig wird. Ohne die erhaltenden Maßnahmen verfiel der Altbau immer mehr. Sobald ein solches Gebäude nicht mehr „Verkehrssicher“ ist und Passanten– zum Beispiel durch herabfallende Balken – verletzt werden können, darf auch ein denkmalgeschütztes Haus abgerissen werden. Allerdings erst wenn eine behördliche Genehmigung dazu vorliegt. Das ist beim Haus an der Niebüller Kirchenstraße der Fall.

Das Bauamt der Stadt hatte in einem ersten Schritt die Abrissgenehmigung erteilt. Für diese Gegend gilt eine Ortsgestaltungssatzung, die einen Neubau im alten Stil vorsieht, wenn die Bauten der Umgebung (Pastorat, Kirche, Eingangsportal) ebenfalls unter Denkmalschutz stehen. Da die Baugenehmigung an diese Vorgabe gekoppelt ist, gehen Insider davon aus, dass die „alte“ Ansicht bald ein Revival feiert. Wann das soweit ist, war zunächst unklar.



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erstellt am 16.Mai.2017 | 11:20 Uhr

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